Logbuch

HELDEN DER JUGEND.

Auf dem dorotheenstädtischen Friedhof stehe ich plötzlich vor dem Grab vom HERBERT MARCUSE. Der ist, obwohl schon 1979 gestorben, neu hier. Woher? Mensch, Herbert, alter Dampfplauderer. Einst viel von Dir gelesen.

Als Primaner wurde ich Zeitzeuge der Studentenproteste in den USA und dann hier, allen voran in Berlin. Eine Heldin dieser Zeit war die Afroamerikanerin ANGELA DAVIS, die Rassismus wie den Vietnamkrieg anprangerte. Zudem attraktive Frau, mein damaliges Schönheitsideal (von Beuteschema kann man bei einem 17jährigen Schüler noch nicht reden). Ihr Hochschullehrer war HERBERT MARCUSE, der damals berühmte Philosoph und Befürworter der Außerparlamentarischen Opposition. Er brachte es bis zum Dreigestirn „Marx, Mao, Marcuse“; der Chinese gehört da eigentlich nicht rein.

Wir lasen seine Schriften mit Enthusiasmus, eine Mischung aus frühem MARX und soziologisch gewendetem FREUD; so der linksliberale Duktus der KRITISCHEN THEORIE der emigrierten FRANKFURTER SCHULE. Und plapperten es nach. Unsere Pauker waren sprachlos. Die rhetorische Lufthoheit lag bei uns, den postpubertären 68zigern. Aber es gab eben auch interessierte Pauker, jedenfalls permissive (was wir „scheiss-liberal“ nannten, ziemlich rotzfrech). Vieles ist mir heute peinlich.

Zum Beispiel unser Gelächter über einen dieser Pauker, der sich in MARCUSE einlesen wollte und sich ein Buch vom dem Vielgelobten gekauft hatte. Suhrkamp Verlag. Aber er verstand uns noch weniger. Was war ihm passiert? Er war irrtümlich bei LUDWIG MARCUSE gelandet, anstelle von HERBERT. Ziemlicher Unterschied.

Tja, Dummheit lacht. Damals eben ich. Eigentlich war er, der von uns Pennälern Verlachte, ein guter Pauker. Und wir eben freche Schnösel. Jetzt stehe sentimental vor dem Grab von Onkel Herbert und erinnere mich an dessen Theorie der „repressiven Entsublimierung“ in „Triebstruktur und Gesellschaft“ (Bibliothek Suhrkamp, ein Hardcover), was für ein Zeitgeist, welch ein Konstrukt.

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NAIL BITING.

Über die bis auf das Nagelbett herunter gekauten Fingernägel von Politikern gibt es eine Debatte. Man dürfe Fotos davon nicht zeigen, auch nicht PR-Fotos bei „absoluten Personen der Zeitgeschichte“. Aber die lackierten und verzierten Nägel schon?

Onychophagie, so nennt das der Arzt. Von GORDON BROWN gibt es Fotos, die zeigen, dass er neurotischer Nägelbeißer war. Erschütternd. Ähnliche Bilder existieren historisch von den Händen anderer Politiker, etwa vom ANGELA MERKEL. Und jetzt von einer Parteivorsitzenden der Grünen, deren Namen ich vergessen habe. Wenn sich Menschen die Nägel aber mit allerlei Verzierungen aufhübschen lassen, dazu gibt es unzählige Läden für FRENCH NAILS, dann darf ich das bewundern; wenn der NÄGELKULT aber auf eine zwanghafte Selbstzerstörung hindeutet, dann nicht.

Das stimmt bei PRIVATPERSONEN und ihrer PRIVATHEIT. Akzeptiert. Es gilt bei unfreiwilligen Fotos, die das Recht am eigenen Bild verletzen. Ja. Aber bei einem vorsätzlich produzierten und als PR verbreiteten „Siegesfoto“ einer Politikerin, da gelten doch wohl andere Regeln. Die Vorgabe „Bewunderung erlaubt“, aber „kritischer Blick“ untersagt, die gibt es nicht. Das Presserecht schränkt das Recht auf PRIVATHEIT bei „Personen der Zeitgeschichte“ ein, weil die vorsätzlich auf eben diese verzichtet haben.

Die Macht wollen, sich prahlend in die Öffentlichkeit begeben, dann aber sakrosankte Demut des Publikums erwarten? Dem Volk seine Lust am Spott verbieten, als dessen Machthaber? In Nordkorea vielleicht, hier eher nicht.

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WEM ES NÜTZT.

Genetisch ist das stärkere Prinzip das Weibliche; das andere Chromosom namens Y gilt als schwach, notwendig, aber nicht überlegen. Daher musste nach der Niederkunft die soziale Frage gestellt werden, wenn Männer herrschen wollten. Auch als religiöse. HERRSCHAFT ist ein Konstrukt.

Gestern war der kirchliche Feiertag „Maria Lichtmess“. Wer nachliest, woher diese Tradition kommt, lernt, was der Lateiner mit CUI BONO meint. Das ist die Frage danach, wem eine Angelegenheit den größten Nutzen bringt. So fragen jene Skeptiker, die die Nebelgespienste des Abergläubischen, jedweder Religion, zerreißen wollen. Gottesstaaten gilt es zu misstrauen.

Also, vor zwei oder drei Jahrtausenden gehörte das erste männliche Kind eines Paares, der ERSTGEBORENE, angeblich Gott und musste von seinen Eltern zu Lichtmess im Tempel „dargestellt“ und ausgelöst werden. Da Gott schlecht das INKASSO selbst machen konnte, standen seine HOHEN PRIESTER hierzu bereit. Tiefe Taschen. Man konnte die Summe bar leisten oder durch Naturalien, ein Schaf und eine Taube etwa. Zugunsten der Popen.

Wer wohl auf die Idee gekommen ist? Es soll ja sogar ein regelrechtes Bankwesen im Tempel gegeben haben. Jesus schmeißt sie später raus, die Geldwechsler. Man spricht dabei von TEMPELREINIGUNG. Ein Sprachbild des „Reinen“, das noch eine ganz andere Tradition hatte. Die Gebärenden galten bei der Geburt eines männlichen Erstgeborene 40 Tage als „unrein“, bei einem Mädchen 80 Tage. Erstaunlich. Eine mythische Geburtenregelung. Kennen das andere Religionen auch?
Und wir fragen: Wem nützt das?

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ALTWEIBERSOMMER.

Ich habe diesen Freund in jenem Kanada, in dem man Französisch spricht, der den milden Vorherbst einen indischen Sommer nennt, was im Englischen dann zum indianischen wird. Da ist die Sprachverwirrung seit Christoph Columbus groß, der dachte, einen Seeweg nach Indien gefunden zu haben, als er vor den Eingeborenen Nordamerikas stand. Heute ist das Straßenbild so, als könne das stimmen; man sieht hier viele Sikhs. Das ist aber, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.

Wie nennt man nun den milden Vorherbst? Es ist ja jene Zeit, die noch mit Wehmut an den langen Sommer erinnert, die vermeintliche Mitte des jahreszeitlichen Erlebens. Enden wird diese Zeit der Blattfärbung durch drei Nachtfröste, nach denen der Ginkgo seine hellgelben Blätter komplett abwirft. Nach einem gemächlichen Wandel vom erhabenen Grün zum schrillen Gelb ist dann endgültig Schluss, für diese Runde. Es beginnt die christlich überformte Verehrung des immergrünen Tannenbaums, ein furchtbar überschätztes Nadelgehölz.

Altweibersommer geht gleich mehrfach nicht. Erstens gilt das Grundgesetz der ewigen Jugend. Selbst die Greise, also der männliche Teil der Alten, nimmt den Tonus des herbstlichen Laubes auf und kauft sich gelbe oder rote Cordhosen. Zweitens gibt es in der Hohen Minne keine Weiber, sondern nur Damen. Die sprichwörtlichen Waschweiber sind längst durch Miele ersetzt. Wie aber gehen wir mit dem demoskopischen Tatbestand um, dass die Parkbänke unter buntem Laub mehrheitlich von Frauen besetzt sind, die ihre Männer schon ins Grab gebracht haben? Was sagen dazu die Woken?

Wenn nämlich die Dulcineas finden, dass das misogyn sei mit der Jahreszeit für Witwen, was machen wir dann, wir woken Männer? Ich empfehle Semantik. Semantik ist immer gut, wenn man in der Sache nichts ändern will, aber dem Volkszorn entgehen. Wie wäre es mit „zweiter Frühling“? Das könnte auch eine Altersdiskriminierung enthalten. Geht „Nachsommer“ oder „Wechseljahreszeit“? Oder besser noch „Vorfrühling“? Ich werde das mal im Altersheim diskutieren, wo sie gerade Kastanienmännchen basteln, die Witwen. Wieso eigentlich „Männchen“? Was für ein misomaskulines Gespött! Noch so ein Ding.