Logbuch

WACHSTUM.

Der MYTHOS MERKEL besteht auch darin, dass sie als eher schlichtes Gemüt trotzdem ausgezeichnet rechnen kann. Kopfrechnen. Also, höhere Mathematik, das ist ihr Ding. Sie kann vorrechnen, was die Seuche so anrichtet, wenn sie exponentiell wächst. Die Journalisten waren baff, weil die „chatting classes“ eher in Religion und Kunst gute Noten hatten als in Mathe oder Physik. Ich bin da vorsichtiger, weil ich MALTHUS gelesen habe, der genau daran genial gescheitert ist. Am Kopfrechnen, respektive Köpfezählen. Wir sind im 18. Jahrhundert und dem englischen Nationalökonom fällt ein mathematisches Axiom auf: Die Bevölkerung wächst geometrisch, das Nahrungsangebot aber nur arithmetisch. Zu Deutsch: Es wird mehr geschnackselt als die Weizenernte wächst. Die Folge: Überbevölkerung. Ha! Zu hohe Fertilität. Was den unsäglichen Rechtspopulisten Thilo Sarrazin ja auch umtreibt; ihn bei einer Teilbevölkerung. MALTHUS bei allen, jedenfalls allen Armen. Kurzum, der Tisch der Natur sei nicht für alle gedeckt, fand Malthus, und war froh, dass es ein Korrektiv gegen diese Überbevölkerung gebe, eigentlich zwei: KRIEGE & SEUCHEN. So hätte, teuflischer Gedanke, die Pandemie auch ihr … Uhhh, wie böse. Der Bärtige aus Trier hatte seine satirischen Freude an dem bösen Mathematiker. Ich weiß, worin die Malthus-Mathematik irrte. Und mich beeindruckt Merkel nur bedingt mit ihrer Mathematik. Man kann nämlich richtig rechnen und doch ganz falsch liegen. Es gibt Fakten erster und zweiter Ordnung; aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.

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BILDUNGSSCHRANKEN & ERINNERUNGSLÜCKEN.

Ich war kein allzu guter Schüler. Einiges habe ich echt versäumt. Ärgerlich. Das ist, wie den Schlüssel zu Türen in Händen gehabt, aber verlegt zu haben. Da bleiben dann Räume leider verschlossen. Man steht vor verschlossenen Türen. Unnütze Bildung ist keine Barriere, aber mangelnde. Als ob von jedermann wie selbstverständlich eine fremde Sprache gesprochen würde und man selbst nur Bahnhof versteht. Zudem fällt vieles aus der Zeit. Erinnerung ist halt kein verlässliches Gut. Ich lese gerade, dass man sich im Bundeskanzleramt Sorgen um den neu aufkeimenden Nationalismus gemacht hat. Dazu sind Repräsentanten des kulturellen Lebens eingeladen gewesen. Man hat „Vergangenheitsbewältigung“, ein Begriff, der von Theodor Heuss stammt, erörtert. Und ein reaktionärer Typ sagt: Die Rechte habe vielleicht historisch hier und da versagt, die Linke aber ganz sicher immer! Und er nennt Jahreszahlen: 1848, 1871, 1914, 1933 … Wer da in GESCHICHTE gepennt hat, ist aufgeschmissen. Ach so, der AfD-Typ jener Tage, das war der Dichter Ernst Jünger, der Kanzler hieß Ludwig Ehrhardt und wir schrieben den 23. Juli 1964. Der Leiter des Bundespresseamtes war damals ein Herr von Hase, Diplomat mit eisenbeschlagenen Schuhen. Für den hat mein Onkel Heinz im BPA gearbeitet. Ich lese das alles (außer das mit Onkel Heinz) bei dem auch schon seligen Siegfried Unseld, mit dem ich mal in Frankfurt einen Italiener in der Zum-Jungen-Straße teilte. Da Claudio, oder so. Muss bestimmt dreißig Jahre her sein. Unseld pflegte den japanischen Brauch, nach dem man nur seinem Gegenüber einschenkt, nie aber sich selbst. Ein feiner Mann.

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EINSTWEILEN WIRD ES MITTAG.

Das ist ein Zitat; man muss es sich in niederösterreichischer Lautung vorstellen. Mit ihm beschreibt ein Arbeitsloser seinen Tagesablauf. Gefragt hatte ein Zeiterfassungsbogen ihn, was er zwischen 10 und 11 getan habe. Gefallen ist er 1933 im österreichischen Marienthal. Die Soziologen Marie Jahoda und Paul Lazarsfeld erhoben methodisch dicht, was ARBEITSLOSIGKEIT den Menschen antut. Der berühmte Satz steht am Anfang der EMPIRISCHEN SOZIALFORSCHUNG neuer Zeit. Die Forscher haben damals vor den Nazis in die USA fliehen müssen. Über Jahoda habe ich mal zusammen mit einer sehr netten Ghostwriterin ein biographisches Büchlein geschrieben; tolle Frau, diese Jahoda. Ein großes Vorbild für Soziologen. Es geht um die Verschränkung quantitativer und qualitativer Forschung. Mir hat sich der Satz vom Einstweiligen eingebrannt als Dokument für die tragische Apathie, die den Menschen erfassen kann, wenn die Tage ihre ZEITSTRUKTUR verlieren. Eine große Gefahr im sogenannten Lockdown. Lockdown? Noch so ein Pseudoenglisches Wort. Der britische Euphemismus lautet, dass die zu Hause Eingesperrten „under shield“ seien, unter Schutz. Auch nicht besser, wenn es einstweilen Mittag wird … Ich werde mal nachsehen, ob ich von dem Jahoda-Buch noch Exemplare habe.

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MUTMASSUNGEN ÜBER JAKOB.

Es gibt in Berlin diesen Verkäufer der Obdachlosenzeitung, der mir so vertraut ist, dass ich ihn nicht Penner nennen möchte. Nennen wir ihn also Jakob. Gestern hat die FAZ ein kleines Porträt über ihn geschrieben, einen veritablen Runterläufer auf der Eins im Feuilleton. Jakob steht Tag aus, Tag ein, bei Wind und Wetter an der Einmündung der 17. Juni in den Ernst-Reuter-Platz und bietet an der Ampel diskret seine Zeitung an. Wenn er bettelt, so mit Zurückhaltung und einiger Würde. Den Kreisverkehr anfahrend kramen wir immer nach einem Fünfeuroschein. Man gibt immer. Das ist der geringste Anstand des Flaneurs.

Die FAZ erhebt ihn nun zum Thema und schreibt: „Er steht nicht vorwurfsvoll da, nicht wie jene stummen Abgesandten der „Zeugen Jehovas“, die in Bahnhofshallen und vor Einkaufszentren warten, um den an ihnen vorbeihastenden Menschen mahnende Blicke zuzuwerfen. Nein, dieser Mann ist kein Mahner. Er ist ein Hüter. Ein heimlicher Hirte jener so gefährdeten Her- de von Großstadtbewohnern, die meinen es sich leisten zu können, ohne Zusammenhang zusammenzuleben und nach keinen Gemeinsamkeiten mehr zu suchen. Nervös sitzen sie in ihren Autos, schauen nicht nach rechts, nicht nach links, wischen auf ihren Displays herum, flirten mit Siri – und wissen nichts mehr von ihren „kranken Nachbarn“. Zitat der FAZ unterbrochen.

Das Blatt macht Jakob zum Mythos, einem Gott des seelenlosen Asphalts, einem Hüter der Gesichtslosen. Da ist mir doch irdischer zu Mute. Ich sorge mich, will aber nicht indiskret sein. Ob er eine kleine Wohnung hat, zumindest eine sichere Schlafstelle? Das wär mir wichtig. Und vielleicht noch aus ganz alten Tagen ein Konto, wo er die gesammelten Groschen sicher wüsste. Ich kenne seine Stimme nicht, da er tonlos dankt, aber mir stets in die Augen blickt. Als er neulich fehlte, waren wir irritiert; hoffentlich nichts Schlimmes; Covid vielleicht.

Weiß er, dass wir, seine Stammkunden, wenn man das so nennen kann, über ihn schreiben? Würde ihm das gefallen oder nur verstören? Mutmaßungen über Jakob. Ich sehe ihn in getragener Kleidung, aber nicht zerlumpt; man darf vermuten, dass er bessere Tage gesehen hat. Solche Wahrnehmungen sind für jeden gestört, der weiß, wer Jonathan Jeremia Peachum ist, Inhaber der Firma „Bettlers Freund“. Das Kafkaeske der Situation liegt darin, dass man sich immer nur für den Augenblick einer Rotphase an dieser Ampel sieht und dann schon ärgerliches Hupen der Meute weitertreibt.

Ich nehme mir vor, beim nächsten Mal den Kreisverkehr ganz zu umrunden, vor der TU zu parken und Jakob mit einem Becher Kaffee aufzusuchen; vielleicht redet er mit mir. Wenn er denn Deutsch spricht. Jedenfalls kriegt er immer den Fünfer. Manchmal frage ich mich, ob er mich wiedererkennt und was er wohl von dem Kautz in der Limousine hält.