Logbuch
NUHR EIN NARZISST.
Gestern Abend auf einer Veranstaltung der Brost-Stiftung auf der Kohlewäsche von Zollverein eine Diskussion mit Verfassungsrichter Peter Müller (Saar) und dem Kabarettisten Dieter Nuhr (ARD).
Bemerkenswert: wirklich kompetente Gesprächsführung durch Ulrike Demmer. Es ging um den angeblichen Niedergang der Meinungsfreiheit, den das Internet befördere; als sei die Spanische Inquisition liberal gewesen und Habermas Gossenstandard. Aber gut, der Herren sind larmoyant und beklagen Dekadenz.
Dann räumt Dieter Nuhr ein, er sei nicht der Messias. Das irritiert mich und im Nachgespräch wohl auch einen hochrangigen Evangelen, den ich als Ethik-Experten kenne. Solche unaufgeforderten Dementis haben versteckt ein entlarvendes Moment. Ich beobachte bei Nuhr ein Künstlersyndrom, den Narzissmus. Das scheint bei seinen kunstgewerblichen Versuchen auf (der Mann malt). Und bei seinem Anspruch an die Rolle des politischen Kabarettisten.
Der Satiriker nimmt für sich in Anspruch, anderen Leuten nach Strich und Faden die Leviten zu lesen. Er gießt Spott aus, gelegentlich macht ihn die Empörung über die "Idiotie" (Nuhr) des Publikums zum Zyniker. Alles gut und alles richtig. Warum aber will der Mann dafür geliebt werden? Am Ende auch noch von den so Abgewatschten?
Peter Müller, ein liberal gesinnter Konservativer, der nicht reaktionär ist, ist aus dem gleichen Holz. Er ist gelernter Populist. Der darf geliebt werden wollen. Ob das dann zum Verfassungsrichter befähigt, das mögen die Götter beantworten. Beide Kombattanten aber entschieden im Urteil und schwach in der Begründung. Zeitgeistdiagnosen, leider ohne empirische Tiefe und mit geringem Geschichtsbewusstsein.
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PIZZO PIZZERIA.
Die italienische Regierungschefin, eine gelernte Faschistin, soll Steuern als „pizzo di stato“ bezeichnet haben, Schutzgeld des Staates. Ciao bella ciao!
Der gebildete Amerikaner sagt: „When in Rome do as the Romans do.“ Das gilt doppelt für Venedig. Nun hat die Stadt eine feste Botschafterin in Deutschland, die fabelhafte Journalistin Petra Reski, die über sich und ihre Stadt in einem Blog berichtet. Ich gehe also in Venedig nur dorthin, wo es einen sicheren Schutz gegen Touristen in Bermudas gibt. Ein relativer Schutz gegen diese Pest sind hohe Preise. Bei Harry‘s hilft nicht mal das.
Ich treffe die Reski mit ihrem Venezianer (Zitat) in einem Restaurant an der Oper (Name wird nicht verraten) und sie stellt mich ihrem Lover auf Italienisch als ein „Freund von Facebook“ vor, worauf der gelangweilt guckt. Das haben sie nicht gern, diese Stenze. Reski ist zudem ein Kind des Reviers und ihr Vater war auf „Monopol“ angelegt; der Berg hat ihn nicht wieder hergegeben. Glückauf! Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
Gestern also eine Reski-Szene. Ich sitze in einer mittelalterlichen Stadt im Harz vor einem italienischen Restaurant in der Sonne und spreche einem Gavi di Gavi zu. Umständehalber in einem dunklen Nadelstreifenanzug mit weißer Nelke im Knopfloch. Der Patron kommt raus und fragt, wie die Bruschetta geschmeckt habe. Er fragt auf Italienisch, ich antworte deutsch. Erleichtert geht er in die Küche zurück.
Beim zweiten Glas sehe ich die Reski-Szene: Zwei untersetzte Typen nähern sich, marschieren direkt in die Küche, um nach kurzem Aufenthalt auf der Terrasse ostentativ einen Kaffee zu nehmen. Sie markieren ihr Revier. Dann verschwinden sie und steigen in einen abgerockten alten Opel. Niemand aus dem Land, wo nächtens die albanischen Boote landen, fährt ernsthaft eine solche Karre; es sei denn aus Gründen der Tarnung.
„Monopol“ war übrigens ein Pütt in Bergkamen; das nur als Nachtrag, der in den achtziger Jahren eine Kohle-Renaissance hergeben sollte. Die Eröffnungsrede für „Neu-Monopol“ war seinerzeit mein Gesellenstück bei der Ruhrkohle AG. Heute Abend bin ich in Essen auf Zollverein. Eine andere Mafia. Ich glaube, ich mach das mit den Nadelstreifen und der Nelke noch mal.
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STOLZ.
„Lest die Geschichte und seht
In wilder Flucht die unbesieglichen Heere.
Allenthalben
Stürzen unzerstörbare Festungen ein und
Wenn die auslaufende Armada unzählbar war
Die zurückkehrenden Schiffe
Waren zählbar.“
Die Hegemonie im 16. Jahrhundert gehörte dem katholischen Spanien, in Europa und der gesamten damals bekannten Welt. Portugal war soeben unterworfen und der englischen Krone der Kampf angesagt. Dort saß eine schwache Frau auf dem Thron, zudem Protestantin. Philip I von Spanien wollte ihre Flotte versenken und sein Reich auf ewig arrondieren. Die Armada verließ am 28. Mai 1588 den Hafen Lissabons, um England zu überfallen.
Im spanischen Holland waren marodierende Truppen zusammengezogen, die die gigantische Flotte von 150 Schiffen weiter bevölkern sollten, um säbelrasselnd gegen die weißen Klippen von Dover zu segeln. 45.000 Mann unter Waffen waren eine sehr stattliche Armee, gegen die Elisabeth I kein stehendes Heer zu setzen hatte. Die spanische Armada galt als unschlagbar.
Es kam anders. Die Dickschiffe unter spanischer Flagge erwiesen sich als viel zu träge, ihre Bewaffnung als zu langsam, das erhoffte Gemetzel Mann gegen Mann an Deck der englischen Flotte blieb aus. Die geringe Moral der spanischen Prahlhänse tat ihr übriges. Man kappte die Ankerseile und floh. Wie Brecht eingangs schon kurz und knapp sagte: Ein Weltreich zog schlicht den Schwanz ein.
Dabei hatte es dem Hegemon, in dessen Weltreich die Sonne nie unterging, nicht an Selbstbewusstsein gefehlt. Sein Motto war: NON SUFFICIT ORBIS. Zu deutsch: „Die Welt allein genügt nicht!“ Das muss man ideologisch erstmal hinkriegen. Selbst mit dem Papst im Nacken. An STOLZ hat es nicht gefehlt. Brecht hat das Anfang des 20. Jahrhunderts gegen die deutschen Allmachtsträume geschrieben; die heutigen Hegemonien tragen andere Farben. Der Zweifel an deren Unbesiegbarkeiten bleibt, selbst wenn die Machtdemonstrationen so großmäulig wie eh und je geblieben sind. Lest die Geschichte. Welch ein Imperativ!
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MUTMASSUNGEN ÜBER JAKOB.
Es gibt in Berlin diesen Verkäufer der Obdachlosenzeitung, der mir so vertraut ist, dass ich ihn nicht Penner nennen möchte. Nennen wir ihn also Jakob. Gestern hat die FAZ ein kleines Porträt über ihn geschrieben, einen veritablen Runterläufer auf der Eins im Feuilleton. Jakob steht Tag aus, Tag ein, bei Wind und Wetter an der Einmündung der 17. Juni in den Ernst-Reuter-Platz und bietet an der Ampel diskret seine Zeitung an. Wenn er bettelt, so mit Zurückhaltung und einiger Würde. Den Kreisverkehr anfahrend kramen wir immer nach einem Fünfeuroschein. Man gibt immer. Das ist der geringste Anstand des Flaneurs.
Die FAZ erhebt ihn nun zum Thema und schreibt: „Er steht nicht vorwurfsvoll da, nicht wie jene stummen Abgesandten der „Zeugen Jehovas“, die in Bahnhofshallen und vor Einkaufszentren warten, um den an ihnen vorbeihastenden Menschen mahnende Blicke zuzuwerfen. Nein, dieser Mann ist kein Mahner. Er ist ein Hüter. Ein heimlicher Hirte jener so gefährdeten Her- de von Großstadtbewohnern, die meinen es sich leisten zu können, ohne Zusammenhang zusammenzuleben und nach keinen Gemeinsamkeiten mehr zu suchen. Nervös sitzen sie in ihren Autos, schauen nicht nach rechts, nicht nach links, wischen auf ihren Displays herum, flirten mit Siri – und wissen nichts mehr von ihren „kranken Nachbarn“. Zitat der FAZ unterbrochen.
Das Blatt macht Jakob zum Mythos, einem Gott des seelenlosen Asphalts, einem Hüter der Gesichtslosen. Da ist mir doch irdischer zu Mute. Ich sorge mich, will aber nicht indiskret sein. Ob er eine kleine Wohnung hat, zumindest eine sichere Schlafstelle? Das wär mir wichtig. Und vielleicht noch aus ganz alten Tagen ein Konto, wo er die gesammelten Groschen sicher wüsste. Ich kenne seine Stimme nicht, da er tonlos dankt, aber mir stets in die Augen blickt. Als er neulich fehlte, waren wir irritiert; hoffentlich nichts Schlimmes; Covid vielleicht.
Weiß er, dass wir, seine Stammkunden, wenn man das so nennen kann, über ihn schreiben? Würde ihm das gefallen oder nur verstören? Mutmaßungen über Jakob. Ich sehe ihn in getragener Kleidung, aber nicht zerlumpt; man darf vermuten, dass er bessere Tage gesehen hat. Solche Wahrnehmungen sind für jeden gestört, der weiß, wer Jonathan Jeremia Peachum ist, Inhaber der Firma „Bettlers Freund“. Das Kafkaeske der Situation liegt darin, dass man sich immer nur für den Augenblick einer Rotphase an dieser Ampel sieht und dann schon ärgerliches Hupen der Meute weitertreibt.
Ich nehme mir vor, beim nächsten Mal den Kreisverkehr ganz zu umrunden, vor der TU zu parken und Jakob mit einem Becher Kaffee aufzusuchen; vielleicht redet er mit mir. Wenn er denn Deutsch spricht. Jedenfalls kriegt er immer den Fünfer. Manchmal frage ich mich, ob er mich wiedererkennt und was er wohl von dem Kautz in der Limousine hält.