Logbuch
INKLUSION.
Gebrauchsanweisungen: Man könnte zum Attentäter werden. Die IKEA-LEKTION. Aber das Problem liegt tiefer. Nein, es fehlt keine Schraube. Nie. Nein, die Reihenfolge ist nicht falsch herum angegeben. Nimmer. Es fehlt an der Einstellung. Ruhe! Muße! Sich auf eine Sache einlassen können. Manchmal kommt man nicht rein; schon klar. Weil man nicht rein gelassen wird: Exklusion. Ärgerlich. Manchmal geht es aber auch deshalb schief, weil man nicht die Geduld hat, sich auf etwas einzulassen. Da sind die Dummen halt im Vorteil. Ihnen bleibt auch ansonsten nur der Gehorsam. Disziplin, das Genie der Preußen.
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HÖRENSAGEN.
„So habe ich es gehört. Und in Teilen glaube ich es auch.“ Daraus spricht Zweifel. Jede Quelle sei suspekt, hat mir eine kluge Historikerin mal gesagt; eine Berufseinstellung jener, die eine Unzahl von Geschichtsklitterungen skeptisch gemacht hat. Der Spruch mit dem Hörensagen stammt von einer Figur im „Hamlet“; Horatio heißt der Skeptiker dort. Ich habe vergessen, was genau er auf dem Spukschloss in Dänemark treibt. Aber sein Motto klingt mir in den Ohren. Insbesondere wenn ich auf die ganz Gewissen treffe. Was wir wissen, haben wir selten aus erster Hand. Lob des Zweifels.
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APHORISMUS.
Die ganze Wahrheit in einem Satz; und der noch brillant formuliert. Wer oft so einen guten Spruch drauf hat, der gilt als geistreich. Aber das Elend ist nah. Wenn einer immer nur lauert, wie er was witziges sagen könnte, wird er anstrengend. Routine tötet. Man kennt das von den hauptberuflichen Komikern: ihre Kunst ist die der KLEINEN FORM. In der Pointe liegt die Kraft. Es gibt keine abendfüllenden Filme mit „stand-up-s“, die erträglichen wären. Ich habe keinen Woody Allen Film wirklich genossen; immer schaler Nachgeschmack, manches peinlich (das Autobiographische oberpeinlich). Weil die KLEINE FORM eben nur eine kurze Zeit geht. Esprit zu zeigen, Witz zu haben, das sind Blitze an einem dunklen Himmel, nicht dauergrelle Neonreklamen. Ein Bonmot, das ist ein seltenes Glück, das daraus lebt, überraschend zu sein. Wirklich spritzige Sottisen sind wie Sternschnuppen. Zu seiner inhaltlichen Wirkkraft bringt es der Aphorismus, weil er radikal verkürzt oder dramatisch überzieht, beides eine intellektuelle Leitung. Der große Karl Kraus hat einem Aphorismus bescheinigt, die halbe Wahrheit zu treffen oder anderthalb. Gut gesagt. REDUKTION VON KOMPLEXITÄT, hat der Soziologe aus Bielefeld es genannt. MUT ZUM PARADOX, ergänze ich. Hier nun liegt die Tragik der notorisch Originellen auf Twitter und sonst wo: Sie suchen Geistesblitze zu produzieren wie die Nudelfabrik Pasta. Jeden Tag drei. Anfänglich würdigt man noch das Bemühen, dann steigt Langeweile auf, schließlich Mitleid über das Scheitern. „Heute sinkt für Sie: das Niveau!“
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GLÜCK ZU.
Der alte Müllergruß (Glück zu!) erschließt sich nicht so recht, wer eigentlich gelernt hat, dass das Glück sich aufschließen möge (Glückauf!). Aber das ist nicht das einzige Mysterium. Ich schlendre über die sehr gut besuchte Messe für Windenergie in Hamburg und staune über das Fachpublikum. Es ist sehr international. Die gute alte Windmühle weltweit ein Schlager? Eine Wiedergeburt, zu deutsch Renaissance?
Eine Erklärung könnte in den Kosten liegen. Wer heute ein Kernkraftwerk bauen will, sollte viel Zeit haben und gut 50 Milliarden € mitbringen; ein Windrad könnte es für 5 Millionen geben. Klar, nicht vergleichbar. Übrigens hat eine Milliarde tausend Millionen. Und alle Kostenrechnungen zum Strompreis sind suspekt, weil politischer Natur, wenn nicht ideologischer. Jedenfalls haben wir eine Renaissance der Windmühle. Und wer die Flügelsprache versteht, sieht sie auf Freude stehen.
Der Ruf des Müllers war allerdings historisch nicht gut. Er betrieb, lange bevor Kohle die Dampfmaschinen befeuerte, die größten Kraftmaschinen seiner Zeit. Sie leisteten Erstaunliches in der Wasserhaltung, waren aber auch gewaltige Sägewerke oder eben die Helfer des Landwirts, der sein Korn zu mahlen hatte oder Oliven wie auch Gewürze. In ihrer Zeit Wunderwerke der Mechanik also, ohne die Holland nicht zur Weltmacht hätte werden können. Zar und Zimmermann. Aber der fliegende Holländer, das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte. Heute drehen sie, wenn man es den Radfahrern unter uns erklären soll, Dynamos.
Warum aber galt der Müller den Alten als ein Höllenhund? Nicht erst seit der Märchensammlung der Brüder Grimm gelten die Windmüller als Spießgesellen des Teufels. In den Kinderbuchausgaben wurde regelrecht zensiert. Grausamste Dinge wurden nämlich von Müllern berichtet; sie hacken ihren Töchtern die Hände ab und verkaufen ihre Seele. Woher der Volkszorn? Noch in der Persiflage aus dem Spanischen gelten die Windmühlen als Ungeheuer, die der Rittersmann zu bekämpfen hat. Die erhabene Technik hatte immer auch etwas Gespenstisches.
Nun, seinen Zeitgenossen war der sprichwörtliche Reichtum der Müller nicht erklärlich. Der Hund musste die Rotoren nur in den richtigen Wind drehen und konnte diesen für sich arbeiten lassen. Er saß dann pfeiferauchend in der Sonne. Die Schwielen an den Händen des Bauern und dessen krummer Rücken waren ihm fremd. Das eigentliche Mysterium bestand aber darin, dass er nicht gesät und geerntet hatte, aber doch zu Mehlsäcken kam. Da konnte es nicht mit rechten Dingen zugegangen sein. Der Mythos entsteht, wie immer, aus Mangel an Wissen.
Der Müller galt als Glücksritter eigener Art. Heute würde man ihn als Beruf möglicherweise mit einem Spekulanten vergleichen, der sein Geld für sich arbeiten lässt. Aber die Kollegen an der Börse, die würden ihre Seele ja nicht an den Teufel verkaufen, oder? Na ja, sicher bin ich nicht.