Logbuch
DIE IKEA-ILLUSION.
Wer sich in der Politik Sonderrechte erkämpfen will, muss als Held gelten, der vor Bösem schützt. Über die Erfindung des FEINDES als Selbsterschaffung von Freundschaften.
Ich erfuhr gestern Unterrichtung über die FRIESISCHE FREIHEIT durch einen Eingeborenen in einem Städtchen des hohen Nordens. Die als Ostfriesen sprichwörtlichen Küstenbewohner haben schon vor über tausend Jahren erreicht, dass sie als „reichsunmittelbar“ oder „reichsfrei“ galten. Sie mussten nicht in den Krieg. Ich staune.
Die selbstbewussten Landwirte im Friesischen akzeptierten keine Herren über sich, außer den Kaiser selbst, aber diesen eigentlich auch nicht, da sie von der Teilnahme an dessen Feldzügen freigestellt waren. Strittig ist nur, ob die das Privileg Karl dem Großen oder Karl dem Dicken abgerungen haben. Es gab im Friesischen Frieden keine regionalen Feudalherren, die ansonsten dem Volk auf der Tasche lagen. Und der Kaiser kriegte keine Soldaten. Ein Vorbild der Freiheit?
Begründet wurde das mit der Deichpflicht (Nordsee ist Mordsee). Na gut. Vor allem aber mit der Abwehr der Wikinger. Lange war Skandinavien der Ursprung eines räuberischen Volkes, das küstennahe Piraterie betrieb. Die Vorfahren der Schweden besetzten fremde Küsten, raubten und brandschatzten, vor allem schwängerten sie auf Teufel komm raus, um sich dann wieder zu verpissen. Daher die blonden Italiener.
Vor den Wikingern sollte der freie Friese sich und den Kontinent schützen, da konnte er schlecht mit dem Kaiser nach Jerusalem ziehen oder feudale Pachtherren füttern. So das Stammesnarrativ der Friesen. Clever. Vor allem sieht man aber, dass unsere germanische Vorliebe für das Land von Pipi Langstrumpf, das Bullerbü-Syndrom, historisch noch sehr frisch sein muss.
Nach der IKEA-ILLUSION wohnen im Norden ja die besseren Menschen. Während des Dreißigjährigen Krieges waren sie aber so beliebt wie heute die Russen. Dass auch die friesische Freiheit nicht ewig hielt und zu einer Häuptlingsherrschaft verkam, das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
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ANALOGIEN.
Die Antiken hielten den Menschen für ein Tier. Die Aufklärer für eine Uhr. Und die Postmoderne für einen Computer. Was werden unsere Enkel als Vergleich wählen?
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MULTI KULTI.
Was mein Butterbrot mich gestern lehrte. Während in Sachsen für Deutschtum demonstriert wurde, verspeiste ich im Westerwald ein Pastrami-Sandwich. Das ist ein Exzess an Vielvölkerei. Und sehr lecker.
Im Aldi erwarb ich Pastrami, ein Brotbelag, der sich als Kochschinken vom irischen Rind ausweist, den ein Metzger aus dem Westerwald fertigt und bei Aldi Süd als wohlfeile Feinkost untergebracht hat. Es ist geräuchert und gut gewürzt. Die Weitgereisten unter uns kennen es aus New York vom Deli des Herrn Katz. Pastrami American Style.
Rumänische Juden sollen den Belag im 19. Jahrhundert in die Neue Welt gebracht haben. Andere Quellen sprechen von einem litauischen Metzger, wiederum andere von Galizien, der heutigen Ukraine. Da es zweifelsfrei kein Schwein war, sondern Rinderbrust oder Tafelspitz, erschien es den Juden koscher und den Moslems halal; beiden eine Leibspeise. New York als Schmelztiegel der emigrierten Völker, die dem Hunger der Heimat entflohen sich im Deli eine Roggenstulle leisten.
Wie vieles in der Kochkunst kommt die Raffinesse aus der Not des Konservierens; Fleisch sollte sich halten. Die türkischen Reiter sollen es unter den Sattel gelegt haben. Das sagt man auch von den Tartaren. In Amerika freilich wollte das jüdische Wort von der Pastrami gegen die italienische Angeberei mit der Wurst namens Salami anstinken. Ein italienisches oder ungarisches Fleischprodukt, in dem der Schweineschinken zur Ehre kam. Nicht koscher.
Aldi nennt die MULTI-KULTI-Produktreihe übrigens „GOURMET finest cusine“. Es fallen also nicht nur die ethnischen, religiösen und nationalen Schranken, sondern auch die sozialen. Vielvölkerei mit Sinn für Abgrenzung. Solches lernte ich gern von meinem Butterbrot.
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ABERWITZ.
Zum zentralen Mythos des großen Mao Tse Tung gehört der LANGE MARSCH aus dem Bürgerkrieg in den dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts. Die noch junge Rote Armee entzog sich der Einkesselung durch die kaiserlichen Truppen durch einen 13.000 km langen Rückzug. Er gilt als Heldentat des dann legendären Vorsitzenden der KPCh. Die westdeutsche Linke hat die Metapher aufgegriffen und von einem „langen Marsch durch die Institutionen“ gesprochen, womit sie als revolutionär erscheinen lassen wollte, dass sie bräsig Staatsämter anstrebte. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
Zu meinen Trivialmythen als politisierender Pennäler gehörte eine gewisse Faszination durch die Sprüche des Großen Vorsitzenden, die das berühmte kleine rote Buch verzeichnete. Man las sogar die in Deutsch erscheinende Peking Rundschau. Alles in allem ein pubertanter Exotismus, der aus der Irritation lebte, den er bei braven Paukern auslöste, die dumpf CDU wählten. Erst heute fällt mir bei alten Dokumentarfilmen auf, die frisch koloriert über den Sender laufen, wie schlecht die Zäune Maos waren. Nicht, dass dies etwas zur Sache beitrüge.
Aber ich erfahre auch etwas, das beiträgt. Den LANGEN MARSCH traten 90.000 Mann an und es beendeten ihn 8.000. Weniger als zehn Prozent überlebten das Abenteuer. Kann man angesichts solch aberwitziger Relation von Heldentum reden? Man kann, wenn man dieses Opfer für unvermeidlich hält, aber mir stockt der Atem. Dieser Aberwitz ist wohl allen Kriegen zu eigen, zu deren Basislogik es gehört, dass angesichts der großen Sache auf Einzelschicksale keine Rücksicht genommen werden könne. Ich höre es HURRA rufen.
Es braucht dort dann den Mut zum Heldentum. Wehe den Vaterländern, die ihren Völkern solch einen Mut abverlangen.