Logbuch

DER FREMDE.

Kipling galt als Propagandist des Imperialismus. Der Stammpoet des Weißen Mannes. Ein beachtlicher Irrtum. Er war ein Gefangener der Geschichten seiner Zeit, die er virtuos zu erzählen wusste.

Mit nur 42 Jahren war der englische Dichter Rudyard Kipling Nobelpreisträger für Literatur; der jüngste bis heute. Berühmt wurde er leider über Gelegenheitsarbeiten wie das Kinderbuch vom Dschungel. Im Alter verblasste sein Ruhm. Heute ist sein Werk über weite Strecken vergessen. Dabei ist er ein großartiger Erzähler. Den jungen Bertolt Brecht hat er stilprägend beeinflusst.

Kipling war Spross einer anglo-indischen Identität, eines Mischmilieus, das der britische Imperialismus hervorgebracht hat. Das Lahore seiner Jugend liegt heute in Pakistan. Aber es verschlug ihn auch in das Kleinbürgertum Südenglands, nach Amerika, nach Afrika. Ein Rastloser mit tiefer Sentimentalität. Wie der tragische Maler, der langsam sein Augenlicht verlor, von dem er erzählt. Seine Welten, die er virtuos nacherzählte, sind schon zu seinen Lebzeiten alle untergegangen. Kipling zu lesen, das heißt, sich in vertraulichem Ton Fremdem zu nähern, mit der Weltsicht eines freimaurerisch geprägten Gentleman, der nirgendwo eine Heimat fand.

Nicht nur in Indien ist sein Werk heute geächtet. Es gehorcht nicht der einsinnigen Biederkeit des politisch Korrekten. Oft im Jargon des kahki-gekleideten Militärs schwadronierend zitiert es vergangenene Milieus; immer ironisch. So sagt er: „A woman is only a woman, but a cigar is a good smoke!“ Wer darüber lachen kann, ist kipling-geeignet.

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KOPFTUCH.

Religionsfreiheit ist nicht die Freiheit der Religion, sondern die Freiheit von Religion. Ihr steht keine staatliche Macht zu. Auch nicht im Iran. Von der Theokratie, also vermeintlicher Gottesherrschaft.

Das war denkwürdig, die Interviewabsage in New York. Der Iran wird von einer Theokratie beherrscht, einem Regime, das seine Herrschaft religiös begründet. Dabei gibt es scharfe Vorstellungen zur Geschlechtertrennung, sprich der Diskriminierung von Frauen. Ein symbolischer Ausdruck dessen ist wohl der staatliche Zwang zur Bedeckung des Haupthaares. Es wird von Sanktionen bei Nichtbefolgung berichtet, gar von Mord. Femizid ist das Wort. Eine Ungeheuerlichkeit.

In New York soll der Repräsentant dieser Glaubensdiktatur, Irans amtierender Präsident‚ anlässlich eines Auftritts bei der UNO von einer berühmten Reporterin für CNN interviewt werden und verlangt dazu, dass diese ein Kopftuch trage; aus Respekt ihm gegenüber. Sie weigert sich. Interview fällt aus. Das sagt etwas über die USA, über die amerikanische Pressefreiheit, vor allem aber sagt es etwas über ein Frauenbild. Vor dem muslimischen Laienprediger im höchsten Staatsamt hätte ein weiblicher Profi gesessen mit amerikanischem Pass und britisch-iranischer Abstammung, deren Familie Persien hat verlassen müssen, als die Islamische Revolution die Theokratien errichtete. Ein Gegenbild. Es geht um mehr als Kopftücher.

Ich sehe das mit so viel Empathie, weil ich in Berlin gelegentlich mit einer Frau rede, deren Familie ihre iranische Heimat hat verlassen müssen, als der religiös motivierte Terror begann und nun in Deutschland und Schweden exiliert. Meine Bekannte hat hier geheiratet und heißt jetzt Müller. Frau Müller aus Teheran, jetzt Charlottenburg. Ich höre aus der Stimme der kreuznetten Frau, wenn sie über ihre Heimat spricht, stets die tiefe Trauer über den Verlust einer Kulturnation. Ich sollte mich stärker für die Nachrichten aus dem Iran interessieren. Vielleicht nicht wegen Christiane Amanpour von CNN, aber wegen Frau Müller aus Teheran, jetzt Charlottenburg.

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SCHMACKO.FATZ.

Seltsamer Widerspruch: in der Spitzenküche feiert man das absolut Exotische. Zuhause hauen sie sich ein Ei in die Pfanne. Oder nehmen unterwegs Leberkässemmeln. Aufschlussreich.

In der KULINARISTIK werden Gerichte komponiert und gebaut wie Pralinen. Der Koch neigt sich mit einer langen Pinzette über einen Hauch von Fisch, dem er noch ein exotisches Aroma mitgibt, ein Blättchen seltener Bergkräuter, von persischen Jungfrauen gepflückt. Der Wein ein völlig entlegenes Tröpfchen. Austern und Schalentiere aller Art. Auch faulendes Fleisch und halbrohe Innereien. In Japan hatte ich noch lebendes Getier.

Der Verfeinerung des Geschmacks sind keine Grenzen gesetzt. Man mag über die Ethik der Stopfleber streiten, aber was der Drei-Sterne-Koch im Elsässischen daraus zaubert, ist göttlich. Dazu einen sehr alten, eindeutig überlagerten Dessertwein. Ultimativ.

So, und jetzt fragen wir die Gourmets nach ihren Lieblingsgerichten. Kommt dann Fasanenwade an Bärlauchschaum? Weit gefehlt. Pellkartoffeln mit geschmolzener Butter. Oder mit Quark. Oder das Spiegelei. Strammer Max. Auch: kesselwarme Fleischwurst im Brötchen. Fish & Chips. Ja, auch Currywurst Pommes rot weiß von Dönninghaus.

Ich habe schon eine Glatze hingelegt für ein Dinner; acht Gänge mit Weinbegleitung. Aber das Bauernfrühstück aus meiner Eckkneipe mit einem Gedeck, kein Zwanni, das ist für den Hungrigen der Himmel auf Erden. Ein Gedeck ist ein Helles mit Doppelkorn; ein Bauernfrühstück, das sind Bratkartoffeln mit Ei und Speck sowie Gewürzgurke mit kleinem Salat. Das nur als Erläuterung für die ewigen Banausen der Haute Cuisine.

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ZENSUR.

Das Grundgesetz ist unsere Verfassung, regelt also, was der Staat gegenüber den Bürgern darf und was nicht. Ein Grundsatz lautet: „Eine Zensur findet nicht statt.“ Der Staat hat die Meinungsfreiheit nicht einzuschränken.

„Moooment!“ rufen da die Verfassungsschützer, „außer wenn…“ Neuerdings gehören zu den staatlich sanktionierten Meinungen rechte Hassreden. Der dahinterstehende Lehrsatz lautet, dass Faschismus keine Meinung sei, sondern ein Verbrechen. Als gelernter Linker fühle ich mich bei dieser Debatte immer auf der Sonnenseite; aber so einfach sind die Dinge, wenn redlich betrachtet, nicht.

Ich halte die Strafvorschriften für bestimmte Bücher, Gesten und Parolen für historisch verständlich, aber nicht für politisch klug. Das positive Stigma befördert deren fatale Attraktivität in der Propaganda demokratiefeindlicher Kreise. Die Redefreiheit beschützt nicht weniger, sondern nur mehr öffentliche Rede. Dass die Bundesinnenministerin jetzt die Schlapphüte heimlich in die Wohnungen von Verdächtigen schicken will, beruhigt mich nicht. Die Frau ist ein politischer Trottel, eine Trulla.

Darf ich das sagen, über die Nancy? Ich darf, denn es geht mir nicht um die Schmähung einer Person, sondern um Regierungshandeln, das versucht hat, die Verfassung mittels Vereinsrecht auszuhebeln und damit vor Gericht krachend gescheitert ist; dabei den rechten Mythos von einer angeblichen Meinungsdiktatur unnötig nährend. Wie schon anderes: verfassungswidrig und damit politisch nicht klug. Eine Trulla.

Der englische Meinungsjournalist Konstantin Kisin trägt folgendes vor, als Bürger gegen seinen Staat: „Once they're done outlawing hate speech, i.e. speech they hate, they'll move on to outlawing hate facts, i.e. facts they hate.“ Das ist ein schweres Geschütz gegen eine linksliberale Regierung, die rechte Pogrome zu verhindern hat, die durch Hassreden im Netz aufgestachelt werden. Aber es ist keine grundlose Befürchtung. Eine solche Kritik des Staates muss dieser auch dann aushalten, wenn die Regierung sie für unerwünscht hält.

Mein Unwohlsein wird zudem durch diese Kameraderie von Schlapphüten und Journalisten genährt, die sogar Spitzenbeamte zu entlassen hilft und andere Pyrrhussiege gegen Rechts. Ich kenne einen Investigativen, der da tief drin steckt und mir sagt: „Die Investigativen bedienen sich der Dienste, während die Dienste sich in Wahrheit ihrer bedienen.“ Dieses gemischte Milieu missfällt mir. Weil ich weiß, dass das Einzige, was die Lüge fürchtet, ist, dass morgen irgendwo die Wahrheit steht. In dieser Furcht sollte jedermann leben müssen, der Macht hat. Deshalb findet sie nicht statt, die Zensur.