Logbuch

PREDIGER.

Seit gestern interessiere ich mich für den Predigerorden, der gegründet wurde, um die Katharer zu bekehren. Die DOMINIKANER sind eine erstaunliche Säule christlicher Kultur. Obwohl als Bettelorden angelegt, haben sie als Tradition aus dem Mittelalter bis heute überlebt. In ihrem Konvent in Berlin-Moabit wirken sie seelsorgerisch in Feindesland.

Nicht etwa, weil die Zuwanderung jüngeren Datums viele Muslime hier hat heimisch werden lassen; das fügt sich eigentlich ganz gut. Letzte Woche noch habe ich mir meine Covid-Impfung bei zwei Apothekerinnen mit der kenntlichen Kopfbedeckung abgeholt, nett und kompetent. Nicht wegen des allseitigen Atheismus. Nein, der preußische Protestantismus hat hier im 19. Jahrhundert die Katholiken regelrecht geschliffen.

Aber aus der polnischen Zuwanderung entstand eine eigene katholische Klientel; jüngst zudem aus italienischen Wurzeln. Ich erlebe einen Pater besonderer seelsorgerischer Güte, einen Mann, dessen Bildung ihn eher der Aufklärung zurechnen lässt als dem Hexenhammer. Respekt. Den Quellen kann man entnehmen, dass die mittelalterlichen Dominikaner auch ihren Anteil an Judenhass hatten. Ihr Sendungsbewusstsein als Prediger-Orden ging so weit. Jetzt sind sie dem Frieden zugewandt.

Jedenfalls lehrt mich der Klosterbesuch, dass ein Zusammenleben in Frieden ein Kulturgut ist, dass man verteidigen wollen muss. Die Kriege unserer Tage sind zwar in der Ferne, im Osten wie dem Morgenland, aber doch näher als man meint, wenn ich kriegsgeile Nachbarn die eine oder die andere Kriegspartei loben höre. Da ist der Dominikaner-Dom ein Ort der Kontemplation. Gut so.

Jetzt, wo ich weiß, dass die Dominikaner gegründet wurden, um die Katharer zu bekehren, werde ich Catos Anweisung, dass sie besser zerstört werden sollten, noch mal überdenken.

Sachdienliche Hinweise, dass die Katharer des Spätmittelalters nicht aus dem Karthago der Antike stammen, können hier nicht berücksichtigt werden, da sie die Pointe ruinieren.

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VON DER KANZEL.

An Kathedralen fasziniert die Höhe des Doms. Die Erdenwürmer schauen auf zu Gott. Dazwischen doziert an Altar und Pult der Priester. Auf einer niedrigeren Stufe der monumentalen Vertikale, aber doch über den Köpfen der Horizontalen.

In allen Kirchen, die ich touristisch kennenlerne, suche ich nach der Kanzel, eine architektonische Besonderheit. Damit alle Gläubigen die Predigt auch akustisch verstehen, ist sie stets über den Köpfen der Gemeinde; meist noch mit einem eigenen Dach versehen, dem Schalldeckel. Es war klar, wer hier erhaben stand, verkündete Gottes Wort.

Ex cathedra sprechen zu dürfen, war eine explizite Auszeichnung; man brauchte dazu eine Erlaubnis höchster Autorität. Das hat sich mit der Reformation nur scheinbar geändert. Zwar durfte nun jeder Laie in der deutschsprachigen Bibel Sinn suchen, aber es wuchs eben auch die Bedeutung des Wortes. Exegese war eine Disziplin.

Das ist der grundlegendste Unterschied zu den heutigen Internet-Religionen: Jeder Depp darf dort auf die Kanzel. Die „influencer“ schaffen sich ihre virtuellen Kirchen, jedenfalls virtuelle Predigtpulte, von denen aus sie ihre Befindlichkeiten global verbreiten. Das Ganze hat etwas von einem unendlich gestellten Stuhlkreis; die Banalität des Horizontalen.

Für die stolze Kirche war klar, dass zwischen der Sünderbank und dem Kathedralendach, sprich dem Himmel, noch immer der Prediger thronte, von oben eingesetzt und gegenüber dem Parkett weisungsberechtigt. Das ist es, was die Sozialen Medien aufgelöst haben, die Priesterweihe. Jedem Depp seine Kanzel. In der Folge weiß auch niemand mehr, wo Gott wohnt.

Die erhabene Vertikale des Doms ist gestürzt; sie liegt quer. Die Laien laben sich an ihrer eigenen Blase. Pun intended.

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KOMPLEXE.

In meiner Jugend gab es eine abwertende Benennung für psychische Probleme, deren Ursprung ich nie nachvollziehen konnte. Man sagte pejorativ: „Der hat Komplexe!“ Möglicherweise abgeleitet vom umgangssprachlichen Begriff der Minderwertigkeitskomplexe. Komplexe sollte man nicht haben.

Falsch. Komplexität ist ein gutes Thema. Jetzt ist im kanadischen Parlament der „speaker“ zurückgetreten, weil er in eine KOMPLEXITÄTSFALLE geriet. Anlässlich eines Besuches des ukrainischen Präsidenten hat man einen greisen Helden des Zweiten Weltkriegs ins Parlament geladen, der damals gegen „die Russen“ gekämpft hatte. Das gilt heute als vorbildlich, sich in der binären Frage auf die richtige Seite schlagen zu können. Der aus der Ukraine nach Kanada emigrierte Herr hatte damals Russen getötet: Bravo.

Nun stellte sich schnell heraus, der Held war seinerzeit Mitglied der Waffen-SS. Damit kommen Geschichtsklitterungen hoch, die die faschistische Orientierung ukrainischer Nationalisten betreffen. Das Thema ist doppelt schwierig. Zum einen, weil es eine Tonlage aktueller russischer Propaganda gegen die Ukraine betrifft.
Zum anderen, weil es die Frage nach der Identität der historischen Waffen-SS stellt.

War das eine reguläre Abteilung der Wehrmacht, in die man gegen seinen Willen gezogen werden konnte? So wie in die Gebirgsmarine? Das war eine gängige Schutzbehauptung unter alten Kameraden. Oder war es der explizit faschistische Teil deutschen Militärs, der SS entstammend, verantwortlich für besondere Gräueltaten? Hatten die Siegermächte Recht, als sie die Totenkopf verehrenden Truppen ausdrücklich als verbrecherische Organisation einstuften?

Jedenfalls ist nicht jeder historische Feind des jetzigen Gegners unserer Nachbarn schon deshalb jedermanns Freund. Ein Satz zum Nachdenken. Die Geschichte hat nämlich Komplexe.

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ABERWITZ.

Zum zentralen Mythos des großen Mao Tse Tung gehört der LANGE MARSCH aus dem Bürgerkrieg in den dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts. Die noch junge Rote Armee entzog sich der Einkesselung durch die kaiserlichen Truppen durch einen 13.000 km langen Rückzug. Er gilt als Heldentat des dann legendären Vorsitzenden der KPCh. Die westdeutsche Linke hat die Metapher aufgegriffen und von einem „langen Marsch durch die Institutionen“ gesprochen, womit sie als revolutionär erscheinen lassen wollte, dass sie bräsig Staatsämter anstrebte. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.

Zu meinen Trivialmythen als politisierender Pennäler gehörte eine gewisse Faszination durch die Sprüche des Großen Vorsitzenden, die das berühmte kleine rote Buch verzeichnete. Man las sogar die in Deutsch erscheinende Peking Rundschau. Alles in allem ein pubertanter Exotismus, der aus der Irritation lebte, den er bei braven Paukern auslöste, die dumpf CDU wählten. Erst heute fällt mir bei alten Dokumentarfilmen auf, die frisch koloriert über den Sender laufen, wie schlecht die Zäune Maos waren. Nicht, dass dies etwas zur Sache beitrüge.

Aber ich erfahre auch etwas, das beiträgt. Den LANGEN MARSCH traten 90.000 Mann an und es beendeten ihn 8.000. Weniger als zehn Prozent überlebten das Abenteuer. Kann man angesichts solch aberwitziger Relation von Heldentum reden? Man kann, wenn man dieses Opfer für unvermeidlich hält, aber mir stockt der Atem. Dieser Aberwitz ist wohl allen Kriegen zu eigen, zu deren Basislogik es gehört, dass angesichts der großen Sache auf Einzelschicksale keine Rücksicht genommen werden könne. Ich höre es HURRA rufen.

Es braucht dort dann den Mut zum Heldentum. Wehe den Vaterländern, die ihren Völkern solch einen Mut abverlangen.