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GUTES TUCH.

Der Niedergang der Bekleidung geschah in drei Schritten. Vom Tier zur Pflanze zur Chemie. Wir sollten uns rückbesinnen auf Samt & Seide. Und natürlich das Haar der Schafe, die Wolle.

Gestern griff ich in der Eile nach meinem alten blauen Mantel. Welch ein Glück. Er ist warm und weich, ein Schmeichler für die Hand, die über ihn streicht. Ein edles Tuch, das ich mal zufällig in Frankfurt gekauft habe. Wolle mit Kaschmir oder aus Kaschmir, keine Ahnung. Jedenfalls geschorenes Schaf. Drüber steht nur noch die Raupe, die den Seidenfaden spinnt.

Die Industrialisierung der Bekleidung begann mit der Baumwolle. Von der Tierfaser zum Gewächs. An die Stelle des englischen Tuchs trat die amerikanische Blue Jeans, ein Mythos der Massen. Ursprünglich Arbeitskleidung, heute mit den simulierten Insignien der Armut, verwaschen und zerrissen. Ein habitueller Zynismus derer, die noch keine einzige Hose in harter Arbeit zerschlissen haben.

Dann Polyester und Polyacryl, die chemischen Fasern erobern leichterdings, was man früher bockigen Schafen und kapriziösen Raupen abringen musste. Der Mensch als wandelnde Plastiktüte. Nur kalt gewaschen, aber schweißgetränkt. Ekelhaft.

Plastik auch an den Füßen, weltweit. Anständige Schuhe sind eigentlich aus Pferdeleder. Aber das zu erwähnen, heißt sich auf dünnes Eis zu begeben. Ein Tier zu scheren, das hält der Zeitgeist noch aus. Wer ihm aber das Fell über die Ohren ziehen will, der macht die Veganen wach. Das geht an Heiligabend eher nicht. Ich hänge den Wollmantel zurück und wähle die gewachste Cotton-Jacke von Barbour. Ich weiß jetzt schon, wie man darin zittert, während es den anderen in ihren grellen Plastikjacken pudelwohl ist, diesen Kulturbanausen.

 

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AULD LANG SYNE.

Der Schotte als solcher ist schon sentimental. Der angetrunkene Schotte wird rührselig. Der besoffene Schotte heult aus Selbstmitleid wie ein Schlosshund. Und singt.

Getragener Kitsch. Aber das Whiskyglas „a cup o(f) kindness“ zu nennen, das ist Weltliteratur. Ich grüße aus Eddinborrow.

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FREUNDSCHAFT.

Grußformel aus DDR-Zeiten. Eine beste Freundin haben Mädchen in der Vorpubertät. Männerfreundschaften sind alten Säcken vorbehalten oder Schwulen. Ansonsten gibt es eine Inflation der Freundschaften bei Rotary, den Freimaurern und in der Politik. Parteifreund ist die Steigerung von Erzfeind.

Ich nehme ein Buch zur Hand, in dem ein Aufsatz steht, den ich in den Siebzigern mit einem Kommilitonen geschrieben habe; darin eine Fußnote, in der wir einem Dritten für einen Hinweis auf eine Quelle danken. Der Kerl war aus meiner Generation und lebt schon lange nicht mehr. Also kann er sich gegen die Vereinnahmung als Freund nicht mehr wehren. Schon gar nicht gegen das Attribut eines „alten“ Freundes. Möge die Erde ihm nicht zu schwer werden.

Bei den Männerbünden unter Waffen („brother in arms“) spricht man zu unserem Thema von Kameraden, inzwischen auch weiblichen Geschlechts. Dem Soldaten ist die Kameradschaft befohlen; so heißt das Gesetz der vertikalen Verbindlichkeit. Unter Akademikern lobt man den „Mitkämpfer“ als Kommilitonen; im Kampf um die Wahrheit. Im linken Milieu wird das Solidarität genannt, sprich unter Genossen. Im Nachkriegsdeutschland hießen die ehemaligen Nazis „alte Kameraden“, nicht für jeden ein Lob, das er noch hören wollte nach dem Endsieg, der das Gegenteil war.

Wie komme ich drauf? Nun, ohne Namen zu nennen: Es hat mir ein alter Freund eine schwierige Arbeit abgenommen, weil ich „zu“ war, und heute nachts um zwei abgeliefert. Er kriegt kein Geld dafür, allenfalls seine Frau einen Strauß Blumen. Das war also ein FREUNDSCHAFTSDIENST, ein Dienst aus Freundschaft, an der Freundschaft. Ich staune über den wunderbaren Begriff, bei dem ich hier gelandet bin. Danke, alter Freund!

Es gibt da ein Brecht-Wort zur fehlenden FREUNDLICHKEIT, nach dem man gelegentlich gut sein soll, auch zu sich selbst. Irgendwie liegt Weihnachten in der Luft. Unvermeidliche Sentimentalität.

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KANON.

Früher bestand Bildung darin, dass man bestimmte Dinge kannte, kennen sollte. In der Mathematik die vier Grundrechenarten und in der Physik den Zweiten Hauptsatz der Thermodynamik. Im Englischen ein großes Drama der Elisabethaner und im Sport den Felgaufschwung. Das hat die moderne Didaktik abgeschafft und durch Lernziele ersetzt.

Seitdem kann man Abi haben, aber nie den Faust gelesen; daran merkt man schon, dass sich über den Bildungskanon streiten lässt. Goethe ist nicht wichtig. Shakespeare ein Vielschreiber und der Barren ein Folterinstrument. Was also muss man wissen, wenn man kein regelrechter Idiot sein will? Woher stammt das Motto der Lukacs’schen Ästhetik? Aus Marxens Kapital, klare Sache. Zum Beispiel. Das ist sie, die Frage nach dem Kanon.

Ich habe gestern hier zum allgemeinen Unverständnis eine Episode aus einem Film von 1941 zitiert, mit dem der junge Orson Welles die großen Verleger seiner Zeit karikieren wollte. Das Schätzchen heißt CITIZEN KANE. Die angesprochene Schlüsselszene betrifft einen Kinderschlitten mit dem Namen ROSEBUD. Kennt kein Mensch mehr. Gilt als abgedreht. Könnte ich auch Homer im Original zitieren. Gehört wohl nicht mehr zum Kanon.

Dann nenne ich, wieder, um der Zensur zu entgehen, KARL MARX den „Bärtigen aus Trier“. Noch so ein kryptisches Ding. Nur mein Freund Martin aus Brunsviga weiß, wovon ich spreche. Er gehört halt zu denen, die das KAPITAL gelesen haben, die Bände 23 bis 25 der Marx-Engels-Werke. Lire le capital. Sind auch nicht mehr viele. Aber Elon Musk zitiert einen Satz des Bärtigen, der dort gar nicht steht. Was soll’s. Bücherwissen. Staub. Nun gut, aber Filmklassiker, gehören die dazu?

Darf ich mal fragen? Die Außenseiterbande? Die Mutter und die Hure? Tote schlafen fest? Panzerkreuzer Potemkin? Paul? Taxi Driver? Nein, nichts? Alter Schwede. Die Abschaffung des Kanon war ein echter Fehler.