Logbuch

KERNGESUND.

Wir nähern uns dem Jahresende, Abgabedatum für die Liste mit den guten Vorsätzen. Ganz oben bei mir auf der Liste: Keine flapsigen Bemerkungen mehr über Karl Lauterbach, den salzfreien Ölprinzen aus Tofu-Land. Damit ist jetzt Schluss, weil ich mich ernsthaft einer allgemeinpolitischen Aufgabe widmen werde. Ich widme mich künftig Fragen der GESUNDHEITSWIRTSCHAFT. Zunächst berate ich mich, da Nachhilfe dringend nötig, dann vielleicht die Politik, so das dort jemanden interessiert. Wenn nicht, ist es schön, dass wir mal drüber gesprochen haben.

Als gelernter Berater weiß man, dass die Ameisenperspektive vom Adlerblick zu unterscheiden ist. Im Gewusel meines privaten Ameisenhaufens komme ich mit dem Angebot des deutschen Gesundheitswesens blendend klar. Man fühlt sich gut behandelt und darf auf Heilung hoffen. Voraussetzung dafür ist eine gewisse Agilität. Ich folge stets Empfehlungen von Fachleuten, die ich persönlich verhafte: „Wo würden Sie Ihre Frau hinschicken? Ich werde Sie nicht zitieren, aber geben Sie mir einen privaten Rat!“ So habe ich mittlerweile einen patenten Allgemeinmediziner, einen sehr guten Kardiologen, einen geschickten Zahnarzt, einen kundigen Dermatologen und bin in der großartigen Charité an ein neues Knie gekommen. Das alles geht auch auf Kasse.

Von anderen höre ich aber auch anderes. Undiagnostizierte Leiden in überfüllten Notaufnahmen. Kurpfuscherei. Aber das will ich jetzt und hier nicht breittreten. Es bleibt bei dem Befund, dass wir in Deutschland das beste Gesundheitssystem haben, wenn man es klug bis schlitzohrig zu nutzen weiß. Und Glück hat. Ja, es gibt eine soziale Selektion, wie bei anderen Fragen auch. Ob das als Zustand in der Politik allen genügt, da habe ich Zweifel. Damit zum Adlerblick.

Aus dem Neurechten Lager höre ich Töne, die mir noch aus dem England der Eisernen Lady vertraut sind. Magret Thatcher heißt jetzt Elon Musk und der ist zu einfachen Wahrheiten begabt. Sehr einfachen. Er sagt, dass der ungeheuere Mittelbedarf im Gesundheitswesen darauf zurückzuführen sei, dass die bürokratischen Entscheider dort Geld ausgäben, das ihnen nicht gehöre, und zwar für Menschen, die sie nicht kennen. Der Doppelfehler. So kritisiert die Neue Rechte den Sozialstaat, den sie eingrenzen oder gar abschaffen will. Selbst, wenn man dem politischen Angang nicht folgt, muss man einräumen, dass er nicht ohne Anlass ist. Wie so oft im Populismus. Berechtigter Anlass, falscher Grund, üble Schlussfolgerung. Der Dreischritt ins Verderben.

Darf ich zu den USA sagen, dass man hier in bestimmten Regionen wie Schichten ein medizinisches Entwicklungsland ist? Wovon also redet das Tesla-Genie Musk? Die Eiserne Lady hatte wenigstens noch den staatlichen NHS (National Health Service). Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.

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HEROIN-KULTUR: AB AN DIE FIXE.

Früher gab es eine Sünde, die zu tadeln, unrühmlich war. Wenn eine Elefantenkuh den Raum betrat, durften die Gazellen keine blöden Bemerkungen machen. Die Dicken verbaten sich das „Body Shaming“, weil die Übergewichtigkeit eine Behinderung sei, an deren Erwerb man keine persönliche Schuld habe. Freilich gab es Milieus, in denen die Fresssucht regelrecht überhand nahm und massenhaft weitere Krankheiten nach sich zog. Ich erwähne die amerikanische XXL-Kultur und die arabische Neigung, keinen Schritt mehr zu Fuß zu gehen. So immer sitzend überschreitet man leicht die magischen Hundert Kilo.

Moral war: Man tadele nicht, wer wirklich krank, also Opfer seiner Natur. Aber selbst für die zehn Prozent tragisch Stoffwechselgestörten hat die Pharma-Industrie jetzt einen Trost. Ich kenne mich im Medizinischen wie Karl Lauterbach nicht so richtig aus, sage deshalb allgemeinverständlich: ABNEHMSPRITZE. Lilly an der Nadel. Man kann durch tägliche Injektion das Hungergefühl so vollständig unterdrücken, dass man rasant abnimmt und bald aussieht wie Ricarda Lang die Zweite. Wer jetzt noch fett wie ein Walross, dem fehlt es am Willen. Weil, er könnte ja fixen. Eine böse Logik, eine sehr böse.

Mein Hausarzt verschreibt sie gern, die Abnehmspritze, sagt er, da frei von Nebenwirkungen. Fortschritt der Medizin. Darf ich darauf hinweisen, dass damit nur eine der sieben Todsünden getilgt ist? Es bleiben noch immer: Neid, Habgier, Wollust, Hochmut, Trägheit und Zorn. Das muss ja nicht sein. Ich fordere von BIG PHARMA eine entsprechende Wirkstofferweiterung. Das kann doch mit den neuen Impfmethoden so schwer nicht sein. Ob ich mir morgens eine Fixe ins Bauchfell hauen muss oder zwei, das ist doch einerlei.

Obwohl, wenn so von allen Lastern befreit, wie kriege ich den Tag um? Vielleicht ist es zu kurz gedacht, das Thema der katholischen Sündenlehre zu überlassen. Als moderner Mensch, da reichte mir doch einen Nachdenkspritze mit dem Wirkstoff VERNUNFT. Oder, wo die knapp, eine gehörige Dosis VERSTAND? Aber damit wären wir dann schon sehr weit entfernt, von dem, was wirkliche Menschen ausmacht. An die hatte Papst Gregor ja gedacht, als er vor Wollust und Völlerei warnte. Wirkliche Menschen wollen Glück. Dicke wie dünne.

Gibt es dafür keine Spritzen? Klar. Die so Beglückten liegen in Frankfurt am Bahnhof hinter einer Mülltonne in ihrer eigenen Kotze. Die Kinder vom Bahnhof Zoo. Janis Joplin. Heroin-Kultur. Ich bin mit Hippies groß geworden, die den Weg an die Nadel gingen; alle im Elend verreckt. Darf ich zart andeuten, dass ich die libertäre Euphorie von Lilly der Fixe nicht uneingeschränkt teile?

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VERLEGER MACHT.

Die Pressefreiheit hat einen Feind, den Verleger. Lehrsatz. Ist von mir und trotzdem richtig.

Ich kannte noch Axel Cäsar Springer persönlich, habe mit Rudolf Augstein geredet und Henri Nannen erlebt, ich traf den alten Maxwell, von dessen Tochter heute oft gesprochen wird, schätze Bodo Hombach, all diese als Verleger wahrgenommen. Ein Herausgeber oder gar ein Verleger ist der BESITZER eines Mediums, eine okkultere Macht als die der griffelspitzenden REDAKTEURE. Traditionell hielt sich der Verleger eine Redaktion, die nichts von ihm hielt, aber gehorchte, wenn auch widerwillig. Weiterer Kernsatz.

Unter den Wahlkampfmanagern der damaligen Ära genossen Kultstatus die PR-Leute von Bill Clinton in den USA und Tony Blair in England; sie nannten sich „spin doctor“ und „prince of darkness“. Ich besuchte sie alle und schaute mir ab, wie sie auch nur mit Wasser kochten. Heute gilt ihr Ruhm als vollständig beendet. Aber ich erinnere einen Satz, eine Anweisung, die damals als besonders rigoros galt. TALK TO THE PROPRIETOR. Rede nicht, Du Idiot, mit Redakteuren, irgendwelchen Griffelspitzern. Rede gleich mit den Besitzern. Man sollte die elende Redaktion verachten und beim Verleger selbst böse drohen oder bei ihm auf brav speichellecken. Meist das zweite.

Verlegermacht. Die war groß, als noch Papier bedruckt wurde; die ist um ein Vielfaches größer, seit es das Internet und die dahinterstehende Industrie gibt. Elon Musk, der Besitzer der Plattform X, hat gerade 230 Millionen Leser, die sich hier „follower“, also Gefolgschaft, nennen. Damit ich in seinem Universum nicht gänzlich untergehe, zahle ich als kleiner Kunde gern gut 30 Ocken im Monat und erhalte dafür einen blauen Haken; ich habe mittlerweile 15.000 mal was auf X gesagt und insgesamt 2000 Glossen geschrieben. Alles peanuts verglichen mit 230 Millionen. Das ist Auflage! So geht Reichweite!

Jetzt zur Verlegermacht, wenn der Verleger was macht. Zu vielen Themen gibt es in der digitalen Welt eine Meinung vom Boss. Kurz und knapp. Manchmal pointiert, gelegentlich noch im Jargon der netzaffinen Subkultur und oft politisch allozierbar. In welche Rolle bringt uns das, die Griffelspitzer aus Journalismus und PR? Nun, Schweigen reicht nicht, oder? Man lese das Jahresendstück von Kerstin Loehr in der Braunschweiger Zeitung. Mehr sage ich nicht, weil ich als alter PR-Mann keine junge Journalistin lobe.

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ZENSUR.

Das Grundgesetz ist unsere Verfassung, regelt also, was der Staat gegenüber den Bürgern darf und was nicht. Ein Grundsatz lautet: „Eine Zensur findet nicht statt.“ Der Staat hat die Meinungsfreiheit nicht einzuschränken.

„Moooment!“ rufen da die Verfassungsschützer, „außer wenn…“ Neuerdings gehören zu den staatlich sanktionierten Meinungen rechte Hassreden. Der dahinterstehende Lehrsatz lautet, dass Faschismus keine Meinung sei, sondern ein Verbrechen. Als gelernter Linker fühle ich mich bei dieser Debatte immer auf der Sonnenseite; aber so einfach sind die Dinge, wenn redlich betrachtet, nicht.

Ich halte die Strafvorschriften für bestimmte Bücher, Gesten und Parolen für historisch verständlich, aber nicht für politisch klug. Das positive Stigma befördert deren fatale Attraktivität in der Propaganda demokratiefeindlicher Kreise. Die Redefreiheit beschützt nicht weniger, sondern nur mehr öffentliche Rede. Dass die Bundesinnenministerin jetzt die Schlapphüte heimlich in die Wohnungen von Verdächtigen schicken will, beruhigt mich nicht. Die Frau ist ein politischer Trottel, eine Trulla.

Darf ich das sagen, über die Nancy? Ich darf, denn es geht mir nicht um die Schmähung einer Person, sondern um Regierungshandeln, das versucht hat, die Verfassung mittels Vereinsrecht auszuhebeln und damit vor Gericht krachend gescheitert ist; dabei den rechten Mythos von einer angeblichen Meinungsdiktatur unnötig nährend. Wie schon anderes: verfassungswidrig und damit politisch nicht klug. Eine Trulla.

Der englische Meinungsjournalist Konstantin Kisin trägt folgendes vor, als Bürger gegen seinen Staat: „Once they're done outlawing hate speech, i.e. speech they hate, they'll move on to outlawing hate facts, i.e. facts they hate.“ Das ist ein schweres Geschütz gegen eine linksliberale Regierung, die rechte Pogrome zu verhindern hat, die durch Hassreden im Netz aufgestachelt werden. Aber es ist keine grundlose Befürchtung. Eine solche Kritik des Staates muss dieser auch dann aushalten, wenn die Regierung sie für unerwünscht hält.

Mein Unwohlsein wird zudem durch diese Kameraderie von Schlapphüten und Journalisten genährt, die sogar Spitzenbeamte zu entlassen hilft und andere Pyrrhussiege gegen Rechts. Ich kenne einen Investigativen, der da tief drin steckt und mir sagt: „Die Investigativen bedienen sich der Dienste, während die Dienste sich in Wahrheit ihrer bedienen.“ Dieses gemischte Milieu missfällt mir. Weil ich weiß, dass das Einzige, was die Lüge fürchtet, ist, dass morgen irgendwo die Wahrheit steht. In dieser Furcht sollte jedermann leben müssen, der Macht hat. Deshalb findet sie nicht statt, die Zensur.