Logbuch

Neues Geld vs alte Klasse. Der amerikanische Geschäftsmann trug früher glänzend poliertes Schuhwerk minderer Qualität. Sein englisches Pendant teures Pferdeleder, dramatisch ungeputzt. Man konnte den Eindruck haben, dass er die Budapester von einem Domestiken einlaufen lassen ließ. Man sah, wenn ein Anzug aus der Jermyn Str. kam. Der Gegensatz zerfällt. Heute sehe ich beide Herren wie Teenager in Sneakers („Turnschuhe“), Jeans („Nietenhose“) und Sporthemd (geknöpfter Kragen, Innenbordüre); na gut. Aber die Aktentasche, früher ein Koffer, hier wie dort jetzt ein allzu buntes Handtäschchen, eher Frisösenbedarf. Irritierend.

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Höhere Töchter und Söhne aus besserem Haus erkennen sich gegenseitig an einem stillen Stigma. Das sind die unsichtbaren Spuren der Internatsjahre. Bessere Bildung einerseits; man rezitiert schon mal die Ilias in Altgriechisch. Oder den Zweiten Hauptsatz der Thermodynamik. Aber dann sind da andererseits auch okkulte Narben, Spuren des Hospitalismus und frühpubertärer Erfahrungen mit dem eigenen Geschlecht. Spuren der Jahre im Heim. Die stillen Stigmata der Oberklasse. Der diskrete Charme der Bourgeoise. Es hat mich immer wieder fasziniert, sie erkennen sich untereinander aus dem Augenwinkel. Das ist Etikette. Der Unterschied von Manieren und Etikette. Manieren machen den Umgang angenehm. Etikette grenzt die aus, die nicht dazu gehören. Man erkennt, wenn man Etikette hat, den Outcast schon daran, wie er das Besteck hält.

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Erziehung in der Kleinfamilie konnte, wenn sie gelang, ein Idyll sein, in dem ausgewogene Persönlichkeiten heranwuchsen. Internaterziehung konnte, wenn es misslich lief, ununterbrochenes Mobbing sein, Bettnässer produzierend, die vom Quälen und Gequältwerden ein Leben lang nicht mehr lassen konnten. Warum sage ich das? Das Kommunikationsmilieu auf TWITTER ist von Heimzöglingen geprägt. Überall der Furor von jakobinischen Bettnässern. Mich fröstelt.

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GLÜCK ZU.

Der alte Müllergruß (Glück zu!) erschließt sich nicht so recht, wer eigentlich gelernt hat, dass das Glück sich aufschließen möge (Glückauf!). Aber das ist nicht das einzige Mysterium. Ich schlendre über die sehr gut besuchte Messe für Windenergie in Hamburg und staune über das Fachpublikum. Es ist sehr international. Die gute alte Windmühle weltweit ein Schlager? Eine Wiedergeburt, zu deutsch Renaissance?

Eine Erklärung könnte in den Kosten liegen. Wer heute ein Kernkraftwerk bauen will, sollte viel Zeit haben und gut 50 Milliarden € mitbringen; ein Windrad könnte es für 5 Millionen geben. Klar, nicht vergleichbar. Übrigens hat eine Milliarde tausend Millionen. Und alle Kostenrechnungen zum Strompreis sind suspekt, weil politischer Natur, wenn nicht ideologischer. Jedenfalls haben wir eine Renaissance der Windmühle. Und wer die Flügelsprache versteht, sieht sie auf Freude stehen.

Der Ruf des Müllers war allerdings historisch nicht gut. Er betrieb, lange bevor Kohle die Dampfmaschinen befeuerte, die größten Kraftmaschinen seiner Zeit. Sie leisteten Erstaunliches in der Wasserhaltung, waren aber auch gewaltige Sägewerke oder eben die Helfer des Landwirts, der sein Korn zu mahlen hatte oder Oliven wie auch Gewürze. In ihrer Zeit Wunderwerke der Mechanik also, ohne die Holland nicht zur Weltmacht hätte werden können. Zar und Zimmermann. Aber der fliegende Holländer, das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte. Heute drehen sie, wenn man es den Radfahrern unter uns erklären soll, Dynamos.

Warum aber galt der Müller den Alten als ein Höllenhund? Nicht erst seit der Märchensammlung der Brüder Grimm gelten die Windmüller als Spießgesellen des Teufels. In den Kinderbuchausgaben wurde regelrecht zensiert. Grausamste Dinge wurden nämlich von Müllern berichtet; sie hacken ihren Töchtern die Hände ab und verkaufen ihre Seele. Woher der Volkszorn? Noch in der Persiflage aus dem Spanischen gelten die Windmühlen als Ungeheuer, die der Rittersmann zu bekämpfen hat. Die erhabene Technik hatte immer auch etwas Gespenstisches.

Nun, seinen Zeitgenossen war der sprichwörtliche Reichtum der Müller nicht erklärlich. Der Hund musste die Rotoren nur in den richtigen Wind drehen und konnte diesen für sich arbeiten lassen. Er saß dann pfeiferauchend in der Sonne. Die Schwielen an den Händen des Bauern und dessen krummer Rücken waren ihm fremd. Das eigentliche Mysterium bestand aber darin, dass er nicht gesät und geerntet hatte, aber doch zu Mehlsäcken kam. Da konnte es nicht mit rechten Dingen zugegangen sein. Der Mythos entsteht, wie immer, aus Mangel an Wissen.

Der Müller galt als Glücksritter eigener Art. Heute würde man ihn als Beruf möglicherweise mit einem Spekulanten vergleichen, der sein Geld für sich arbeiten lässt. Aber die Kollegen an der Börse, die würden ihre Seele ja nicht an den Teufel verkaufen, oder? Na ja, sicher bin ich nicht.