Logbuch
FRONTBEGRADIGUNG.
Was wahr ist und was gelogen, dass kann man wissen; jedenfalls hinterher. So geht Wissenschaft. Dazu gehört der Wille, unbequeme Wahrheit zu akzeptieren. Irren ist menschlich, nicht das Rechthaberische.
In der Kriegsberichterstattung spielt die Begradigung der Front eine große Rolle. Ich habe nicht die geringste Ahnung, was das ist. Ebenso wenig erfüllt sich mir die EINKESSELUNG mit Sinn. Dieses Ganze In-Szene-Setzen von Infanterie erinnert mich zu sehr an meinen Großvater vor Verdun. Trotzdem plärrt davon jeden Morgen der Volksempfänger, der jetzt Twitter heißt. Das ist aber, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
Zudem passe ich mich dem modernen Bellizismus ja an. Auch ich begradige eine Front. Bisher habe ich stets gegen jene gekämpft, die die WAHRHEIT im Singular hatten. Mein Doktorvater nennt das „binären Reduktionismus“. Danach zerfällt die Welt in FREUNDE und FEINDE. Und „fuck off“ gilt als ausgewogenes Diplomatenurteil. Ich gebe zu, dass ich zum Räsonieren neigte und es mir an Entschiedenheit fehlte. Es gab für mich oft mehr als eine Wahrheit. Selbst wenn das politisch nicht korrekt war. Mir fehlte der Tunnelblick. Bisher.
Jetzt aber schwabbt eine rhetorische Seuche herüber aus Südkalifornien, die zur Radikalität zwingt. Es gibt jetzt die WAHRHEIT mit einem besitzanzeigenden
Fürwort: „my truth“. Es erzählen Filmsternchen, die sich Adelssprosse geangelt haben, von „ihrer“ (Possessivpronomen) Wahrheit. Man sagt: Dazu sage ich jetzt mal meine Wahrheit. Also, meine Wahrheit ist… Poooh.
Die Erde ist eine Scheibe. Schweine können fliegen. Meine Wahrheit ist… Freunde der Tanzmusik, das geht gar nicht. Es ist das Wesen der Vernunft, dass sie sich Verstandesgründen nicht durch den bloßen Vorsatz einer gekränkten Laune verschließen kann. Sagt KANT. An dieser Front wird jetzt weitergekämpft. Mit den schweren Geschützen der Aufklärung. Tagesbefehl. Abtreten!
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PARTIZIP PRÄSENZ.
Im Gebäude MA der Ruhr-Universität Bochum (RUB), das ich zu durchqueren hatte, um das Gebäude GC zu erreichen, hing auf der Ebene 05 eine Karte mit einem Raumplan, an deren unteren Ende der Karteninhalt mittels einer Bildlegende erklärt wurde. Hier hatte ein Komiker hinter die Angabe LEGENDE das Wort HÜHNER gekritzelt. Nie mehr habe ich danach LEGENDE so lesen können, wie es gemeint war. Seitdem ist der Gebrauch des Partizip Präsenz Bert Brecht und mir vorbehalten. Ich bitte um Beachtung.
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EIN GETRIEBENER.
Dass ein Leben ohne jedes Glück gewesen sei, das soll man nicht glauben. Aber Rastlosigkeit spricht dafür. Keine Heimat gefunden haben, auch nicht in sich selbst. Wanderer wider Willen.
Ich lese von einem gescheiterten Leben. Der Journalist und Literat Joseph Roth haderte mit allem. Er wollte seiner ukrainischen Heimat, dem jüdischen Leben dort, nichts abgewinnen; sein Vater war früh dem Wahnsinn erlegen und bei einem Wunderrabbi versteckt. Und doch spricht er immer wieder von dem Galizien der k-u-k-Zeit. Er geißelt sich als „Ostjuden“.
Roth konvertierte zum Katholizismus und gab in Wien den Kaffeehaus-Dandy, der die Spießer verspottete. Ein „Schmähtandler“ und Gesellschaftskritiker, der den Abgesang auf seine Epoche zelebriert. Ein waches Auge und eine scharfe Zunge vor einem geneigten Kaffeehauspublikum. Unerträglich aber in seiner Eifersucht für seine Geliebte, die er in der Demenz abgibt. Dann, wieder Ortswechsel, im Berlin der Roaring Twenties, Zeitgenosse und Genosse von Brecht, Kisch, Zweig. Auch hier politisch motiviert und persönlich hadernd; ständig pleite, ein Schnorrer. Rastlos reisend.
Schließlich Opfer der Nazis: Man verbrennt seine Bücher und zwingt ihn ins Exil. Was ich vergessen habe? Seinen exzessiven Alkoholkonsum. Roth soff sich um den Verstand. Fassungslos stehe ich vor dem Lebensbild eines ewigen Wanderers wider Willen. Verwehrte Heimat.
So viel Unglück kann man gar nicht haben. Und es muss zudem weniger Schnaps gewesen sein; schließlich hat er die ganze Zeit geschrieben. Mein Verdacht: Man hat mir ein Werk durch eine Biografie verstellt. Ich werde ihn jetzt mal ganz naiv lesen und so tun, als hätte ich von seinem Schicksal vorher noch nie was gehört. Werkimmanente Interpretation. Da muss Hoffnung gewesen sein. Ein wenig Freude am Gelingen. Zumindest beim Wortgebrauch.
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KONFRONTATION DER GOTTES-STAATEN.
Die Spottgesänge in den Sozialen Medien des Internets über die Anstalten des Öffentlich Rechtlichen Rundfunks (ÖRR) sind politisch oder wettbewerblich motiviert. Daran ist in der Sache keine weitere Beteiligung von Nöten. Schon gar nicht kann als Alternative gelten, was amerikanische Oligarchen auf ihren Plattformen abziehen.
Es gibt sie, die intelligente Nutzung des ÖRR, jedenfalls wenn man über den Tellerrand schaut. Ich habe gestern Abend über Stunden zwei französische Dokumentationen über den Nahostkonflikt geschaut, auf ARTE, dem deutsch-französischen Gemeinschaftssender, und fühle mich nicht als Beute der israelischen oder der palästinensischen Propaganda. Oder des amerikanischen Hegemon; das ist ja schon mal was.
Zuvor schon habe ich britische Sichtweisen auf der BBC und einem Murdoch-Sender studiert sowie die Sicht von Al Jazeera, der dem Islamismus etwas abgewinnen kann. Übrigens gibt es auch in englischer Sprache einen französischen Nachrichtensender. Die Amis nenne ich erst gar nicht. Niemand ist auf den westdeutschen Sumpf der Haltungsgnome allein angewiesen. Man kann das gute alte Dampffernsehen auch klug nutzen.
Ich lerne an den Konflikten Israels mit seinen Nachbarn und denen der Nachbarn mit Israel, dass es keine leichte und schon gar keine schnelle Lösung geben wird, zumal die militärische Auslöschung der einen durch die andere Partei keine sein kann. Ich weiß um den Preis der deutschen Staatsräson, die, auch wenn sie politisch gilt, intellektuell nicht ohne Wenn und Aber ist. Ist das alles eine Binse, für die niemand Stunden vor dem TV-GERÄT hocken muss? Mag sein, aber ich bin mir jetzt sicher. Jedenfalls sicherer als nach dem Ansehen eines Clips auf X mit Greta Thunberg, die hinter einem Diesel-Pick-Up die Palästinenserfahne schwingt und ansonsten eine Krake als Stofftier ins Bild bringt.
Was die Projekte der Gottesstaaten jüdischer oder islamischer Provenienz angeht, bleibe ich bei Karl Marx: „Jede Kritik beginnt mit der Kritik der Religion.“ Und ergänze in seinem Sinne, dass Religionsfreiheit die Freiheit von ihr ist. Auf beiden Seiten, auf allen.