Logbuch

BRAUNER MARMOR.

Die Eingangshalle der Ostberliner Humboldt-Uni präsentiert einen Lehrsatz von Karl Marx. In Messinglettern auf rotem Marmor, geht das Gerücht. Das ist falsch. Und das Zitat ist nicht korrekt. Der Marmor ist braun und stammt aus den Büroräumen von Adolf Hitler. Er steht unter Denkmalschutz.

Die ehrbare Humboldt-Universität zu Berlin zitiert nicht korrekt. Der Bärtige aus Trier hatte notiert: „Die Philosophen haben die Welt nur unterschiedlich interpretiert, es kömmt darauf an sie zu verändern.“ Das ist für alle kundigen Thebaner die sogenannte 11. Feuerbach-These. Ich blicke auf mein Bücherregal und sehe den blauen Rücken von MEW 3, dem dritten Band der Marx Engels Gesamtausgabe; ich bin als Student bis Band 25 gekommen. Die Eingangshalle wurde 1953 gestaltet. Heute genießt sie, wie der schräg gegenüberliegende Palast der Republik Denkmalschutz (pun intended).

In der jungen DDR war Baumaterial knapp; und was da war, wurde für die Stalinallee aufgehoben. Also wurde der braune Marmor aus Hitlers Büro wiederverwendet und zum roten erklärt. Der eigenartige Umlaut bei Marx („kömmt“) ersetzt und in der zweiten Satzhälfte ein „aber“ eingefügt, das sich im Notizbuch von Charly gar nicht findet. Die Partei hat immer recht.

Übrigens, jetzt mal etwas ganz aktuelles, gibt es hier an der Humboldt am Historischen Institut einen Stiftungslehrstuhl zur Geschichte einer Diktatur, der von dieser Diktatur finanziert wird. Bisher verdeckt, jetzt enthüllt. Wir reden von Aserbaidschan. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.

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HEIMAT.

Heimatliebe, ein Wort mit einem schnöden Beigeschmack. Es scheint verbändelt mit Angst vor FREMDEN. Man kriegt Menschen leichterdings in die Fremde, aber nicht die Heimat aus ihrem Gemüt.

Gestern bemerke ich erstmals, nach Jahrzehnten, bei einem Kollegen, den ich sehr schätze, was einer der Gründe sein könnte. Es war mir nie klar, dass wir die gleiche HEIMAT haben. Das ist doch wirklich albern, dass ein solcher Zufall der Geographie eine Bedeutung haben soll. Zumal, wenn es gar keine besonders tolle Region ist, die hier verbindet. Und ich schon als Schüler wegzog.

Man versteht das mit der Heimat bei Menschen, die eine DIASPORA erleben mussten, also den angestammten Ort ihres GLAUBENS verlassen haben. Da wird Wehmut zu einem Grundmotiv des religiösen Empfindens.

Man versteht das bei Migranten, die aus ARMUT oder wegen VERFOLGUNG eine neue Heimat finden mussten. Ich empfinde großen Respekt vor den Tapferen. Da bleiben dann immer zwei Seelen in der Brust. Und natürlich eine unstillbare Sehnsucht nach der Mutterbrust.

Man versteht es vielleicht auch noch, wenn die Heimat ein toller Ort ungebrochener TRADITION war. Als Friese in Schwaben oder als Hanseat in Sachsen-Anhalt, das muss ja schmerzen. Aber mein Kollege, der kommt, erfahre ich erst jetzt, aus Bottrop. Bottrop, das ist an Beiläufigkeit nicht zu überbieten.

Du kriegst den Jungen aus dem Revier, aber nicht das Revier aus dem Jungen. Gilt auch für die Mädchen, schrieb neulich eine türkischstämmige Journalistin in Berlin, die in Duisburg in einer Zechensiedlung groß wurde. Der „rheinisch-westfälische Stadtbezirk“ darf von seinen Bewohnern, nur von diesen, der POTT genannt werden, sofern sie noch wissen, was der PÜTT ist. Aber es ist nicht mal ein homogener Menschenschlag. Hungerleider aus aller Herren Länder: Westfalen, Ostpreußen, Polen, Türken, ein erkalteter Schmelztiegel. Mit EMSCHERWASSER getauft.

Aber man erkennt sich am TON. Graf Koks von der Gasanstalt; Übertagebelegschaft auf Kokerei, Bergbeamte. Sprichwörtlich ist die vermeintliche Beleidigung in derber Sprache als initiales Signal der Wertschätzung. Beispiele verbieten sich hier, wo jeder mitliest.

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DAS GENIE DES OLAF SCHOLZ.

Der Erfolg der SPD hat einen Vater. Es ist das GENIE ihres Kanzlerkandidaten. Der Mann hat seine Lektion gelernt. Er widersteht jeder Versuchung zur Vielfalt. Das wirkt dann wie CHARAKTER. Und Charakter liebt der Wähler, schon bei Mutti wie jetzt bei Vati.

Es geht um das VERHETZUNGSPOTENTIAL von politischen Ideen. In der Politik ist man für das Maß seiner Missverstehbarkeit verantwortlich. Ich kenne Olaf Scholz lange. Und habe ihm lange zugesehen, wie er Prügel einzustecken hatte. Prügel der Medien dafür, dass man in die Falle der Missverstehbarkeit tappt. Denn das ist der polemische Politisierungseffekt in der Debatte, jemanden so auf das Eis zuführen, dass der Esel sich dort die Beine bricht. Nur ein Esel geht deshalb auf das Eis.

Wirklich geprügelt wurde Olaf Scholz zur Zeit des großen Gerd Schröder dafür, dass er auf die immer gleichen Fragen die immer gleichen Antworten gegeben hat. Mit der immer gleichen Mine. Das brachte ihm den Schimpfnamen SCHOLZOMAT ein; man bezichtigte ihn, eine SPRECHPUPPE zu sein. Auch ich habe diesem Impuls nachgegeben. Das war nicht schlau. Ich möchte das einräumen. Denn Vielfalt tötet.

Der doppelte Fehler der VARIANZ. Zunächst mal überschätzt man damit das Publikum. Noch nie ist ein Zirkus Pleite gegangen, soll der große Barum gesagt haben, weil er das Niveau seines Publikums unterschätzte. Man darf nicht verwirren. Dann, zweiter Gedanke, liegt die Qualität einer MARKE in der Standardisierung. Auch eine politische Marke muss wiedererkennbar sein, sofort wiedererkannt werden. Das ist das Verbot der AMBIGUITÄT.

Ich lege mich fest: Das GENIE des Olaf Scholz ist das SEMPER IDEM jeder Markenkommunikation. Der lateinische Begriff meint: Immer das Gleiche. Das steht nicht nur auf der Underbergflasche, es ist der Wesenskern von CHARAKTER. Angela Merkel hat das sehr früh als Schutzhaltung gelernt; sie hat es sich dem Zynismus des lange verkannten Helmut Kohl abgeschaut. So schützte sich das Mädchen vor den Kerlen. In der Wissenschaft spricht man vom REKURRENZ-GEBOT. Das ist wie beim Pauken von schwierigem Lernstoff, nur die Wiederholung bringt es. „Mach’s noch einmal, Sam!“

Wie entsteht in der Musik ein GENIE? Durch endloses Üben, sprich Wiederholung. Ein Musikant spielt, was er kann; ein Musiker kann, was er spielt. So wird man Kanzler. Der Vorwurf der Langeweile, bezogen auf den Wahlkampf, ist ein Verdikt von Laien. Na klar. Unterhaltend ist Annalena, nicht Olaf. Also: Olaf hat keinen Husten, Olaf patzt nicht. Jedenfalls wenn er jetzt noch bis zur Wahl durchhält. Man will ihm geradezu zurufen: „semper idem!“

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ALTWEIBERSOMMER.

Ich habe diesen Freund in jenem Kanada, in dem man Französisch spricht, der den milden Vorherbst einen indischen Sommer nennt, was im Englischen dann zum indianischen wird. Da ist die Sprachverwirrung seit Christoph Columbus groß, der dachte, einen Seeweg nach Indien gefunden zu haben, als er vor den Eingeborenen Nordamerikas stand. Heute ist das Straßenbild so, als könne das stimmen; man sieht hier viele Sikhs. Das ist aber, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.

Wie nennt man nun den milden Vorherbst? Es ist ja jene Zeit, die noch mit Wehmut an den langen Sommer erinnert, die vermeintliche Mitte des jahreszeitlichen Erlebens. Enden wird diese Zeit der Blattfärbung durch drei Nachtfröste, nach denen der Ginkgo seine hellgelben Blätter komplett abwirft. Nach einem gemächlichen Wandel vom erhabenen Grün zum schrillen Gelb ist dann endgültig Schluss, für diese Runde. Es beginnt die christlich überformte Verehrung des immergrünen Tannenbaums, ein furchtbar überschätztes Nadelgehölz.

Altweibersommer geht gleich mehrfach nicht. Erstens gilt das Grundgesetz der ewigen Jugend. Selbst die Greise, also der männliche Teil der Alten, nimmt den Tonus des herbstlichen Laubes auf und kauft sich gelbe oder rote Cordhosen. Zweitens gibt es in der Hohen Minne keine Weiber, sondern nur Damen. Die sprichwörtlichen Waschweiber sind längst durch Miele ersetzt. Wie aber gehen wir mit dem demoskopischen Tatbestand um, dass die Parkbänke unter buntem Laub mehrheitlich von Frauen besetzt sind, die ihre Männer schon ins Grab gebracht haben? Was sagen dazu die Woken?

Wenn nämlich die Dulcineas finden, dass das misogyn sei mit der Jahreszeit für Witwen, was machen wir dann, wir woken Männer? Ich empfehle Semantik. Semantik ist immer gut, wenn man in der Sache nichts ändern will, aber dem Volkszorn entgehen. Wie wäre es mit „zweiter Frühling“? Das könnte auch eine Altersdiskriminierung enthalten. Geht „Nachsommer“ oder „Wechseljahreszeit“? Oder besser noch „Vorfrühling“? Ich werde das mal im Altersheim diskutieren, wo sie gerade Kastanienmännchen basteln, die Witwen. Wieso eigentlich „Männchen“? Was für ein misomaskulines Gespött! Noch so ein Ding.