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VON DER KANZEL.

An Kathedralen fasziniert die Höhe des Doms. Die Erdenwürmer schauen auf zu Gott. Dazwischen doziert an Altar und Pult der Priester. Auf einer niedrigeren Stufe der monumentalen Vertikale, aber doch über den Köpfen der Horizontalen.

In allen Kirchen, die ich touristisch kennenlerne, suche ich nach der Kanzel, eine architektonische Besonderheit. Damit alle Gläubigen die Predigt auch akustisch verstehen, ist sie stets über den Köpfen der Gemeinde; meist noch mit einem eigenen Dach versehen, dem Schalldeckel. Es war klar, wer hier erhaben stand, verkündete Gottes Wort.

Ex cathedra sprechen zu dürfen, war eine explizite Auszeichnung; man brauchte dazu eine Erlaubnis höchster Autorität. Das hat sich mit der Reformation nur scheinbar geändert. Zwar durfte nun jeder Laie in der deutschsprachigen Bibel Sinn suchen, aber es wuchs eben auch die Bedeutung des Wortes. Exegese war eine Disziplin.

Das ist der grundlegendste Unterschied zu den heutigen Internet-Religionen: Jeder Depp darf dort auf die Kanzel. Die „influencer“ schaffen sich ihre virtuellen Kirchen, jedenfalls virtuelle Predigtpulte, von denen aus sie ihre Befindlichkeiten global verbreiten. Das Ganze hat etwas von einem unendlich gestellten Stuhlkreis; die Banalität des Horizontalen.

Für die stolze Kirche war klar, dass zwischen der Sünderbank und dem Kathedralendach, sprich dem Himmel, noch immer der Prediger thronte, von oben eingesetzt und gegenüber dem Parkett weisungsberechtigt. Das ist es, was die Sozialen Medien aufgelöst haben, die Priesterweihe. Jedem Depp seine Kanzel. In der Folge weiß auch niemand mehr, wo Gott wohnt.

Die erhabene Vertikale des Doms ist gestürzt; sie liegt quer. Die Laien laben sich an ihrer eigenen Blase. Pun intended.

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KOMPLEXE.

In meiner Jugend gab es eine abwertende Benennung für psychische Probleme, deren Ursprung ich nie nachvollziehen konnte. Man sagte pejorativ: „Der hat Komplexe!“ Möglicherweise abgeleitet vom umgangssprachlichen Begriff der Minderwertigkeitskomplexe. Komplexe sollte man nicht haben.

Falsch. Komplexität ist ein gutes Thema. Jetzt ist im kanadischen Parlament der „speaker“ zurückgetreten, weil er in eine KOMPLEXITÄTSFALLE geriet. Anlässlich eines Besuches des ukrainischen Präsidenten hat man einen greisen Helden des Zweiten Weltkriegs ins Parlament geladen, der damals gegen „die Russen“ gekämpft hatte. Das gilt heute als vorbildlich, sich in der binären Frage auf die richtige Seite schlagen zu können. Der aus der Ukraine nach Kanada emigrierte Herr hatte damals Russen getötet: Bravo.

Nun stellte sich schnell heraus, der Held war seinerzeit Mitglied der Waffen-SS. Damit kommen Geschichtsklitterungen hoch, die die faschistische Orientierung ukrainischer Nationalisten betreffen. Das Thema ist doppelt schwierig. Zum einen, weil es eine Tonlage aktueller russischer Propaganda gegen die Ukraine betrifft.
Zum anderen, weil es die Frage nach der Identität der historischen Waffen-SS stellt.

War das eine reguläre Abteilung der Wehrmacht, in die man gegen seinen Willen gezogen werden konnte? So wie in die Gebirgsmarine? Das war eine gängige Schutzbehauptung unter alten Kameraden. Oder war es der explizit faschistische Teil deutschen Militärs, der SS entstammend, verantwortlich für besondere Gräueltaten? Hatten die Siegermächte Recht, als sie die Totenkopf verehrenden Truppen ausdrücklich als verbrecherische Organisation einstuften?

Jedenfalls ist nicht jeder historische Feind des jetzigen Gegners unserer Nachbarn schon deshalb jedermanns Freund. Ein Satz zum Nachdenken. Die Geschichte hat nämlich Komplexe.

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KARTENSTÄNDER.

In Berlin sind nur noch 45,8 % aller Lehrer auch dafür fit und ausgebildet; der Rest sind Quereinsteiger, Studenten und reaktivierte Pensionäre. Folge der verwahrlosenden Politik. Aber das muss ja nicht nur falsch sein.

Wenn da mal originäres Fachwissen zeitnah in die Schulen geriete, das könnte den Horizont der Kids erweitern. Bis die modernen Zeiten sich in die Schulbücher durchgeschlagen haben, sollen schon mal Generationen ins Feld gegangen sein.

Ich erinnere noch einen Besuch in Braunschweig beim Westermann Verlag. Da gab es die DDR noch und ich hatte auf dem Bahnhofsvorplatz den Verdacht, irrtümlich zu weit gefahren zu sein und schon in der Ostzone. Westermann verlegte den legendären Diercke-Atlas, ein schweres Miststück in den Tornistern aller Schüler.

Ich wollte mit denen einen Foliensatz machen zur Regionalgeschichte der Ruhr. PR gesteuertes Lehrmaterial. Folien? Diese Dinger legte der Pauker auf einen Tageslichtprojektor (OHP genannt für overhead projector) und warf so ein Bild an die Wand. Mir ging es um ein industriefreundlicheres.

Der eher gemächliche Verlagsmitarbeiter faszinierte mich, weil er während der Arbeit Radio hörte, aus einem ausgebauten Autoradio, das er als Bastler an ein Netzteil gehängt hatte. Ein blanker Lautsprecher daneben. Er hörte was Französisches auf Kurzwelle, die man am Fiepsen der Frequenz erkannte.

Papier, Dias, Radio. Alles aus der Zeit gefallen. In den Schulen gab es Kartenzimmer mit dutzenden Landkarten riesigen Formats, für die in den Klassenzimmern eigens Kartenständer vorgehalten wurden. Was ist aus all den Kartenständern geworden?

Tempi passati. Macht heute Google Earth und Konsorten. Nutzen Schüler ohnehin heimlich, während ChatGPT ihnen die Referate schreibt.

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VON WEGEN SÜSSE.

Klären wir zunächst die Handlung aus dem Roman von 1939 und einer Verfilmung von 1945, nämlich die der berühmten "Taxi-Szene". Der Privatdetektiv will einen Lieferwagen verfolgen, um dessen Ziel zu erfahren, und springt dazu in ein wartendes Taxi, dessen Fahrer er um den "tail job" bittet. Zum Ende der Aktion übergibt der Fahrer seine Visitenkarte für künftige Aufträge, Tag und Nacht.

In der deutschen Synchronfassung redet der männliche Privatdetektiv die professionell uniformierte weibliche Fahrerin mit "Süße" an und es entspannt sich plump ein Dialog mit erotischer Konnotation, die ihn, den Macho, als den Initiativen erscheinen lässt. Das ist nicht so ganz korrekt. Im Original lautet die Anrede nämlich klar und männlich: "Hi, driver!" Von wegen Süße.

Erst als die Verfolgungsjagd als Auftrag benannt ist, antwortet die Fahrerin, dazu sei sie "your girl"; sprich der richtige Mann. Sie redet ihren Fahrgast mit "bud" an, wohl kurz für "buddy", sprich Kumpel. Als sie die Visitenkarte übergibt, fragt Marlowe, ob das Angebot Tag und Nacht gelte. Jetzt sie: "Melde Dich nachts; tagsüber arbeite ich." Alta, Schwede.

Die Frauen bei Raymond Chandler (dem Romanautor) sind keine Häschen; sie erwählen den "zu kurz geratenen" harten Mann mit den kärglichen Einkommensverhältnissen, weil er eine ehrliche Haut ist; aus eignem Willen und durchaus keck. Das wollte ich nur zum Thema Emanzipation angemerkt haben.