Logbuch

REPRÄSENTATIV.

Im Himmel ist Jahrmarkt. Alle Kandidatinnen und Kandidaten für die Bundestagswahl sind wirklich repräsentativ, jede und jede für ihre jeweilige Partei. Wir haben eine Parteiendemokratie. Und diese Parteien haben diesmal sehr gut ausgewählt. Selten passten die Gesichter so gut zu den Läden, die sie entsenden. Repräsentativ eben. Eigentlich müssten wir hoch zufrieden sein.
Frau Bär-Bock steht für ein Greta-Regime mit menschlichem Antlitz. Der katholische Armin Lass Ett verkörpert der Rheinischen Kapitalismus sogar im Tonfall. Die SPD hat im Scholzomaten eine notorisch gut gelaunte Sprechpuppe, sehr verlässlich. Die Linkspartei bietet einen kultivierten Herrn aus der DDR. Die Liberalen haben sich sogar inhaltlich festgelegt; sie werden keiner Regierung beitreten, die die Steuern erhöht. Also wird Herrn Lindlein wieder keiner Regierung beitreten. Überhaupt hat man den Eindruck, dass diese Herrschaften schon bei der letzten Regierungsbildung rauchend auf einem Balkon zusammenstanden.
Die Parteien wirken an der Willensbildung mit, sagt das Grundgesetz. Dabei haben sie diesmal wirklich Repräsentanten ihrer selbst gefunden. Kirmes im politischen Himmel. Warum ist er, der Souverän, nicht besser gelaunt? Was denn noch?

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VENEDIG.

Venedig sei, schreibt eine deutsche Journalistin, die wunderbare Petra R., die dort lebt, eine METAPHER für die Welt. Das ist, typisch für das ITALIENISCHE in unseren Seelen, ein wenig übertrieben. Die Lagunenstadt ist ein SYMBOL für die STADT. In der Tat ist die fundamentalste Erfindung der MODERNE die Stadt. Wie alle guten Dinge in ihrer Enge aus der Not geboren, erwies sie sich als INKUBATOR, als Brutschrank des Fortschritts. Die Stadt entsteht durch die Stadtmauer, das Einschließende, das ein Ausschließendes ist. Wehrhaft gegen der Rest der Welt. Wär mir gerade sehr recht.
Ich bin kein Historiker; würde ich es noch, würde ich über die MITTELALTERLICHE STADT forschen. Die Herren Venedigs haben aus dem von der Natur geschützten Hafen die Welt beherrscht, ihre damalige Welt. Ein idyllischer Rückzugsort, dessen Idylle Schutz war, vor den Piraten oder anderen ehrbaren Kaufleuten. Was die BURGEN dem Adel, waren die bewährten Städte den Bürgern. Keine Renaissance ohne Städte, keine Bank.
Die Dogen Venedigs erzwangen zudem, dass Schiffe aus China vorsorglich 40 Tage auf Reede mussten, bevor man die Weitgereisten hinein lies. QUARANTÄNE genannt. Gute Idee. Kommt mir modern vor.

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BIRD WATCHER.

Während ich in den verregneten Garten starre, amüsieren mich Piepmätze. Es gibt da ein Futterhäuschen, zugegeben im Stil eher kitschig, aber mit den so beliebten Fettknödeln, in die Sonnenblumenkerne gearbeitet sind. Ein BIRD WATCHER zu sein, das ist im Englischen durchaus ehrenwert. Herrlich, diese zarten Gesellen, anmutig zu betrachten, mit wieviel Grazie sie um die Ecken gleiten. Und ab zu eine Elster. Eine Erholung für die Seele. Natur ist so schön, wo unberührt. Immaculata.
Das Futter hat nachts Mäuse auf den Plan gerufen, die es verschleppen. Obwohl, so kleine Mäuschen und so große Knödel? Könnte auch die Elster gewesen sein, ein Nesträuber, der sich von den Eiern der Singvögel ernährt. Oder, sagt der Nachbar, der Steinmarder, der Sauhund, der ansonsten die Kabel im Motorraum meines Autos verbeißt. Soll sich lieber die Elster holen, der Marder. Nun, das Futter lockte den Waschbär, der nun unterm Dach wohnt. Von wegen unberührt. Tauben vergiften im Park.

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HELDENLOS.

Das Attentatsopfer Donald Trump galt als unbesiegbar. Mit dem Kennedy-Moment wirkte er für den europäischen Betrachter gesichert als neuer Präsident der US of A.

Das erscheint plötzlich wie der Schnee von gestern. Wir sehen eine Frau in den besten Jahren unverstellt fröhlich lachen; und der alte weiße Mann erscheint entzaubert.

Es war genial, dem Imperator Trump als „weird“ zu kommentieren; das meint „seltsam“ in einem eher unheimlichen Sinne. So schlägt das ehemalige Genie des Einfachen in eine Konnotation des Irren um. Wo ist das noch bei Shakespeare, dass der König geisteskrank ist?

Wir sehen den englischen Premier als Inkarnation wiedergewonnener Normalität in schwerer See und müssen um ihn fürchten. Und der deutsche Kanzler verbirgt sich in sicherer Langeweile; das ist für einen Regierungschef aus dem Lager der SPD vielleicht ein kluges Konzept.

Aber geht das auf Dauer? Führung aus dem Unverbindlichen? Kann eine Volkspartei von dem leben, was diese Spitze intellektuell vorträgt? Kaum vorstellbar. Nicht einmal ein befreites Lachen gelingt der bösen Frau.

Wir leben als Nation in einer Zeit arm an Helden. Das ist bitter. Und in den Regionen und Milieus da werden sie kommen, die Westentaschennapoleons, meinst blauer Farbe. Ein Blau durch das der braune Grundton schimmert.

Kann ich die nette Frau noch mal lachen sehen, bitte.