Logbuch
INFORMALITÄT.
Auf einem Kongress in München mit dem verunglückten Namen „Bits & Pretzl“ (Informationseinheiten plus Laugengebäck) hält die ehemalige First Lady Michelle Obama eine Grußrede und kassiert dafür 700.000 € Honorar. Das finde ich stattlich. Und ich gönne es ihr, wenn sie es versteuert, wovon man ausgehen darf.
So wird Prominenz zu Geld gemacht. Leider bin ich selbst davon Lichtjahre entfernt. Ich ehre mich als Redner, so es mal zu einer Einladung kommt, damit, dass ich weder Honorar noch Spesen nehme. Ich will damit den Eindruck erwecken, ich könnte es mir leisten, bescheiden zu sein. Eine Art protestantische Eitelkeit. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
Mir fällt unter hundert Rednern auf dem Promi-Kongress auf, dass nur genau einer der Kerle korrekt gekleidet ist, alle anderen aber einer anderen Regel strikt folgen. Man trägt durchgängig auch auf seinen eigenen Portraitfotos Freizeitkleidung. Offenes Hemd, keine Krawatte, eh klar. Eher so ein Stil, mit dem ich zum Sport ginge oder auf die Gartenarbeit. Bis hin zu regelrechter Unterwäsche am Oberkörper. Es herrscht das Gebot der INFORMALTÄT.
Warum? Niemand will mehr aussehen, als habe Mutti ihn für ein KONVENTIONELLES Ereignis zurecht gemacht. Der englische Geschäftsanzug ist verschwunden. Vor allem aber das geknöpfte Oberhemd mit Manschette. Vom Binder, dem halsumschlingenden Schmucktuch ganz zu schweigen. Die Uniform heißt CASUAL. Es gibt für diese Vermeidungsangst gegenüber Förmlichen einen tieferen Grund.
Der Gentleman unserer Tage ist immer LEISURE, in Freizeitambition; er trägt, was früher der PLAYBOY trugt, eine sportive Strandkleidung: Gunter Sachs in St. Tropez. Das historische Lacoste. Bei den Proleten unter den Neu-Modischen ist das heutzutage ein offenes Oberhemd mit Innenbordüre im Kragen. Boh, so geht heute piefig: Joe Kaeser als Mode-Ikone.
Der Grund? Diese Generation will zeigen, dass ihr der HOMO FABER zuwider ist, der Mensch als Schmied. „Business“ ist out. Sie spielen (!) den HOMO LUDENS, den Menschen als Spieler. Lauter wohlbetuchte PLAYBOYS dem Anschein nach. Und Spießer in der Seele. Sage ich. Ich habe mir gerade zum Nadelstreifen eine Krawatte rausgelegt. Allerdings Einreiher ohne Weste, weil sommerlich. Korrekt ist das nicht. Eigentlich trägt man immer dreiteilig, außer im Garten. Der Mann von Michelle kommt ja auch nicht zu ihren Keynotes in Turnschuhen. Oder? Sicher bin ich da nicht.
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VERQUER.
Es begann mit Gutenberg, die maschinengestützte Publizität. Der zürnende Martin Luther nutzte das Internet seiner Zeit, den Buchdruck mit beweglichen Lettern, zu Flugblättern gegen den Papst und die Katholischen. Auflage damals: wenige hundert. Folge: die Reformation, eine Revolution.
Der geschäftstüchtige Albrecht Dürer erfand die Kennung AD gegen die zahlreichen Raubdrucke seiner Kunst. Die maschinengestützte Kunst brachte die Fälscher ins Geschäft. Und das Geschäft wuchs. Der arme Poet ist eine Metapher aus der Zeit vor dem Internet. Von Anfang an gehen hohe Auflage und klare Autorenschaft zusammen. Geschäft und Macht.
Von Elon Musk lese ich, dass er auf seinem Dienst X, früher Twitter, 157 Millionen Follower hat; eine ungeheuerliche Zahl. Man ist ja einiges an Angeberei zu den Reichweiten im Internet gewohnt, aber die Zahl haut mich doch um. Sie zeigt, dass hier eine Macht entstanden ist, die quer zu den staatlichen Hierarchien liegt.
Dann lese ich, dass seine satellitengestützte Internetbude im Ukrainekrieg schon mal abgeschaltet worden sei, um eine der beiden Kriegsparteien vor einem Angriff der anderen zu schützen, dem damit die Datenbasis fehlte. Das habe er, der kalifornische Oligarch entschieden. War die Macht von Verlegern schon immer so groß? Man rät mir, mich mal mit dem Verleger Rupert Murdoch zu beschäftigen.
Selbst der bei Springer geschasste Julian Reichelt habe auf YouTube 40.000 Follower. Das ist für einen Influencer nicht mal viel. Und zu Elon Musk um den Divisor 4000 geringer. Verglichen mit meinen Lesern ist das der Faktor 40.000. Rechne ist das richtig? Das sind Größenordnungen, denen unsere Vorstellungskraft nicht mehr zu folgen weiß. Wirkliche Macht. Quer zur Politik.
Wenn die Quere nur für wirtschaftliche Zwecke missbraucht wird, dann ist man ja noch beruhigt. Soll er halt Batterie-Autos verkaufen. Ich glaube aber, dass er sich mit anderen Oligarchen darüber streitet, wer der nächste Präsident werden soll. Können die das beeinflussen? Ich fürchte ja.
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RIDING DEAD HORSES.
Das größte Problem, stelle ich mir vor, für INVESTIGATIVE JOURNALISTEN müsste darin bestehen, dass es keine sensationellen Skandale gibt, die sie aufdecken könnten, obwohl sie uneingeschränkt aufdeckungsbereit sind. Dann reitet man notgedrungen auf den toten Pferden der Vergangenheit noch eine Runde. Das Publikum gähnt.
So geht es geschätzten Redakteuren im Rheinischen und an der Elbe. Sie haben einen gewichtigen Verdacht, der sicherlich Schlagzeilen machen könnte. Es soll Investoren (notorisch geldgeile Leute) gegeben haben, denen ein Trick verkauft wurde, wie man sich vom Staat Steuern zurückzahlen lassen kann, die man nie gezahlt hatte. Es ist für jedermann klaren Verstandes plausibel, dass das Betrug ist und nur sehr mühsam als Ausnutzen von juristischen Lücken koscher gemacht werden kann.
Und so ist der Trick den Trickreichen ja auch verkauft worden; ich hab den Wortlaut noch im Ohr, als etwas „echt geiles, und zwar zweistellig“, tjo. Ich kenne einige Investoren, die damals tatsächlich erwogen haben, über diese schmale Brücke zu gehen. Jetzt sehe ich einen berühmten Anwalt mit knallroter Brille neben dem berühmten Banker fahlen Gesichts bei Gericht stehen und denke das Unangebrachte: „Ein Fall für Bossi !“ In Ordnung ist das nicht. Obwohl die rote Brille nun wirklich albern ist.
Und der amtierende Kanzler, redlich wie ein Hanseat nur redlich sein kann, soll noch zu seiner Zeit als Erster Bürgermeister der Hansestadt in die Geschäfte des fahlen Bänkers verwickelt gewesen sein, erinnert sich aber nicht an alle diesbezüglichen Termine mit dem Bankenchef; übrigens ein fleißiger Tagebuchschreiber. Also, niemand ist zur Selbstbezichtigung gezwungen; weshalb man ruhig ein schwaches Gedächtnis haben darf und im Übrigen führt nicht wie ein Schulmädchen Tagebuch. Auch nicht, wenn man am Ort im Schutz bei Pressemogulen steht. Schrift ist Gift. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
Was mir auffiel, während der zahllosen Ausritte auf einem Gaul namens CUM EX, war die große Zufriedenheit der Presse an Elbe und Rhein mit den Staatsanwaltschaften. Jetzt, da eine der Staatsanwaltschaften personell umgebaut wird, weiß man sogar schon im Voraus, dass der Neue nix taugen wird. Das finde ich schwierig, weil es Spekulationen zur Quellenlage nicht so ganz ausschließt, aber ich werde da nix insinuieren. Die Anklagen bestehen für mein Rechtsempfinden völlig zu Recht. Möge die Gerichte ihre Urteile fällen. Es geht um mein Geld, mit den Kindergärten gebaut werden sollten, keine Villen im Tessin.
Warum aber fliegt das Thema nicht? Weil in Deutschland niemand versteht, wem das Geld gehört. TAXPAYER‘S MONEY ist hierzulande kein Argument. Wenn der Staat, der uns schröpft, mal nix mehr hat, dann soll er die Reichen halt mehrfach besteuern. Oder Erben enteignen. Oder halt ein Sondervermögen auflegen. Steuern haben für den deutschen Michel nichts mit seiner Brieftasche zu tun. Darum ist Steuerbetrug ein totes Pferd.
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ENTMENSCHLICHUNG.
Der amerikanische Präsidentschaftskandidat D. Trump bedenkt Einwanderer aus Haiti mit der Geschichte, sie verzehrten die Haustiere der ansässigen Bevölkerung, deren Hunde und Katzen. Das ist eine rassistische Verleumdung mit dem Ziel der kulturellen Degradierung. Seine Konkurrentin, eine indisch-amerikanisch stämmige Frau, ist dabei mitgemeint. Wir sind im Bodensatz von Propaganda.
Und so fremd ist uns diese Fremdenfeindlichkeit nicht, die wir Witze darüber machen, woher das Fleisch im Buffet des Chinarestaurants stamme, „all-you-can-eat“ für 13,90€. Hab ich gestern gemacht. Mit einem Warsteiner 18,10€. Angebot reichlich, Qualität Kantinenstandard, nicht schlechter; Service nett. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte. Das Beispiel Springfield ist böser.
Das ist der Ort im Mittleren Westen mit der massiven Zuwanderung von Haitianischen Migranten. Der Volksverhetzer macht nicht nur den Katzenfreunden am Ort Angst; er entwürdigt als rassisch überlegener Weißer die Fremden anderer Hautfarbe zu Tieren. Das mag als Urteil zu harsch klingen, aber man muss den Andeutungen der Propaganda immer mit den Ohren ihrer Anhänger folgen. Hier wird nicht Klartext gesprochen, sondern angedeutet. Insinuation ist die Methode, immer und überall.
Eine rechtsextreme Unterstützerin des D. Trump twittert in dessen Hundefutter-Mythos rein: Diese Migranten verzehren nicht nur Hunde und Katzen, sondern auch Menschen. Da ist er, der Vorwurf des Kannibalismus, den wir ja historisch kennen. Er gehörte zu den Trivialmythen des Antisemitismus. Ich sehe, was da wieder hoffähig wird, und kämpfe mit meinem Brechreiz.
Gefallen tut mir die Reaktion der K. Harris, der farbigen Frau: sie verlacht den bösen Schwätzer. Das Netz folgt mit Hohn und Spott. Es ist ein befreiendes Lachen über eine furchtbare Entgleisung. Die Chance, dass diese Mentalität künftig wieder unseren Hegemon führt, steckt als Furcht fundamentalen Ausmaßes in den Knochen. Aber mein Vaterland ist nicht besser: Die Trumps sagen, was die Höckes denken.
In Springfield soll es auf eine Einwohnerzahl von 60.000 eine Zuwanderung von 20.000 gegeben haben; ich bezweifle die Zahlen, leugne aber nicht das Problem. Das ist das eine. Das andere ist: Ich grüße meine Berufskollegin Karine Jean-Pierre, die Pressesprecherin des Weißen Hauses, eine in gleichgeschlechtlicher Ehe lebende Schwarze mit haitianischem Wurzeln. Sie war nämlich mitgemeint, als der pfälzische Zuhältersohn D. Trump seine rassistische Überlegenheit gegenüber Haitianern zu demonstrieren suchte.