Logbuch
DIE MACHT DER BILDER.
Selten hatte eine Regierung so viele Vorschusslorbeeren. Die Dreierkoalition inszeniert sich als flott: eine „menage a trois“ wie aus einem Liebesroman. Honeymoon als „cultural code“.
Christian Lindner bemerkt eine Zäsur in der politischen Kultur. Er kann es wissen, weil er den alten Verhältnissen angehört hat. Wir sahen 2017 im Halbschatten der Nacht angetrunkene alte Männer, süchtig an Zigarillos ziehend. Auf dem Balkon der Parlamentarischen Gesellschaft. Hier war mal Görings Büro. Eine Ikonographie Weimarer Verhältnisse.
Ganz anders jetzt das Selfie der grünen und gelben Unterhändler. Eine neue Generation. Jugendstil. Beim gemeinsamen Spaziergang zum Sondieren die neue Nonchalance des „business smart“. Die Nation erörtert die Umhängetasche Habecks und die weißen Sneaker von Lindner. Die neue Leichtigkeit des Seins.
Und in der Sache: man habe vernünftig miteinander geredet, sagt der SPD-General. Die Presse nimmt das gemeinsame Papier gewogen auf. Lars Klingbeil ist „happy“, lässt er uns wissen. Und Olaf Scholz folgt dem Motto: „Willst Du was gelten, mach Dich selten.“ Ein bleierner Alp namens Merkel scheint vom Land genommen. Frühlingserwachen zum Herbstbeginn.
All das ist natürlich PR; ausnahmsweise mal ganz gutes. Man vertraut auf die Macht der Bilder, der Gesten, des Symbolischen. Dagegen wirken der brutale Söder und der trottelige Laschet wie Archetypen, aus der Zeit gefallen. Propaganda kann auch rosa sein. Meinungsmache mittels Metonymie.
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SPORTSKANONEN.
Jeff Bezos, der reichste Mann der Welt, hat mit einem greisen Schauspieler einen Ausflug ins All gewagt und Captn Kirk hinterher geherzt. Nun gehört er auch zur Besatzung von Raumschiff Enterprise. Was soll das?
Lingen an der Ems, erfahre ich bei der Anfahrt in das beschauliche Städtchen, ist jetzt erklärtermaßen HOCHSCHULSTADT. Man ist stolz auf die örtliche Hochschule. Es gibt hier eher wenig Prominenz, aber einen beachtlichen, gleichwohl bescheidenen Wohlstand dank der Gewerbesteuer des örtlichen Kernkraftwerks. Aber da steigen wir ja aus. Und ein Gaskraftwerk. Aber da… Na ja.
Ich sehe im Hotel-TV eine Dauerwerbesendung zugunsten des Versandgiganten Amazon, gratis auf einem Nachrichtensender. Ein inszeniertes Ereignis („event“) von einem neuen Kult amerikanischer Superreicher, die das All und den Mond kolonialisieren wollen. Ein neuer SPORT der TECHNIKBEGEISTERUNG. Ich bin irritiert.
Vor dem Hotel auf die Straße tretend, sehe ich den Straßennamen der Bernd Rosemeyer Straße ergänzt durch den Hinweis, dass es sich bei dem von 1909 bis 1938 Lebenden um einen „Weltrekordler“ handele. Damit ist wohl ein Beschleunigungsversuch auf über 400 km/h gemeint, den der Rennfahrer damals nicht überlebte.
Was treibt diese Leute in ihren Rennwagen und Raketen? Sie wollen wohl Teil eines Mythos werden. Rosemeyers Tod wurde genutzt, um ihn zum Märtyrer zu stilisieren, ein soldatischer Heldentod. Religionen gründen auf solchem Märtyrertum. Was Bezos da vorhat, wagt man nicht zu ahnen. Sein Kollege Elon Musk zeigt aber ähnliche Ambitionen. RAKETENMÄNNER.
Mich irritiert diese Verherrlichung der Raketen. Die Verherrlichung der Rennwagen diente der Kriegsvorbereitung. Das kann es ja nicht sein, was damit im Silicon Valley gemeint ist. Aber bei Captn Kirk nimmt man ja auch den greisen Schauspieler für die Rolle in einer TV-Serie; schon das ist irre. Es riecht nach Propaganda, aber ich ahne nicht, wofür eigentlich.
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LIEBESHEIRAT.
Die Regierungsbildung wird wie ein „Honeymoon“ inszeniert. Keine bloße Zweckehe; es singen die Engel im Himmel. Einträchtige Geschwister suchen sich einen Papa für eine heilige Familie. Eine politische Inszenierung ersten Grades.
Meine Frau Mutter mochte zeitlebens keinen Streit. Auch nicht in der Politik. Sie mochte keine Verleumdung und keinen Verrat. Durchstechereien hätten ihr nicht gefallen. Der brutale Söder hätte ihren Brechreiz angesprochen. Sie war der HARMONIE bedürftig. Ihr hätte die Berliner INSZENIERUNG der Regierungsbildung gefallen.
Während die CDU in sich zusammenfällt und verkämpfte alte Männer den Mief gestriger Ambition verbreiten, erscheinen die FDP und GRÜNE als nette JUGEND. Die braven Kinder suchen Papa, um mit ihm eine idyllische Familie zu gründen. YELLOW PRESS. Es wird mehr über Roberts Umhängetasche und die Sneaker von Christian gesprochen als über politische Inhalte.
Keine ZWECKEHE wird’s, nein, eine LIEBESHEIRAT, diese Ampel. Für mich ist diese neue DISZIPLIN zur HARMONIE dem Generalsekretär der SPD geschuldet. Lars Fallbeil hat die SPD ihren Markenkern als PARTEI DER GUTEN wiederentdecken lassen. Dazu gehört auch eine straffe innere PARTEI-RÄSON. Dazu haben sich die Meuchelmörder des Sigmar Gabriel erfolgreich verschworen. Gabriel unter die Guillotine, Olaf an die Macht; das war der Plan. Jetzt aber LÄCHELN.
Die GRÜNEN sind schlauer geworden durch das Scheitern in der politischen JUNGFRÄULICHKEIT ihrer Jeanne d‘Arc, die als Lichtgestalt aus dem Völkerrecht kam und als verdruckste Plagiatorin endete. Die FDP will es nicht schon wieder im Detail vermasseln und als notorischer Verräter dastehen. Also: allseitiges LIEBESGEBOT. Meine Mama wäre begeistert. Vielleicht sogar ein Tränchen verdrücken.
Dieser Lars Fallbeil wirkt auf mich sogar so, als sei er für diese Nummer in die Muckibude gegangen. Straffer. Begattungsbereiter. Toller Mann. Überhaupt viele hochgewachsene Männer. Nach dem kleinen dicken Armin. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
Keine Zwangsheirat, nicht mal eine Konvenienzehe, nein, ein Bündnis der jungen Liebe; ein Hauch von John F. Kennedy… Berlin entdeckt Hollywood. Das Land seufzt.
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SCHWARZE SERIE.
Auch in der Literatur gibt es das Recht der Ersten Nacht. Niemals wird man den tiefen Eindruck vergessen, den die erste Lektüre von Raymond Chandlers „Big Sleep“ machte. Hier wurde 1939 der Privatdetektiv Philip Marlowe geschaffen, den Humphrey Bogart auf so unvergessliche Weise dargestellt hat. 1945 wurde er in der Verfilmung als „Tote schlafen fest“ mit der legendären Lauran Bacall zu dem archetypischen Filmpaar einer schwarzen Romantik. Ich schwärme.
Gestern Abend unverhofft eine Wiederholung dieses Musterfilms der Schwarzen Serie im Fernsehen; ich bleibe hängen. Es gibt keine erotischeren Szenen als die Verführung des harten Kerls durch ungewöhnliche selbstbewusste Frauen, wie sie Chandler zeichnet. Zu der Taxifahrerin, die Marlowe nächtens lädt, später; daran ist vieles neu und überraschend emanzipiert.
Was mir auffällt, sind die heimlichen Helden dieser Großstadtkrimis. Nicht so sehr der Schnaps und die Zigaretten, auch bei weiblichen Rollen. Das ist das Amerika der Nach-Prohibition. Nein, der ganze verwickelte Krimi wäre nicht denkbar ohne Autos und Telefone. Wir schreiben die dreißiger, vierziger Jahre!
Das Auto ist nicht nur Gefährt oder Tatort, es ist der intime Raum im Wortsinn. Großartige Szenen des Flirtens bis hin zum finalen Eingeständnis der gegenseitigen Liebe zwischen Bogart und Bacall, der großen Verführerin. Der Balkon von Romeo und Julia ist das Innere des PKW geworden, der „locus amoenus“ der Moderne. Man liebt sich hinter‘m Lenker. Am Straßenrand. Die Regie Howard Hawks gestaltet das ikonographisch: das Auto im Innenraum als Refugium der Liebe.
Dann aber zu meiner Überraschung in jeder Szene ein Telefon. Es stehen die Geräte mit Wählscheibe auf den Schreibtischen, mitten in Wohnzimmern und hängen als Münzautomaten in Bars. Ständig wird telefoniert, alle Lokalitäten vom Polizeirevier bis zu Spielclubs und Boudoirs sind mit Telefonieren der Protagonisten verbunden. Das ist die metropole Moderne, man trinkt, raucht, flirtet, fährt Auto durch die dunkle Nacht. Und telefoniert.
Das Mobile dieser Metropole, bei uns Handy genannt, war als Sozialpraxis schon da, bevor das entsprechende Gerät erfunden wurde. Was wird davon bleiben? Das Rauchen haben sie uns schon abgewöhnt und den Roggenwhiskey; am Autotabu arbeitet der Zeitgeist gerade. Gott, was macht Philip Marlowe mit einem Erdbeersmoothie in einem Tesla? Bacall auf dem Lastenrad? Undenkbar.
Das mit der koketten Taxifahrerin und ihrer Visitenkarte kriegen wir morgen. Wir wollen die Wehmut für heute nicht übertreiben.