Logbuch
ITALIENERFLEISS.
Jeder Nationalismus erweist seine innere Idiotie, wenn man ihn auf den Alltag, sprich das wirkliche Leben wirklicher Menschen, überträgt. Zum Beispiel das Essen. Niemand genießt noch gekochtes Eisbein mit Erbspüree, auch wenn DEUTSCH gesinnt. Zumal das Schwein, wenn nur noch dreibeinig, im Stall ja umfällt. Das deutsche Lebensmittelgeschäft unserer Vorväter war ein KOLONIALWARENHANDEL, weil man Exotisches aus aller Welt liebte. Das soll auch so klingen und der Gastronom sprich nur unbeholfen Deutsch, wenn überhaupt.
Trotzdem muss man sich wundern. Ich gehe mit einem gebildeten Menschen in New York essen; er lädt ein. Wir essen Steak und Salat, ein gebratenes Fleisch und Grünzeug, was ich für keine kulturelle Leistung halte. Der Laden heißt Tete d‘ Or, weil der Koch aus Lyon kommt. Mein Gastgeber regt sich über die Speisekarte auf, wo ohne Kommentar „Soup de l‘oignon“ verzeichnet sei: Kein Mensch wisse, was das sei. Tjo. Ich erzähle ihm, wie ich mal in Lyon ein Bressehuhn in der Kalbsblase hatte. Findet er seltsam. Selbst in NYC, der polyglottesten aller Städte, hat die Sehnsucht nach der Fremde ihre Grenzen. Steak & Salad, das ist der Kern, obwohl jeder Idiot ein Filet braten kann.
Daran denke ich gestern, als ich nach einem vergnüglichen Essen bei einem Italiener in Hessen auf die Rechnung schaue. Ein in feine Scheiben seziertes Steak hat für zwei Personen 125 € gekostet. Auch Geld für einen Hauptgang vom Grill. Weil ich aus den radebrechenden Anpreisungen des italienischen Kellners nicht schlau geworden bin, schaue ich bei Google nach: Aus dem hinteren Teil der Hochrippe vom Rind stammt das extra dick geschnittene Tomahawk Steak. Das Teilstück am Knochen ist ein besonders großes Zwischenrippenstück und überzeugt mit seinem intensiven Fleischgeschmack und seiner extraordinären Größe: Bis zu 1,4 kg kann dieser Cut auf die Waage bringen.
Unser geschätzter Kellner hatte es zunächst am Nachbartisch, dann bei uns mit großzügiger Geste als „Italienerfleiss“ angepriesen; er meinte damit wohl, dass die Kuh im Piemont stand, als sie noch Gras fraß. „Isse echte Italienerfleiss!“ Gut 300 € das Dinner für zwei Personen, tatsächlich fleißig. Ich hätte mir den Knochen einpacken lassen sollen.
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ENTHÜLLUNG. FRONTPAGE NEWS.
Wir, das Volk, haben vorzeitig eine neue Bundesregierung gewählt, weil wir mussten. Es hat dem alten Kanzler an Richtlinienkompetenz gefehlt. Und ob der neue sie haben wird, daran sind Zweifel erlaubt, auch wenn er noch gar nicht im Amt ist. Auch in der neuen Koalition wedelt der Schwanz mit dem Hund, sprich die Eskens mit dem Merz.
Wir, das Volk, sind schon bald vor eine weitere Aufgabe gestellt. Es gilt ein neues Staatsoberhaupt zu wählen. Der amtierende Frank-Walter Steinmeier darf laut Verfassung kein drittes Mal antreten, was ohnehin wohl niemand will. Außer vielleicht sein alter Kumpel Sergej Lawrow. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
Nun meldet sich, vermutlich aus ihrem Ferienhaus im Ahrtal, die pensionierte Malu Dreyer mit dem Vorschlag an uns, das Volk, wir sollten eine qualifizierte Frau ins Amt wählen, eine Bundespräsidentin. Die Idee findet sofort Zustimmung bei anderen Elite-Omas aD, die auch eine Geschlechtsgenossin an der Spitze des Staates sehen wollen, zumal wir das noch nie hatten. Bei uns war die Queen immer ein King, der sich seine Gattin mitbrachte. Ich sage nur Christian und Bett-Tina. Übrigens gerade zum dritten Mal geschieden.
Damit stellt sich für die Männer im Volk die Gretchenfrage, nämlich wollen wir eine Gretel und wenn dann welche. Ich persönlich bin Muttersöhnchen von Hause aus und notorischer Frauenliebhaber; ich wäre als Bürger gern durch ein weibliches Wesen repräsentiert. Ich höre auf Frauen. Es muss nicht gerade dieser weibliche Wehrwolf mit den vier Namen sein oder die küchenversierte Pfarrersgattin aus Thüringen. Wie meine Malu schon sagte, eine Qualifizierte.
Der originellste Vorschlag kommt im politischen Berlin aus einer mehr oder weniger verdeckten, aber verschworenen und daher einflussreichen Community: „Oder ein Mann mit vorwiegend weiblichen Eigenschaften“, ist der Rat. Das Lachen bleibt einem im Halse stecken. Wir wissen dann schon, wer das ist: Der Diplomat Dr. Otto Wilder zieht ins Schloss Bellevue ein. Den hatte bisher niemand auf dem Schirm. Weder table noch Pioneer; nur wir hier.
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VOM HIMMEL IN DIE HÖLLE.
Bitter, wenn die Verteufelung allein nicht mehr hilft. Sondern auch noch nützt, dem Bösen. Man kann als Engel nicht durch die Hölle fliegen, ohne sich die Flügel zu versengen.
Die AfD käme, wäre Sonntag wieder Wahl, nicht nur auf ein gutes Viertel der Stimmen, sondern wäre auch stärkste Fraktion im Bundestag. In einigen Regionen des Landes erzielte sie gar die absolute Mehrheit. Ich schließe nicht aus, dass sie die Sperrminorität im Parlament weiter ausbauen und damit stabil innehalten könnte.
Die Rechtspopulisten haben zudem vielerorts Freunde an der Macht, neuerdings auch deutliche Sympathie aus Amerika. Man ist nicht in der EU vor ihnen sicher, auch nicht in der NATO. Die kritische Wahrnehmung all dessen in meinem Vaterland darf nicht davor täuschen, dass die GRÜNEN abgestraft sind und die mächtige SPD bei schlappen 15% agiert; trotz breiter Unterstützung durch Zivilgesellschaftliches.
Das alles darf eigentlich nicht sein, wenn man die Demokratie aus der Perspektive aller anderen Parteien versteht. Es droht, wenn man den Roten folgt, dass die Höllenpforten geöffnet werden und sich eine Machtergreifung des Faschismus wiederholt. Dieses Szenario schreckt viele Bürger, aber nicht mehr die Wähler der AfD. Genau da ist des Pudels Kern.
Wenn die Brandmauer besagt, dass man mit der AfD offiziell keine Regierungskoalition eingehen wird, so könnte ein Weg ja darin liegen, dass man deren Politik verdeckt kopiert und so die verlorenen Wähler zurückgewinnt. Begleitend könnte man deren Parolen kriminalisieren und den Staatsapparat repressiv walten lassen. Das scheint mir der letzte Stand der höheren Staatskunst zu sein. Zweifel am Erfolg sind erlaubt.
Also wird man mit den Wählern der AfD reden müssen und der AfD. Man wird sich dabei die Flügel versengen. Trotzdem Zeit, Verantwortungsethik über Gesinnungsoptik zu stellen.
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DER COWBOY UND DIE INDIANERIN.
Wieviel Sprachen es wohl geben mag? Die Frage stellt sich ja nach der Rache des Herrn wg. Turmbau zu Babel und Einführung der Babbel-App. Wir reden von Nationalsprachen (nicht bloß Mundarten) und wir reden von heute (historische Varianten ausgeblendet), also im Sinne einer synchronen Linguistik. Es sind gut siebentausend, eine Menge Holz.
Und in welcher Stadt werden davon noch gleichzeitig die meisten gesprochen? Wo ist das Polyglotte zu Haus? Noch immer in New York, der Metropole der Migration. Hier landeten auch die bettelarmen Pfälzer an, die dann durch Mietschwindel und Prostitution ein Vermögen machten, bis ihr Enkel den Trump-Tower errichtete und als TV-Pop-Star der neuen Rechten Präsident wurde. Aber das mit dem „weird old white man“ ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
Wie liberal New York schon bei der Einwanderung auf Ellis Island war, berichten zugewanderte Juden aus Russland oder Germany. Man empfing sie mit einem Beamten, der Yiddisch sprach; was Stalin wie Hitler ihnen verweigert hatte, das Recht auf eigene Zunge. Die Metapher des Melting Pots erzählt eine Wahrheit und zugleich eine Lebenslüge; man blieb zunächst in seinen Milieus. Es gab jüdische Viertel, Chinatown, italienische und verschiedene schwarzafrikanische, you name it. Die USA ist noch immer nicht mit sich im Reinen, die zugewanderte Sklavenhaltergesellschaft.
Und in den Gettos erhielt sich lange die Muttersprache. Das Englische der neuen Heimat wurde daraufgesetzt, oft radebrechend, gelegentlich mit Assimilationen, etwa im „Spanglish“: „Apera la fucking puerta please!“ Dabei fällt mir etwas auf, dass wohl alle Migrationskulturen auszeichnet. Auch wenn man vom Mutterland verstoßen wurde, wird die Muttersprache zu einer heimlichen Geliebten, während man in den Armen der neuen Braut liegt. Migration pflegt eine eigene Sentimentale zur Heimat. Und bildet gerade daraus eine frische Kraft zur Behauptung in der neuen Welt. Das ist, was das beherzte Lachen der Kamala Harris konnotiert. Dagegen wird der böse alte Mann mit seiner Zynik über die kinderlose Katzendame (Zitat) nicht ankommen.
Das ist vielleicht ein eigener Segen der Sprachverwirrung, sie erhält die Unterschiede der Herkunft, auch wenn eine lingua franca angesagt ist. Damit tradiert diese Zweisprachigkeit Geschichte und Identität. Ups, das klingt etwa woke, oder? Aber in einer Welt, in der die Normalität im Habitus eines John Wayne liegen soll, der breitbeinig den Saloon beherrschen will, da mag ich von der Squaw reden, die Chief werden könnte. Wie heißt die noch bei Karl May?