Logbuch
SCHLAUMEIEREI.
In einem früheren Leben war ich mal Rotarier, was, neben einem gewissen sozialen Reichtum an bürgerlichen Kreisen, auch bestimmte Pflichten mit sich bringt, allen voran, die der Präsenz. Man kann da schlecht schwänzen. Und die Herren tagen wöchentlich.
Also, ich sage bei meinem Präsidenten ab, weil ich beruflich verhindert bin: „Wir haben heute eine Preiserhöhung.“ Der ältere Herr verstand die Welt nicht mehr. Wegen so einem Scheiß sagt man bei Rotary nicht ab. Nun, ich war bei einer Tankstellengesellschaft und eine saftige Benzinpreiserhöhung führte immer zu einem Ansturm der Presse. Man sollte das begründen, fand der Volkszorn. Heute zahle ich als Verbraucher exakt das Zehnfache für den Liter wie als Studiosus, ein wenig Argumentation scheint also schon angesagt.
Ich habe in meiner aktiven Zeit bei den Spritties am liebsten mit Niedrigwasser auf dem Rhein begründet. Ein güldenes Argument. Sollte es zu viel geregnet haben, habe ich mit Hochwasser auf dem Rhein begründet. Sollten wir normale Pegelstände haben, bietet sich der Dollarkurs an. Bei steigenden Dollar wie bei fallenden; aber das hatten wir ja schon. Hauptsache, es gab einen sachlichen Grund; so als wenn der Hase da im Pfeffer läge. Normalisierungspropaganda. Lebenslügen.
Klartext: Was die Shells dieser Welt gerade machen, nennt sich in der Branche, „den Retailmarkt aus-cashen“. Fachlich: aktuelle Wiederbeschaffungspreise auf dem Spotmarkt als kalkulatorische Kosten ansetzen für Ware, die zu gänzlich anderen Konditionen kontrahiert wurde. Und dem Spotpreis die Schuld geben. So was kommt von so was. Die gegenläufige Bewegung gibt es auch, aber viel langsamer. Das ist das ganze Geheimnis.
Im Grunde und im Kern geht es um IMPORTABHÄNGIGKEIT und die Fähigkeit der liefernden Oligopole zu nehmen, was der abnehmende Markt hergibt. Den Hauch einer Chance der Gestaltung hat man als Bezieher nur bei Wettbewerb unter den Oligopolen und einer diversifizierten Beschaffung. Ich könnte das jetzt an der Gas-Versorgung plausibel machen, würde aber den Zensor wecken. Das ist nicht ratsam.
Ich liege in allem quer. Ich bin ein Freund heimischer Energie. Ich weiß um das Erdgas unter der Lüneburger Heide. Um das Öl unter der Nordsee. Ich wäre aus der Kohle nicht ausgestiegen. Ich halte Kernenergie für importunabhängig. Ich bin für den Ausbau von Wasser, Wind, Sonne und Bio. Ich bin alles mögliche, wenn ich die Augen schließe und träume. Und ich weiß, dass der Liter Diesel 2,50€ kostet wg. Niedrigwasser auf dem Rhein.
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KLATSCH & TRATSCH.
Ein Nachruf, auch Epilog genannt, ist eine heikle Angelegenheit. Man wird der Trauer der abgebenden Familie am ehesten gerecht, wenn man auf allzu Privates, gar Peinlichkeiten, gänzlich verzichtet und den Toten schildert, wie der es sich zu Lebzeiten gewünscht hätte. Ein offenes Grab ist kein Ort der Abrechnung.
Verstört lese ich, was ein bekannter Journalist und Sprecher gerade einem seiner Vorgänger hinterherruft. Nicht dass mich die Eitelkeit der Erzählung von persönlichen Begegnungen störte, das machen wir ja alle, Episoden frei erfinden, die uns, die Grabredner, wichtig erscheinen lassen; nein, soviel dichterische Freiheit gehört zum Handwerk. Mich irritiert, dass er seine berufliche Konkurrenz zum Abgetretenen noch immer nicht verwunden hat, offensichtlich ist dieser Wicht tief verletzt, und nun den Verstorbenen kleiner macht, als dieser es verdient hat. Und erhöht sich damit ein wenig selbst, der Wicht.
Eine schäbige Geste, die dem Toten gerecht zu werden vorgibt, aber nur Kleingeist zeigt und Engherzigkeit. Aber so sind sie, diese Schergen der Neidkultur. Ich sollte mich, so der Herrgott mir die Zeit gibt, für seinen Nachruf anmelden und es ihm heimzahlen. Nein. Der Lateiner sagt: „Nil nisi de mortuis bene!“ Über Tote ist nichts als Gutes zu sagen. Aber damit kommt die Klatsch-Presse natürlich schlecht zurecht. Nehmen wir den schwäbischen Politiker, der gerade seine Fleppe einbüßt, weil er mit weißer Nase einen Unfall gebaut hat. Ich kenne ihn als Festredner auf Industrie-Empfängen. Aber das soll der Boulevard abhandeln. Mit dem Unwesen der Indiskretion hält sich eine Unterhaltungsindustrie am Leben, die zu unser aller Leidwesen das Verfassungsprivileg einer freien Presse genießt. Na ja.
Aber was ich schon an Geschichten alles nicht erzählt habe, alter Schwede. Oder nur geschickt angedeutet. Weil, man will ja nicht als blöd gelten, nur weil man nicht aus der Schule plaudert. Interessant in der Welt der „chatting classes“ sind die Themen, die gar nicht berührt werden, obwohl sie als Elefant im Raum stehen. Das hat mich immer besonders interessiert, worüber alle lügen, die Macht und Einfluss haben. Die Lebenslügen der Bourgeoisie. Morgen mehr.
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FEHLEREHRLICH.
Am Mittelrhein zeigt sich im Tal des sonst recht breiten Gewässers jetzt nur noch ein schmaler Flusslauf, den nur leichtbeladene Boote zu passieren wissen. Ich nehme hier nachmittags einen kleinen Schoppen, um vom Winzer meines Vertrauens zu erfahren, ob es ein gutes oder gar ein hervorragendes Weinjahr wird. Dazu mein Urteil am Schluss.
Wir machen für unsere Sünden nur ungern uns selbst verantwortlich. Wer ist schon gern fehlerehrlich? Hier bei Sankt Goarshausen, wo gewaltige Schieferberge ins Wasser ragen und die Künste des Navigators erfordern, gab es früher so viel Schiffbruch, dass dafür Geister verantwortlich gemacht wurden, genauer Zwerge, die angeblich im Bergmassiv hausten und, jetzt kriegt die Narration einen Bruch, dort sangen oder summten. Das verwirrte den Navigator. Urzeit der Mythologie. Man las damals Bergleute als Zwerge und misstraute ihnen. Ich versichere aber, im Montanen wird seitens der Kumpel vielleicht geflucht, aber sicher nicht gesummt. Schon gar nicht verführerisch.
Im 19. Jahrhundert bemühte die deutsche Romantik eine plausiblere Unfallursache, nämlich den Sex. Auf dem Berg soll singend eine wunderschöne barbusige Dame gesessen haben und sich zum Gezwitscher ihr walkendes Haupthaar gekämmt. Davon verständlicher Weise angetan, vernachlässigte der so betörte Steuermann das Ruder und erlag dem Luder. Das macht schon mehr Sinn, als Ausrede meine ich. Ich bezweifele aber, dass man damit bei seiner Haftpflicht durchkommt.
Überhaupt darf man dem Gerücht vom Navi-Fehler wg. verführerischem Gesang oder Echo an der berüchtigten Rheinbiege nicht zu sehr Glauben schenken. Echo ist der Name einer griechischen Nymphe, die es nicht schaffte, den Jüngling Narziss in die Kiste zu kriegen und dieserhalben vor Gram zum Felsen erstarrte. Man merkt schon, mit der schönen Loreley hat es so seine Tücken. Narziss war natürlich schwul, aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
Und natürlich geht es um das Frauenbild. Mythos: Das versteckt Böse ist die ihr Haupthaar kämmende Schönheit mit großem Busen, der zu widerstehen dem braven Mann eben nicht gegeben. Jetzt verstehe ich das auch mit den Kopftüchern. Und dem Alkoholverbot. Zurück zur Sache: Es wird ein hervorragender Jahrgang. Also, die Rebenblüte war gut, der Sommer sonnenreich und die Lese beginnt in zwei Wochen, sprich recht früh. Bis dahin bitte keine Fäulnis aus Regenflut. Egal, was der Pegel sagt. Darf ich um Dürre bitten?
Ob dann die Vorsätze zur redlichen Fehleranalyse halten, wenn der Wein aus dem Fass kommt, daran darf gezweifelt werden. Ab dem dritten Glas singt dem Hetero eh wieder Loreley.
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LONDON CALLING.
Als lose Studenten pflegten wir über den Inlandsgeheimdienst der Bundesrepublik zu scherzen, indem wir eine damals gängige Werbung für Antikonzeptiva („Pariser“) zitierten: „Verfassungsschutz, drei Stück, eine Mark.“ Das war nicht ganz ungefährlich, da die Regierung gegen 1970 dazu übergegangen war, den akademischen Diskussionsraum dahingehend zu verengen, dass „Verfassungsfeinden“ damit gedroht wurde, sie sich mehr in den Staatsdienst zu lassen. Gemeint waren vor allem Lehrer und davon Linke.
Wie immer bei staatlichen Maßnahmen waren nicht die politischen Motive das eigentliche Problem, sondern die Behördenpraxis. Man hat damals die Herren Beamten etwas vornehmen lassen, dass Carl Schmitt eine „innerstaatliche Feinderklärung“ genannt hat; das ist definitionsgemäß ein staatlicher Akt von erheblichem ordnungspolitischen Gewicht. Es wurden 3,5 Millionen Bürger auf Staatsloyalität geprüft und ganze 260 aus dem Staatsdienst entlassen. Ein Hornberger Schießen. Der innenpolitische Kollateralschaden war erheblich.
Das zur Kontrolle des Inlandsgeheimdienstes aufgeforderte Verfassungsgericht hat sich bei dem Versuch des Parteienverbotes der faschistoiden NPD so wenig von der inneren Qualität der Schriftsätze der Herren Schlapphüte überzeugt gezeigt, dass es dem Verbotsantrag nicht entsprach. Man darf also skeptisch sein; vielleicht muss man es sogar. Ich lese in der London Book Review eine englische Rezension zu einem deutschsprachigen Buch zum Verfassungsschutz; sehr selten so was. Der Rezensent ist ein deutscher Soziologe untadeligen Rufes.
Das Bundesamt für Verfassungsschutz sei eine strikt weisungsgebundene Behörde unter politischer Führung durch die Innenministerin, noch weit stärker instrumentalisiert als dies für die Staatsanwaltschaften gelte, liest das englische Publikum. Und jetzt kommt es: „It has extended its responsibilities from the observation of subversive activities to their prevention.“ Es werde „nudging“ getrieben; immer schon, mal nach links, mal nach rechts, welcher Partei gerade das Amt gehöre.
Was ist dabei der demokratische Paradigmenbruch? Es gehe nicht nur um „repression of incorrect speech“, sondern inzwischen auch um „promotion and rewarding of correct speech“. Dazu werde Steuergeld ausgegeben, eben für die Beförderung und Belohnung gewünschter Meinung. Nennt sich Kampf gegen Rechts. „Ideologische Staatsapparate“ tarnen sich als gemeinwohlorientierter Journalismus und gehen freizügig mit Staatsknete um. CORRECTIV wird genannt.
Ich bin mir jetzt aber nicht sicher, ob Nancy Faeser, die zuständige Ministerin, eine Erwähnung dessen überhaupt wünscht; es könnte ja sein, das die „Demokratieförderung“ (neuerdings eine gesetzliche Vorschrift) in Frage steht. Insofern war es klug, die Kritik dessen wie schon früher in London zu publizieren; sicher ist sicher. Ironie aus.