Logbuch

ZEICHEN UND WUNDER.

Wenn der Engländer sich über das Opernhafte der Welt lustig machen will, verweist er auf den Auftritt der singenden Walküre („the fat lady“). Wetterleuchten aus Bayreuth, dem germanischen Gral düsteren Inszenierungswillens.

Zu den Wagner-Festspielen sind die bayrische Ober-Grüne und die Bundes-Ober-Grüne mit einem „Kleinwagen“ angereist; man sieht die in Tüll gehüllten Damen dem mickrigen Vehikel entsteigen. Alle Achtung. Ein Akt der Kulturrevolution. Es geschehen noch ZEICHEN UND WUNDER.

Merkel war da, von der Leyen auch, der Söder und das Auwanger. Bei Vorfahrt der Herrschaften lungern Heerscharen von Fotografen herum zur allfälligen Gesellschaftsreportage. Kleine Possen auf dem Vorplatz vor den großen Possen des Herrn Wagner im Festspielhaus. Ich mag diesen reaktionären Wagner nicht; ich finde den halbseidenen Zirkus vermeintlicher Prominenz drumherum albern.

Aber dass sich auch die Grünen hier aufbrezeln, das scheint mir typisch. Nun kann man Wagner (der Komponist, nicht der Legionärskommandant) nicht vorwerfen, dass der Führer ihn verehrte; alles andere aber sehr wohl. Was für eine mythische Monumentalkacke. Und Merkel setzte auch ein Zeichen; sie kam in dem Kostüm von 2019. Eine große Geste, findet die Presse.

Ich könnte jetzt eine Bemerkung machen zu den Wagnerschen Walküren und Ricarda Lang, die, so ihre Geste, in einen Kleinwagen gepasst hatte: „It‘s not over till the fat lady sings.“(Kipling) Das haben wir also noch zu kommen.

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SPIRITUS.

Ich denke in diesen Tagen oft an meinen Vater, der in seinem hundertsten Lebensjahr wäre. Er hatte sich selbst vom Laufburschen zum Chemielaboranten gebildet, schließlich zum Chemieingenieur, freilich ohne akademische Weihen; ein Autodidakt. Nichts kennzeichnete das mehr als sein Spirituskocher.

Auf Campingausflügen mit dem Käfer wurde darauf Kaffeewasser gekocht und leider auch die unvermeidlichen Ravioli aus der Dose. Der Kocher war Eigenbau. Sein Herzstück war ein kleiner Tank mit einer Luftpumpe. Der wurde halb mit Spiritus (Ethanol) befüllt und mittels der kleinen Pumpe unter Druck gesetzt. Das Treibstoff-Luft-Gemisch wurde an einer Düse entzündet; wenn sich die Flamme verfärbte, wurde Luft nachgepumpt.

Verbrannt wurde Äthylalkohol, den er als gelernter Schwarzbrenner immer zur Hand hatte, oder, zur Not, Benzin aus dem Käfertank. Den entnahm er mit einem langen dünnen Schlauch durch Ansaugen. Die Götter wissen, wie er verhinderte, dass der Sprit in seinen Mund geriet. Aber da war er unerschrocken.

Spirituskocher Marke Eigenbau. Sicherheitshinweis: Das Ding, der selbstgebastelte Spirituskocher mit Druckkessel, muss schweinegefährlich gewesen sein. Ich erinnere noch gut die improvisierten Schweißnähte auf dem wiederverwendeten Metall. Und den Stolz meiner Mutter über frischgebrühten Bohnenkaffee aus dem Melittafilter, mitten in der Pampa auf Campinggestühl.

Feige war er nicht, mein Vater.

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BRANDMAUER.

Das Alte Rom brannte komplett ab, da es zwischen den Gebäuden keine Brandschutzmauern gab. Die ganze Stadt konnte so ein Raub der Flammen werden. Das will Städtebau heute mittels BRANDMAUERN verhindern. So will der CDU-Vorsitzende auch eine Ausbreitung der braunen Gefahr eindämmen.

Dabei zerreißt ihn der Opportunismus. In den oberen Geschossen des politischen Gebäudes gilt der strikte Schutz, in Parterre reißt er die Mauer gerade selbst ein. Eine widersinnige Architektur. Unten gut Freund, oben des Teufels? Im Bund und den Ländern keine Kooperation mit der AfD, in den Kommunen sehr wohl? Der Pakt mit dem Teufel im Kleinen gern?

Diese pauschale Stigmatisierung der Rechtspopulisten wird nicht zu halten sein. Nicht in Europa, nicht in Kleinkleckersdorf. Jedenfalls nicht für die Konservativen. Eine Zersplitterung des Lagers rechts der Mitte steht an. Neue Allianzen.

Schwelbrände allenthalben. Bei den Schwarzen zeigen sich bald diejenigen, die mit den Braunen wollen würden. Und bei den Braunen jene, die man noch als schwarz betrachten könnte. Eine Zersplitterung des rechten Lagers steht an. Ich weiß nicht, was ich davon halten soll.

Die Dialektik von Biedermann und Brandstifter wird Friedrich Merz jedenfalls nicht mehr loslassen. Ein Aufruf zur Freiwilligen Feuerwehr.

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DAS METROPÖLCHEN.

Berlin kann etwas, das man bauliche Fakes nennen könnte. Das Stadtschloss ist dafür Exempel. Und die Scheune, die gerade als Museum der Moderne errichtet wird. Architektur ist aber eigentlich die großzügige Gestaltung eines Raumes nach klaren Prinzipien. Innenarchitektur, wie der Name schon sagt, darin plausible Ausrichtung eines Innenraumes. Was aber wenn die äußere Hülle schon versaut ist?

Wer im Edelrestaurant des Adlon Hotels zu Berlin einen Tisch reserviert, erlebt ein aufdringliches Gewese darum, ob man so gesetzt werden könne, dass man von seinem Platz im „Esszimmer“ (Eigenbeschreibung) das Brandenburger Tor sehen könne. Ich stelle mir vor, dass ein Sternerestaurant in Paris mit dem Blick auf den Eiffelturm wirbt. Oder London mit der Tower Bridge.

Man saß dann doch zwar am Fenster, aber zu diesem mit dem Rücken. Man versäumt nichts auf dem Pariser Platz. Der Raum selbst eine Ungeheuerlichkeit. Man hat die wesentliche Charakteristik des Hauses, die viel zu geringe Geschosshöhe, dadurch zu kompensieren gesucht, dass in der Raummitte eine massige Säule an die Decke ragt und dort Himmelblau ummalt ist. Am Kopf ein stilisierter Kamin mit vorgelagerten Holzscheiten, ganz im Stil jener TV-Sender, die amerikanischen Umbau von Holzhütten in prächtige Livingrooms zeigen. Innenarchitektur als Verschmückung mit abgeschmackten Attrappen vermeintlicher Wohnlichkeit.

Der Vorraum zum Esszimmer mit Couchen erfüllt, die den Gelsenkirchener Barock durch weiteren Plüsch überbieten; die jahrzehntelange Nutzung beweist sich in einem staubigen Odor der Muffigkeit. Im Stil dieser Opulenz auch der Sommelier, ein geschwätziger Papa Plüsch. Das Essen nicht schlecht. Eigentlich sogar sehr gut. Käse allerdings wird gar nicht geboten, da der Schweizer Koch keinen Käse mag; auch ein Standpunkt.

Man würde der Küche einen Ausbruch in einen hellen modernen Gastraum wünschen, hohe Decken, klug gestaltete Fenster, frische Luft. Sie hätte es verdient, ebenso wie der durchweg nette Service. Warum hat man diese wunderbaren Menschen in dieses Hotelimitat gesperrt? Ein kulinarisches Erlebnis, vergraben in einer Disney-Version von Pracht, einem theme park, aber keinem Grandhotel.

Berlin halt, alte Pracht, schlecht nachgeahmt, ein schnödes Kulturimitat. Wie das Stadtschloss. Also Geist dieser Zeit. Sehr amerikanisch synthetisch. Plastic people, so heißt das bei Frank Zappa.