Logbuch
DER DUMME AUGUST.
Ich bin kein gelehrter Kenner der Antike, stehle mir aber aus dem Alten Rom diese und jene Weisheit; was den Cognomen Cato begründet. Jüngst gilt es zu ergründen, was den Begriff des CÄSARENWAHNS geprägt hat.
Offensichtlich kam es am Tiber zu einem Fieber, dass die Vorsteher der Republik nicht mehr nur glauben ließ, sie seien „primus inter pares“, sprich der Erste unter Gleichen, also Inhaber eines republikanischen Amtes, sondern halbe Götter, wenn nicht ganze. Das erzeugte unter den dergestalt einem König („rex“) unterstellten Bürgern Zorn. Es erklang in den Gassen Roms: „Man werfe den Tiberius in den Tiber!“ Tiberius in tiberim!
Nicht jeder schaffte es daher zum „Erhabenen“, im Lateinischen „augustus“, so wie der kluge Octavian, dem das Schicksal des ermordeten Cäsars eine Warnung war. Augustus, so dann der Cognomen des Octavian, beseelte das Kalkül, dass man zwar für sein Ansehen sorgen kann, aber nicht nach der Königskrone greift oder sich selbst zu Lebzeiten vergöttert. Denn die APOTHEOSE, die Erhebung des Erhabenen zu einem Gott, die steht stets am Ende des Staatstheaters. Das ist der letzte Akt. Und tschüss.
Das sollte man dem dummen August erläutern, der sich gerade in den Sozialen wie Jesus kleidet und dessen Stellvertreter auf dem Stuhl Petri. Gottesgnadentum. Freilich verdanken wir den Possen der Neuen Rechten ein wirkliches Bonmot. Der Papst sei, sagt der peinliche Potentat zusammenfassend, eine „liberale Person“. Das ist als Diskreditierung gemeint. Ach, wenn Luther das noch hätte miterleben dürfen.
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ALSO WAS?
Ein eifriger Fremdenführer zerrt mich mit einer Gruppe bildungsbeflissener Professoren der efeubewachsenen Universitäten Nordamerikas, lauter kleine Gumbrechts, durch Prag; auch zum alten jüdischen Friedhof. Danach suche ich dem Geschwätz zu entrinnen und bleibe in einer Buchhandlung bewusst zurück. Aus Verlegenheit erwerbe ich eine etwas abgegriffene Ausgabe des Eco-Romans zum Geist des Ortes. Blätternd erinnere ich mich: Ein schrecklich gescheitertes Werk.
Alles begann vor 120 Jahren, als im Russischen ein Oeuvre lanciert wurde, dass eine „jüdisch-freimaurerische Verschwörung“ aus Kreisen französischer „Initiierter“ aufzudecken vorgab, ein antisemitisches Pamphlet, das als die „Protokolle der Weisen von Zion“ in die Weltgeschichte der Judenverfolgung einging. Die englische Times wies schon vor hundert Jahren nach, dass es sich um eine zweifelhafte Kompilation handelt, ein Zusammenschmieren anderer Quellen, zum Teil unklarer Herkunft, aber immer mit klarer Absicht. Übles Machwerk.
Nächtens treffen sich danach die Repräsentanten der zwölf Stämme Israels auf dem Prager Friedhof, um sich über den Stand ihrer Weltverschwörung auszutauschen; das wird belauscht und berichtet. Darin verarbeitet vermeintliche Gespräche von Montesquieu mit Machiavelli. Alta! Womit der gebildete Unsinn so Blüten treibt. Ecos Roman ist nun ein fiktionales Exerzitium über fünfhundert Seiten, das seine Leser gegen solchen Unsinn immunisieren soll. Dabei ist er sich seines literarischen Scheiterns bewusst und wird im Nachwort auch noch frech. Er gibt dort Nachhilfe, und zwar dem Leser mit „nicht fulminanter Auffassungsgabe“.
Lehrreich finde ich die zeitgenössische Reaktion Hitlers in „Mein Kampf“; er berichtet von stöhnenden Artikeln der „Frankfurter Zeitung“, wonach die „Protokolle“ nicht echt seien und schlussfolgert: „der beste Beweis dafür, dass sie echt sind…“ So ist das mit der Propaganda, sie gewinnt ihr authentisches Moment durch den Kampf gegen sie. Der Gegenaufklärung ist mit Logik nicht beizukommen.
Mittlerweile sind die Gumbrechts beim Bier; ich geselle mich wieder dazu. Fragt mich mein netter Nachbar, auf den Eco-Band weisend, ob ich ein Exemplar der echten Protokolle hätte. „Eco qua?“
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BLITZSIEG.
Militärstrategen sind blitzgescheit, aber selten siegreich; zumeist erklären sie, auf Massengräbern stehend, warum trotz all ihrer Raffinesse alles in Schutt und Asche liegt. Oder das Elend kein Ende nimmt.
Das deutsche Wort vom Blitzkrieg, gemeint ist ein genialer Ruck-Zuck-Sieg, gibt es so im Italienischen, Englischen und Französischen, und zwar mindestens seit 70/71, als wir den Franzmann schlugen. Weitere Ad-hoc-Siege folgten: 14/18 und schließlich 39/45… na ja.
Der Blitz ist eine Erfindung der Propaganda, die die Kriegswilligkeit antreiben will, wenn die Söhne des Landes fürchten, mal wieder im endlosen Stellungskrieg in den Schützengräben zu verrecken. Potzblitz! Es mag ja sein, dass eine Wunderwaffenwehrmacht halb Europa mühelos überrollte, was sich dann aus Sibirien nach Hause schleppte, das sah anders aus. Oder Vietnam mit eingekniffenem Schwanz verließ.
Wir führen zur Zeit Blitzkriege im Ukrainischen, im Iran und mit seinen Vasallen sowie im Nahen Osten in der Gegend, die die Römische Besatzung Palästina genannt hat. Und wie immer eilen die Blitzer, genial von Raketen, Panzern und Luftwaffe gestützt, von Blitzsieg zu Blitzsieg.
Wenigstens der Papst hat zu Ostern dazu was gesagt. Früher hat sein Laden Kreuzzüge veranstaltet, auch so blitzgescheit, wie das, was wir gerade von den Großmächten erleben, allen drei.
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KEIN SCHOTTENHAMMEL.
Ich gehe nicht auf Volksfeste. Dabei ist es mir egal, ob die Einladungen auf die Wiesn gelten oder zu den Schützen oder in den Karneval. Es sind mir zuviel Leut. Aber das könnte ich noch ab. Was mich wirklich stört ist der Kappenzwang.
In München wird viel Wert auf eine urbayrische Ausstattung einer vermeintlich bäuerlichen Tradition gelegt; dabei stammt das, was da nun als Trachten gilt, aus dem 19. Jahrhundert, vorwiegend der zweiten Hälfte, und ist ein aufgesetzter Klassizismus, der an die Fruchtbarkeitsriten vergangener Zeiten anknüpft. Besonders die im Vier Jahreszeiten ausstaffierten Chinesen gefallen mir in Ihrer freiwilligen Peinlichkeit. Alta. Aber ich will kein Spaßverderber sein. Wem das Charivari vor dem Hosenlatz steht und wer die Auslage der Dirndlbluse zu füllen weiß, sei‘s drum.
Am Karneval wüsste ich noch klarer zu begründen, was mir fremd bleibt. Es ist nicht der Alkoholabusus, sondern diese kollektive Manie zur Albernheit. Hinter der Ausgelassenheit lauert eine verklemmte Geilheit, die mal Wege findet. Das ist so spießig wie nur was. Wie sagte noch mein Freund Jürgen: „Der alte Brauch wird nicht geknickt / bei Regen wird im Saal gefeiert.“
Von wem ist dieses wunderbare Bild der Absinthtrinkerin, die in ihrer Traurigkeit versunken vor dem Anisschnaps sitzt. Ober lakonische Friesen fallen mir ein, dem Grog zugewandt. Westfalen bei der kleinen Lage. Schotten beim Whisky. Im Grunde sollte man den Alkoholausschank an ein Redeverbot binden. Gesänge sind so wie so zu unterlassen. Getanzt wird nicht. Wer sich verkleidet, fliegt. Ausgeschenkt wird Trappistenbier. Es gilt strenge Observanz.