Logbuch

KOHABITATION.

Aus den Bielefelder Karteikarten: der Kolibri holt sich den Treibstoff, den er für den aufwendigen Schwirrflug vor der Blüte der Lilie braucht, indem er mit seinem sehr langen Schnabel an ihren Nektar kommt; dabei bestäubt er sie, so dass sie sich fortpflanzen kann. Und er überlebt den Hubschrauberflug. Biologisch sind die beiden zusammen entstanden, nennt sich KO-EVOLUTION.
Nur dieser Kolibri kann das, bei genau dieser Blume. Und umgekehrt. Wer steuert wen? Nun, die Blume verändert, wenn sie kohabitieren will, ihre Farbe, dann kommt der Kolibri. Er kann gar nicht wissen, wann der Nektar für den Schwirrflug reicht.
Ein symbiotisches System, in dem die Pflanze das Lebewesen steuert.
Das amüsiert den Bielefelder. Wie in der Ehe notiert er. Oder der MITBESTIMMUNG, die im Französischen „cohabitation“ hieße. Humor in Bielefeld, erstaunlich.

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EINBALSAMIERT.

Mitte des 18. Jahrhunderts war die lettische Stadt Riga eine deutsche Metropole. Hier saß Geld und Geist, nicht nur gen Sibirien strebende Pelzhändler (Russen) oder stockbesoffene Vikinger (Schweden). Der Philosoph Immanuel Kant hatte hier seinen Verleger, zum Beispiel, ein Herr Hartkoch. Und der jüdische Apotheker Abraham Kunze wirkte hier. Er war ein Genie des Marketing, weil er Dinge aus ganz unterschiedlichen Welten miteinander zu verbinden wusste. Und mit seinen Drogen schlicht HEIL versprach.
Das können HEILER, mittels einer Tinktur, einem Balsam, HEIL versprechen. Sie balsamieren die Seele ein. Man nehme also Geheimnisvolles aus der dunklen Vergangenheit und dem tiefen Wald, sagen wir zwanzig obskure Kräuter, lasse sie recht bitter schmecken und setze den Alkoholgehalt nicht zu niedrig an. Da die Medizin ekelhaft bitter schmeckt, muss sie wirken; da sie genug Umdrehungen hat, wirkt sie. Ich empfehle „Rigas Schwarzen Balsam“.
Allerdings ist der Lette kein öffentlicher Trinker, man erwarte keine Biergärten. Auf Omas Gehöft an der selbstgebauten Sauna am See, mit anderen nackten Männer, einbalsamiert, während man sich mit Tannenzweigen vermöbelt und dem Chorgesang frönt. Alles aus der Zeit.

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HUGENPOET.

Von den Karteikarten aus Bielefeld: „Steinhaufen vs. Krötenpfuhl“. Kröte wie Frosch oder Huge. Gemeint ist mit Krötenpfuhl wohl nicht der Wein aus Bad Kreuznacht, sondern ein Froschteich, niederdeutsch HUGENPOET genannt. Der Kartenbekritzler: „Der Steinhaufen ist ein Menge, kein System. Er kann niemals Gegenstand der Soziologie sein. Der Krötenteich aber ist ein System mit Elementen, Funktionen und einer Struktur.“
Fasziniert davon, dass die Frösche quaken. Es sind die Männchen, die den Weibchen auch über weite Distanz und in tiefer Nacht signalisieren wollen: Hier ist eine wunderbare Pfütze, in die sich herrlich laichen ließe. Dann im System des LEBENDIGEN erst Laich, dann Kaulquappen, dann Frösche, die immer wieder an ihren Geburtstümpel zurückkehren. Und nachts quaken. Ein System der Selbsterhaltung.
HUGENPOET schreibt der Bielefelder sei AUTOPOIESIS. So versteht man endlich, was das mit der POESIS soll, es kommt von POET, dem Niederdeutschen für PÜTT oder PFUHL, im Englischen „pit“, ein Loch mit Wasser. Sumpf. Wo die Frösche quaken. Die Karteikarten in dem alten Büroschrank erweisen sich als Fundgrube.

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ABERWITZ.

Zum zentralen Mythos des großen Mao Tse Tung gehört der LANGE MARSCH aus dem Bürgerkrieg in den dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts. Die noch junge Rote Armee entzog sich der Einkesselung durch die kaiserlichen Truppen durch einen 13.000 km langen Rückzug. Er gilt als Heldentat des dann legendären Vorsitzenden der KPCh. Die westdeutsche Linke hat die Metapher aufgegriffen und von einem „langen Marsch durch die Institutionen“ gesprochen, womit sie als revolutionär erscheinen lassen wollte, dass sie bräsig Staatsämter anstrebte. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.

Zu meinen Trivialmythen als politisierender Pennäler gehörte eine gewisse Faszination durch die Sprüche des Großen Vorsitzenden, die das berühmte kleine rote Buch verzeichnete. Man las sogar die in Deutsch erscheinende Peking Rundschau. Alles in allem ein pubertanter Exotismus, der aus der Irritation lebte, den er bei braven Paukern auslöste, die dumpf CDU wählten. Erst heute fällt mir bei alten Dokumentarfilmen auf, die frisch koloriert über den Sender laufen, wie schlecht die Zäune Maos waren. Nicht, dass dies etwas zur Sache beitrüge.

Aber ich erfahre auch etwas, das beiträgt. Den LANGEN MARSCH traten 90.000 Mann an und es beendeten ihn 8.000. Weniger als zehn Prozent überlebten das Abenteuer. Kann man angesichts solch aberwitziger Relation von Heldentum reden? Man kann, wenn man dieses Opfer für unvermeidlich hält, aber mir stockt der Atem. Dieser Aberwitz ist wohl allen Kriegen zu eigen, zu deren Basislogik es gehört, dass angesichts der großen Sache auf Einzelschicksale keine Rücksicht genommen werden könne. Ich höre es HURRA rufen.

Es braucht dort dann den Mut zum Heldentum. Wehe den Vaterländern, die ihren Völkern solch einen Mut abverlangen.