Logbuch

DIE HAUSBIBEL.

Die Marxisten haben bei dem Bärtigen aus Trier gelesen, dass das gesellschaftliche Sein das Bewusstsein bestimmt. Nennt sich dialektischer Materialismus. Wir denken, was uns unser soziales Leben lehrt, während wir doch hoffen, dass umgekehrt unser Denken und Sehnen das Leben gestalten.

Ich sage: Alles eine Frage der Sprache und der Medien. Wir begreifen, wovon wir schon einen Begriff haben, dem wir Worte gaben, die wir aus Büchern stahlen. Wittgenstein für Arme.

Die Philosophie hat sich immer darum bekümmert, sprich Sorgen gemacht, dass sie sich selbst nicht genug ist, sondern aus Sachverhalten anderer Welten begründet. Und die Theologie hört auf eine Kraft der Herrschaft zu sein, sobald sie nur noch Philosophie ist.

Luther stößt ein Tor zu einer neuen Welt auf, indem er fordert, ein jeder Mann möge Priester sein und eine jede Frau Priesterin. Damit war die Weihe dahin und die Kirche als Herrschaft. Der Bildersturm stand in der Tür. Und die Demokratie, wo jeder ein wenig König.

Klappen konnte das aber nur auf der Grundlage der deutschen Hausbibel, also der Gutenbergschen Wende des Buchdrucks und Luthers Übersetzung. Wovon geht also die Aufklärung aus? Von der Hausbibel.

Könnte, wenngleich wortreicher, von Sloterdijk sein.

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DER MORAL VON BAUNATAL.

Dem Menschen als Handwerker ist es aufgegeben, sich die Erde untertan zu machen. Dem Inschenör ist nichts zu schwör. Seit den römischen Wasserleitungen gibt es viel zu bestaunen. Wir vermögen viel, manches auf fast ewig. Siehe Atlantis. Wenn er nur umsichtiger wäre, der „homo faber" und nicht auf dem letzten Meter dann doch zu burschikos. Kleine Lektion in Demut.

Im Waldeckschen Land, das der Zeitgenosse profan Nordhessen nennt, gibt es einen Fjord süßen Wassers, der der preußischen Baukunst entstammt, ein großes Gewässer, indem eine riesige Staumauer das Flüsschen Eder zu einem gewaltigen Reservoir staut. Beachtenswert, weil aus der Kaiserzeit. Das haben wir gekonnt, bevor der Irrsinn des Ersten Weltkriegs Europa zerstörte und der noch wahnsinnigere des Zweiten die halbe Welt. Der Edersee ist ein Wunder von Menschenhand.

Ich habe hier mal als Pfadfinder, ich war „Gruppenführer“, so hieß das, an einer Nachtwanderung teilgenommen und zwar in einem ähnlichen heißen Sommer, wie wir ihn gerade erleben; das Wasser im Stausee stand tief. Wie bei Nachtwanderungen strenger Comment gab es stricktes Rede- und Lichtverbot. Im fahlen Mondlicht erahnten wir, weil aus dem Wasser ragend, die versunkene Stadt, eine Brücke zeigte sich noch, die in der Vorzeit die Eder überspannte, und eine Kapelle mit Kirchturm, von der man wusste, dass sie neben einem stattlichen Friedhof über die Totenruhe wachte.

Die preußischen Baumeister hatten viel vermocht; ihre Ingenieurkunst wusste eine gigantische Staumauer zu errichten und die Wasserfülle dann der Schifffahrt zu dienen wie der Stromerzeugung (übrigens in ökologischer wie ökonomischer Perfektion für Spitzenbedarf und als Pumpspeicherwerk). Dafür waren ganze Dörfer umgesiedelt worden. Aber man hatte es für überflüssig erachtet, die Gräber umzubetten. Ein banaler Betondeckel sollte die Ausspülung verhindern. Ich ahne, wie diese Debatte damals lief und sich darum drehte, wieviel Goldmark das denn extra koste. Zu teuer. Ein solcher Frevel bleibt aber nicht ungesühnt.

Am Ufer des Edersees hockend hörten wir Pfadfinder dann um Mitternacht die Glocke der Kapelle wie sie, wir zählten bange mit, zwölf schlug. Der alte Küster ging, aus seinem Grab gespült, als Geist um und mahnte den Frevel. Heute weiß ich, dass weitere Ungeheuerlichkeiten hier ihren Ort haben. Die Sprengung der Staumauer durch die Royal Airforce etwa mittels einer Rollbombe. Eine Flutwelle ging zu Tal und ließ Mensch und Vieh ersaufen. Oder der Einsatz ganzer Hundertschaften von ukrainischen Zwangsarbeitern bei der Schließung des gewaltigen Lochs in der Staumauer.

Aber das sind die vergessenen Verbrechen. Nur der Glöckner aus dem Waldeckschen Atlantis, der will keine Ruhe geben. Sollten Sie also nächtens durch Kassel-Baunatal fahren oder Bad Wildungen, erwägen Sie doch, die Karre zu parken und sich still an das Wasser zu setzen, das davon kündet, was wir könnten, wenn wir demütiger wären. Hochmut kommt vor dem Fall. Soviel als Moral aus Baunatal.

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STILLE MITTAGSPAUSE BEI BRÜLLHITZE.

Wenn ich meine Ruhe haben will im stets lauten Berlin, dann gehe ich auf den Dorotheenstädtischen Friedhof. Hier liegt, so bilde ich mir dann ein, meinesgleichen.

Unpassend finde ich, dass Brecht dicht an der Mauer liegt und die Weigel vor ihm, sodass, wenn er nächtens mal flanieren will, immer über sie rübersteigen muss. Dass sie der großen Aufpasserin dieses Privileg auf ewig gegeben haben, finde ich falsch.

Als ich neulich einer türkischen Kollegin erklärte, wie Brecht es in Buckow so mit seinen Geliebten, den ehemaligen wie künftigen, gehalten hat, erklärte sie mir, dass das ein geheimes Kalkül der osmanischen Hausherrin gewesen sei, dem alten Gockel junge Hühner zuzuführen und so die Glucke zu bleiben.

Anmerkungen habe ich zum Grabstein des Johannes Rau. Dort steht in einer schlichten Geste der Satz: „Dieser war auch mit dem Jesus von Nazareth“. Das ist von großem Tiefsinn, da es der Geschichte von den Verleugnungen des Petrus entstammt, wie sie Lukas erzählt. Damit sind wir in einer beachtlichen theologischen Tiefe. Die auszuloten, bin ich nicht befugt. Das in einem so einfachen Zitat anzudeuten, ist vom Stil her schon sehr protestantisch.

Aber man hat ein Porträt hinzugefügt, das Gesicht des Politikers, den sie Bruder Johannes nannten. Was hier noch ernste Kunst, sieht man auf anderen Friedhöfen als hundertfachen Kitsch, Fotos der Verstorbenen auf dem Grabstein. Da würde ich mir mehr Ikonoklasmus wünschen, Bildverbote, keinen Selfi-Kitsch. Denn was von uns bleibt, das ist nicht das Ponem.

Lohnendes Denkspiel im angenehmen Schatten des Philosophenfriedhofs: Was soll von mir bleiben? Bevor ich das beantworte, zunächst als zu verwerfende Idee: ein Charakterporträt? Wie das unsägliche Porträt, das die unerträgliche Mutti Merkel gerade von sich hat malen lassen? Nein. Würde mir ein Staatsbegräbnis angetragen, gänzlich ausgeschlossen ist das angesichts meiner Verdienste ja nicht, nähme ich eine in Marmor geschlagen Sonnenuhr, die festhält, dass sie das Licht beherrsche. Und die Nachgelassenen der Schatten. In den Stein zu schlagen ist: SOL ME VOS UMBRA REGIT.

Also, um allen unzureichenden Versuchen des Nachruhms zu entgehen, komme ich in einem Ruhewald unter eine stattliche Eiche, eines sehr fernen Tages, hoffe ich. Rau hat übrigens den Grabspruch seines Vaters; das gefällt mir. Und beim großen BB steht nur der Name. Reicht. Er hat Vorschläge gemacht, wir haben sie angenommen. So sind wir alle geehrt.

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AFFENTHEATER.

Wer der Demokratie schaden will, diskreditiert das Parlament. Denn im Herzen einer Herrschaft des Volkes steht der Ort, wo seine Abgesandten sich darüber verständigen, was es denn nun wirklich will, das Volk, der Souverän. Das ist kein geringes Unterfangen und es braucht Würde. Das freie Wort frei gewählter Abgeordneter, die nur ihrem Gewissen verantwortlich sind. So ist der Kern unserer Verfassung gedacht.

Das galt mit der Ting-Eiche schon immer. Von der griechischen Polis über das römische Forum bis in die Nationalversammlung der Franzosen oder das englische Westminster: Es braucht einen Ort, wo aus dem Willen der Vielen im Wettstreit freier Auffassungen ein Gemeinwohl wird. Habermas nennt es deliberativ. Versteht kein Mensch, ist aber klug. Nur kein Affentheater.

Als unsere Diktatoren noch aus dem Adel kamen, sagen wir zu Zeiten von Wilhelm dem Zweiten, gab es Verächtliches aus Hochwohlgeborenem Munde: eine QUASSELBUDE sei das Parlament. Ihro Gnaden sprach gar vom REICHSAFFENHAUS. Böse, aber das gefällt mir, weil es Klartext ist. Joseph Goebbels gefiel es auch. Der nächste Zoo war dann Weimar! Das wiederum zeigt, an welcher Idiotie sich in Thüringen die CDU beteiligt. Man muss das mit den Augen des Publikums betrachten, nicht denen der Schauspieler.

Was Königsdisziplin der Demokratie sein sollte, Staatstheater, nicht Posse, das nutzen sie, die Christdemokratischen Schlaumeier um den Landesvorsitzenden Diederich Hessling, zu einer Pöbelei mit einem Greis der AfD. So füllt man deren Vorwurf zum Charakter der Altparteien mit Inhalt. Die Kanzlerkandidatin Alice Weidel ist im Wunderland: Es heben die „nützlichen Idioten“ (Lenin) der CDU sie auf den Thron. Oder Sarah Lafontaine-Wagenknecht (der ich das mit Lenin nicht erklären hätte müssen). Oder beide.

Die Schergen von Fritze Vor-März, dem Rocker aus Brilon, sind Deppen. Es folgt ein Hexensabbat. Wäre die grüne Fee im Auswärtigen Amt nicht so granatendumm, man hätte zur nächsten Bundestagswahl drei Epigoninnen von Mutti Merkel zur Wahl: Annalena, Alice und Sarah. „When shall we three meet again…“ Denn das ist das Merkelsche Erbe in Wahrheit, ein Zirkus, ein Zoo. Weimar wird wieder zur Walhalla. Read my lips.