Logbuch

BENZOL IM BLUT.

Ich werde mich nicht an Kernkraftwerken festkleben. Das denke ich, da sie gerade den Kühlturm in Biblis sprengen. Aber ich werde auch keine LNG-Tanker aus Qatar segnen. Dazu bin ich zu lange dabei. Ich habe Schlacke im Knie und Benzol im Blut.

Kein Mensch weiß noch, klage ich, was ein KONDITIONALSATZ ist. Dabei ist er der Grundpfeiler der Logik, genauer gesagt, des logischen Denkens, also der Verstandeskraft. Der KONDITIONALSATZ formuliert eine Folge. Er sagt: „Wenn…, dann…!“ Wenn VON zwei Größen jede einer dritten gleich ist, dann sind sie untereinander gleich. So was.

Anwendung in der Energiepolitik. Wenn die IMPORTABHÄNGIGKEIT von russischen Pipelinegas ein Souveränitätsproblem war, dann ist die Abhängigkeit von amerikanischem LNG-Gas es auch. Wenn IMPORTABHÄNGIGKEIT überhaupt das Problem ist, dann muss man aus eigenen Quellen schöpfen. Wenn wir eine apokalyptische Klimakatastrophe durch fossile Energieträger forcieren, wird man auf erneuerbare setzen müssen. Wenn Sonne, Wind und Effizienz ausgereizt sind, dann bleibt nur die nukleare Option. Ups.

So sehen das jedenfalls die Franzosen; sie bauen die Kernkraft zur Stromerzeugung massiv aus. Die Franzosen sehen darin eine nationale Option und zwar ökologisch (Klima) wie ökonomisch (Kosten) wie militärisch (Atomwaffen). Sie wissen, dass eine kostengünstige Energieversorgung Brot & Arbeit bringt. Wer Gas verteuert, verteuert Kunstdünger. Wer Kunstdünger verteuert, verteuert Reis und Korn. Na, was raten wir den Hungernden? „Ach, sollen sie doch Kuchen essen, wenn sie kein Brot haben?“

Wenn die Franzosen die Vierer-Formel (Sonne-Wind-Effizienz-Atom) mehrheitlich für klug halten, dann sind sie halt Idioten. Das ist der deutsche KONDITIONALSATZ. Ich habe da Zweifel. Ich halte die Franzosen für die besseren Europäer. Kernenergie ist eine nationale oder europäische Option, auch dann, wenn ich sie in einem militärisch-industriellen Komplex sehe. Die Frage ist, ob die militärische Euphorie, die die Grünen neuerdings eingenommen hat, auch im Industriellen zu erwarten sein wird. Ich hätte es vor Jahren ohnehin andersrum erwartet. Man singt den Kanonensong aus der Dreigroschenoper nun allenthalben, während Leo-Eins-Geräte von 1965 ausgemottet und gesegnet werden. Ja, gesegnet.

Fachlich: Ist der Kernbrennstoff ein unlösbares Problem in Beschaffung und Entsorgung? Gilt also das letzte Alibi-Argument der Anti-AKW-Lobby? Wenn ich dieses letzte Häufchen der Aufrechten beraten müsste, was ich täte, wenn die wollten, würde ich Vorsicht empfehlen. Wir reden über sehr, sehr kleine Mengen eines sehr, sehr gut zu messenden Stoffs, der mit einigen Aufwand und professioneller Vorsicht durchaus zu beherrschen ist. Das ist nicht trivial, aber es ist ein kalkulierbares Risiko. Wenn Kohlendioxid schon morgen die Apokalypse bringt, wenn das stimmt, dann würde ich sagen: Kann ich bitte die nukleare Option noch mal sehen?

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DER MENSCH EINE MASCHINE.

Mittels KÜNSTLICHER INTELLIGENZ kann man mittlerweile ganze Texte vom Computer verfassen lassen. Dazu gibt es eine Software, an die jeder kommt. Das Zeitalter der SCHREIBAUTOMATEN hat begonnen.

Es wird künftig nicht nur vom Banknachbarn abgeschrieben, der alte Lausbubentrick, oder von Wikipedia abgekupfert, nein, der Apparat dichtet gleich ganz am Stück. Dieser Menschheitstraum ist nicht so ganz neu. Schon vor hundert Jahren gab es auf Jahrmärkten SCHACHAUTOMATEN, Maschinen, die das komplizierte Spiel beherrschten. Edgar Allan Poe hat sich damit eindrucksvoll beschäftigt; aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte. Jetzt gibt es Examensarbeiten wie Liebesgedichte aus der Retorte. Fasziniert sind davon jene Schreiberlinge, die ihr Monopol als Skribenten gefährdet sehen, also Journalisten.

Plagiatsjäger entwickeln gerade ein Instrumentarium, das in den künstlichen Texten Hinweise findet, die den synthetischen Ursprung enttarnen, sogenannte AI-Marker (AI steht für artificial intelligence). So will der Prof den windigen Studenten erwischen. Und die begattungswillige Jungfrau den schwindelnden Lover. Fools game. Das geht schief, weil AI lernen kann, was sie enttarnt und das dann routiniert vermeidet. AI ist so wirksam, weil sie sich ein Dreck um Logik schert; das Luder korreliert nur, aber sehr oft. Wer oft genug korreliert, hat dann irgendwann Kausalität. Kybernetik, eine Geheimwissenschaft.

Ich kenn mich da aus. Ich selbst sitze an der Software-Entwicklung für Marker der natürlichen Intelligenz. Die baue ich dann in meine Logbucheinträge ein, die ich demnächst vom Automaten schreiben lasse, während ich gemütlich ausschlafe statt frühmorgens schon zu dichten.

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ASSIMILATION.

Alle Kulturen beruhen auf Aneignung. Das Plagiat ist geradezu deren Prinzip. Nicht immer wird es dann eine Renaissance. Neues aus der Provinz.

Wir sind durch den Knüllwald gefahren und im beschaulichen Bad Wildungen bei einem Italiener eingekehrt, der auf seiner Pizzakarte als erstes die Version HAWAII anbietet, weil der Einheimische die mag. Ich rede darüber mit einem Nordhessen, dessen Vater aus Sizilien kam und der nun seine Töchter im Service beschäftigt. Aus den Lautsprechern summt Eros Ramazotti.

Ein Nordhesse am Nachbartisch schaut auf die Uhr, um zu beschließen, dass es spät genug sei für einen „richtig schönen Rotwein“. „Was haben Sie denn an Kräftigen da?“ Die junge Frau bietet ihm einen Primitivo an. Primitiv will er es aber nicht. Sagt er auch so. „Haben Sie keinen Rocha?“ Hatte sie nicht. Dann hat er „rot lieblich“ genommen.

So assimiliert sich die Malle-Erfahrung des Nordhessen mit der kulturellen Nachsicht des Provinz-Restaurant-Betreibers zu Süßwein mit Ananas. „That‘s about all there is to tell from a little trip into living hell.“ (Johnny Cash)

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VERLEGERMACHT.

Ich höre, dass die beiden Tageszeitungen der Hauptstadt zusammen noch 150.000 Auflage haben, dabei der TAGESSPIEGEL drei- oder viermal soviel wie die BERLINER, die zum verqueren Ossiblättchen verkommt. Daran hat auch Anteil, dass die Menschen von elektronischen NEWSLETTERN geweckt werden, bevor sie überhaupt zum Briefkasten geschlurft sind. Das Phänomen heißt in Berlin CHECKPOINT.

Mir hat der damals Regierende zu Berlin (der OB) mal in seinem Büro erzählt, dass er jeden Morgen eine ganze Stunde mit dem Ärger verbringen könnte, die der CHECKPOINT der Kommunalverwaltung bereite, weshalb er den nicht mehr lese; was erkennbar eine Flucht vor der Öffentlichkeit in die Verwaltung ist. Heute heißen die Sturmgeschütze der Demokratie „table“ und kommen schon nachts. Hier herrscht das Derivat inzwischen über das Paradigma, der Pressespiegel über seine Mutter, das Briefing über die Welt.

Deshalb zu wirklicher Verlegermacht. Lese ich das richtig, dass der Eigner der Icks-Plattform inzwischen fast 200 Millionen Leser hat, netznotorisch Gefolgschaft genannt? Und zwar bei einem Medium, bei dem für die wachsende Reichweite keine weiteren Bäume gefällt werden müssen? Sehe ich das richtig, dass er seine eigene Kommunikation dort rigoros seinen Geschäftsinteressen unterordnet, die er wie alle Citizen Kanes als seine persönliche Meinung verkauft, also als schützenswertes Verfassungsgut?

Er sagt, was er will, weil er es kann. Dabei leidet er nicht an ordnungspolitischen Rücksichtsnahmen. Kaum ist die demokratisch gewählte Regierung des Vereinigten Königreichs exterritorial abgewatscht, wird die Präsidentschaftskandidatin seiner Wahlheimat zur veritablen Kommunistin erklärt. Er wagt es sogar, dabei den Bärtigen aus Trier zum Beweis zu zitieren.

Oh, ha! Das geht jetzt ein bisschen zu weit. Das Privileg, den Bärtigen zu zitieren, würde ich mir ungern von jemandem nehmen lassen, der naseweis auf dem Mars von Rosebud träumen will. Den Karl, den soll er uns bitte lassen.