Logbuch
STUDENTEN ULK.
Man wird vielleicht nicht durch Altern schlau, aber im Alter, wenn man regelmäßig liest; Bücher sind gemeint, auch wissenschaftliche Literatur. Man hat, wenn Glück, die Gelegenheit, Dummheit der eigenen Vergangenheit aufzuklären. Jugendsünden.
So geht es mir mit Hanno Kesting, einem meiner Soziologie-Professoren an der berühmten Abteilung VIII der Ruhr Universität Bochum. Von Hanno hieß es, dass er ein Alkoholproblem habe und es durchaus vorkommen könne, dass er mitten in einer Prüfung auf die Luftschlacht um England zu sprechen komme; egal welches Thema mit dem Probanden vorher vereinbart worden sei. The Battle of Britain war historisch der Versuch der Nazis, den Tommy durch Luftüberlegenheit auf die Knie zu zwingen. Blitzkrieg. Klappte nicht.
Heute lese ich nach, dass Hanno ein PoW war (wie mein Onkel Helmut) und seine eigenen Erfahrungen hatte. Vor allem aber verstehe ich heute, was seinen wissenschaftlichen Stallgeruch bei Max Weber, Reinhart Koselleck, Carl Schmitt bestimmte; aber das ist akademischer Kram. Ich erfahre, da wird es schon konkreter, dass der Gründungsvater der modernen Soziologie Norbert Wiener sich im Blitzkrieg auf britischer Seite zu einer patriotischen Forschung gegen die Nazi-Bomber aufgerufen sah. Er legte ein Forschungsprojekt zum Anti-Aircraft-Predictor auf.
Hier entstand das Denkmodell des „feedback“ einer „black box“, die Idee der Rückkopplung und damit eine der Grundfesten der Kybernetik. Deren Bedeutung ist nicht zu überschätzen. Die Kybernetik kam also hier zur Welt. Im Schoß der RAF, sprich Royal Air Force. Mensch, der besoffene Kesting war so blöd nicht. Das war uns damals nicht klar, als wir ihn mit Studentenulk ärgerten und RAF ganz anders übersetzt wurde, weil böser neuer Kontext. Wir waren frech und wohl auch doof, obwohl von unbesiegbarem Selbstbewusstsein. Über Kestings „Weltbürgertum“ habe ich noch in meinem Rigorosum mit dem Bochumer Politologen Bernard Willms gesprochen; vielleicht auch ein Verkannter, jedenfalls hätte er am Aufstieg der AfD viel Spaß gehabt. Er hat mich damals zu Kybernetik und DDR geprüft.
Was mich heutzutage über all das schlaugemacht hat, ist eine junge Wissenschaftlerin namens Anna-Verena Nosthoff, die mit „Kybernetik und Kritik“ bei Suhrkamp ihre schwerfällige Diss veröffentlich hat; tut sich nicht leicht, das Mädchen. Hätte Hanno gesagt. Und der Bernard hätte das komisch gefunden. Rechte Bande, mit vorsätzlich linken Studenten. Opa erzählt vom Krieg.
Logbuch
AUTONOMES FAHREN.
Zu reden ist von zwei Ösis und einem Buren. Es geht um den „qualitativen Sprung“, mit dem ein Paradox in sein Gegenteil springt. Habe ich das auch weniger rätselhaft? Habe ich.
Der Wiener Sigmund Freud hat sich mit dem Versprecher beschäftigt, der seitdem Freudscher Versprecher heißt, und ihn als eine Fehlleistung beschrieben, die darauf zurückzuführen ist, dass zwei gegenläufige Absichten kollidieren, indem sich die heimliche von beiden dann doch ihre Bahn bricht. Man verrät sich. Darum ist der Freudsche Versprecher peinlich, wem er passiert.
Ein anderer Österreicher, der geniale Autobauer Ferdinand Piech, kannte nur einen Platz im Auto, den hinterm Steuer; Fondfahrer waren ihm suspekt. Er wollte die Karre fahren und zwar selbst (und nicht von ihr oder einem Chauffeur geschaukelt werden). Man nennt das im Automobilen „car guy“. Sie haben keinen Chauffeur, sie fahren, wie sie es wollen. So geschah es dann gelegentlich, dass ich im Fond hockte und mein Chef am Steuer. Metaphorisch: „Man zieht den Karren oder wird von ihm geschleift, man hockt aber nicht auf ihm.“ Mein damaliger Chef und ich waren also auch darin unterschiedliche Typen; darauf hätte er bestanden.
Jetzt hat Elon Musk, der Tesla-Eigner, sein halbautomatisches Auto, bei dem eine Menge Computer an Bord und zentrale Rechner in Kalifornien den Fahrer als Führer ersetzen sollen, bis die Schüssel vollautomatisiert ist, als „autonom“ ausgerufen. Das haben Klugscheißer wie ich kritisiert, weil autonom natürlich eigengesetzlich heißt; ein wenig vollmundig dafür, dass die Kiste einparken kann oder allein zum Aldi. Automatisiert ist nicht autonom. Gemach!
Was, wenn das ein Freudscher Versprecher war? Was, wenn wir tatsächlich auf eine Welt zusteuern, in der der Fahrer nicht mehr der Führer ist, sondern der Geführte? Das wäre ein qualitativer Sprung. Was, wenn Tesla Tyrannei? Mein freier Wille wäre eine Variable einer Plattform, die mich nicht nur beobachtet, sondern auch steuert. Mein alter Chef Piech hätte das nicht gemocht; er hatte, sorry to say, Freude am Fahren, nicht am gefahren worden sein.
Wir aber, die Idioten im Fond, lassen uns durch eine Welt schaukeln, die uns die Illusion der Entscheidungsfreiheit lässt, weil sie längst weiß, was wir wollen werden. Welcome to the metaverse! Wir sind digital gesteuerte Sklaven. Wir fahren nicht, wir werden gefahren. Ich glaube, ich sagte es schon, ich glaube nicht nur nicht an die Batterie; ich traue ihr nicht mal.
Logbuch
VOM UNIVERSUM ZUM METAVERSUM.
Mit dem Internet und den Sozialen Medien wurde von den Naiven die Hoffnung verbunden, dass so mehr Demokratie möglich, größere Freiheit für den Einzelnen, Individualisierung für Jedermann. Kurzum, dass wir dem Paradies näher kommen. Die neue Kultur des Silicon Valley galt als lustig, liberal und humanistisch.
Wer die neue Welt durchschaut, wird sehen, wie sich hier ein elitär-libertäres Denken mit autoritärem verbindet und der plattformökonomische Strukturwandel der Öffentlichkeit eine universelle Sozialtechnik 2.0 hervorbringt, die uns in einem autoritär-kybernetischen Universum eigener Realität versklavt.
Sagt eine kluge Frau, deren Diss ich gerade lese. Ich studiere Kybernetik der Zweiten Ordnung. More to come.
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BLATTKRITIK.
Es gibt ein Ritual in Redaktionen, das von dem dazu Eingeladenen höchste diplomatische Raffinesse verlangt. Ein prominenter Leser wird gebeten, den versammelten Journalisten mal ganz offen zu sagen, was er so von dem jüngsten Blatt hält. Daran schließt meist ein nettes Gespräch an, ab und zu auch eine Diskussion.
Das Ganze erinnert mich an die personale Frage der Gattin vor dem Spiegel, die vor einem schönen Abend auf dem Ball von ihrem Gemahl noch mal ganz ehrlich erfahren möchte, ob das neue Kleid dick mache. Oder die Frisur alt. Jetzt geht es um alles; ein falsches Wort, eine fahrlässige Geste… Es gilt dann nämlich das Brecht-Wort: „In Zeiten höchster Not streng an die Unwahrheit halten.“
Ich habe das bei einer politischen Zeitung mal anders gehalten und den versammelten Schreiberlingen im Klartext gesagt, dass das Blatt nix taugt und sie eine unambitionierte Bande sind, die ohne Herz und Verstand die Spalten füllen. Leider habe ich das dann sogar im Detail nachgewiesen. Unredigierter Agenturmüll, das waren wohl meine Worte. Sie haben mich gehasst. Und fortan auf Rache gesonnen.
Wenn man klug ist, lobt man am Blatt worauf die Damen und Herren Redakteure ohnehin stolz sind. Man heuchelt Überraschung, wo man eigentlich gegähnt hat. Man lügt, dass das erste, was man morgens täte, das Blatt aufzuschlagen; natürlich wühlt man nicht beim Frühstück im Papier, wenn man schon im Bett einen knackigen Briefing-Dienst hat lesen können. Und auch im Büro greift man zur Presseauswertung, dem hauseigenen Medienspiegel, und beschmiert sich nicht mit Druckerschwärze. Print ist out. Morgen wird eh der Fisch darin eingewickelt.
PR-Leute wissen, dass der zweite Vorname jedes Journalisten Brutus ist. Und wenn ich was zu kritisieren hätte, so würde ich das in keinem Fall auch noch vortragen. Mit Journalisten ist das wie mit Staatsanwälten: Gott gebe ihnen reichlich Muße und halte sie lieber im Dunklen. Oder auf dem Golfplatz. Ein guter PR-Mann tadelt nicht; er lobt übrigens auch nicht (das ist der Unterschied zu dem um Rat gebetenen Ehemann). Never complain, never explain.
Der SPIEGEL führt jetzt eine BLATTKRITIK ein. Im Blatt. Jedes Quartal nimmt sich der Tübinger Professor Pörksen das „Sturmgeschütz der Demokratie“ vor und wird sein Urteil in ein Essay gießen, das der SPIEGEL druckt. Pörksen ist wirklich klug, aber strukturell höflich; ihm fehlt jede satirische Ader, unfähig zur Bosheit. Ich sage voraus: Viel Sauce, wenig Fleisch.