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WETTKAMPF.
Mein Leben lang, allzumal in der Jugend, war ich, was man unsportlich nennen könnte. Leibesübungen waren nicht mein Ding. Die sogenannten Bundesjugendspiele habe ich gehasst. Wettkämpfe übten, so auf olympische Disziplinen bezogen, keinen Reiz auf mich aus. Um als Schulpflichtiger dem obligatorischen Sportunterricht entgehen zu können, besorgte man sich, so clever genug, ein Attest vom Arzt. Wie man daran kam, auch mangels medizinischer Indikation, war eine Frage der sozialen Intelligenz und schauspielerischer Kreativität; jedenfalls hatte ich immer Attest.
Unser Wettkampfwille wuchs auf anderem Gebiet, dem der Maulfechterei und des Rechthabens. In diesen Tagen ist mein damaliger Deutschlehrer von uns gegangen. Ich hatte ihn auf der Kettwiger Penne recht lange und er hat eine Menge von mir gelernt. Man galt damals was, wenn man belesen war. Die Versorgung mit linker Literatur klappte blendend und es reichte auch schon mal, wenn man sich das Suhrkamp-Bändchen unter‘s Kopfkissen gelegt hatte. Überzeugender Vortrag gelang gleichwohl.
Wir zitierten im Unterricht frech und mit Nachdruck MARKUSE, worauf sich der Pauker auch mit Lesestoff versorgte, aber frustriert eingestand, dort nicht gefunden zu haben, was wir Pubertanten so vortrugen. Ich schiele auf das Pult und sehe, dass sich mein Pauker mit LUDWIG MARKUSE eingedeckt hatte, nicht mit HERBERT. Haben wir gelacht. Wir müssen als Schüler echt unausstehlich gewesen sein. Jedenfalls war das eine wettbewerbliche Anstrengung, die nicht dümmer machte.
Einzuräumen ist, dass vieles von dem, was man in jenen Jahren so daher schwätzte, schlicht Unsinn war; aber das ist das Urteil des Alters. Jetzt, da sie meinen Pauker zu Grabe tragen, rufe ich einen Dank hinterher. Er hat uns zu Olympischem motiviert. Die Früchte dessen haben ein Leben lang genährt. Man achte seine Lehrer! Möge ihnen die Erde nicht zu schwer werden.
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MIT GEWÄHR.
Eine Soziologie der Industrie, das wäre mal ein interessantes Thema. Da ginge es um die Frage, wie so große Gebilde wie Industrieunternehmen funktionieren, zunächst mal unabhängig davon, was genau sie jetzt fertigen. Über Familienbetriebe in Handel und Handwerk weiß jedermann Bescheid, weil er über die Ladentheke schielen kann oder durch die Werkstatttür. Wie aber geht ein BASF oder eine AEG? Und wie gehen diese Monster mit tausenden von Beschäftigten in anderen Erdteilen? Sagen wir BYD.
Ich habe den ersten Teil meines Berufslebens in Industrien verbracht und weiß, wie das soziale Milieu in den Chefetagen hinter den Hallen so riecht. Übrigens für die politische Klasse ein eher seltenes Wissen, da sie sich im Dreierschritt rekrutiert von Kreißsaal, Hörsaal, Plenarsaal. Im Ernst: Wenn es ein Innenleben von Kirchen, Internaten oder Kasernen gibt, so muss es auch eines bei jenen geben, die die Großindustrie lenken. Deren Soziologie würde man mal erforschen sollen. Als erstes zeige man mir das Casino, die Kantine der Leitenden. Der diskrete Charme der Bourgeoisie.
Zwei Beobachtungen. Zunächst eine generelle. Je mehr sich die Sozialstruktur des Unternehmens einer Zwiebel nähert, dünne Wurzeln, dünne Triebe, aber dicker Bauch, desto mehr ist der Laden dem Untergang geweiht. In der Mitte da sitzt die Lehmschicht. Sie isoliert die Führung vom Betrieb und den Betrieb von der Führung, frisst Gemeinkosten wie blöd und leistet nichts. Die Lehmschicht ist eine Lähmschicht. Deshalb auch vollkommen resistent gegen jedwede Rationalisierung.
Was hilft? Zweites Beispiel. TOYOTA verlängert die Garantie auf seine Automobile, diese an Verlässlichkeit nicht zu übertreffenden kreuzhässlichen Schüsseln auf 15 Jahre. Das sind drei Vorstandsverträge in Folge. Damit holt jeder Konstruktionsmangel seine Verursacher ein. Das ist klug. Wahrscheinlich wird für die Kunden dabei der Service Pflicht; aber das ist eh schlau, ordentlich zu warten. Übrigens ist jede Batterie, die heutzutage in diese rollenden Musikboxen der E-Mobilität eingebaut wird, nach 8 oder 10 Jahren fertig; kostet als Ersatzteil 30k oder mehr. Auf Gewährleistung? Das wird spannend; das wird sogar sehr spannend.
Was lernen wir? Der Mittelbau ist die Sau. Und Gewährleistung schlau.
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KINDESWOHL.
Es gibt gerade zwei Geschichten, die für mich noch nicht erzählt sind, weil ich in einen Abgrund menschlicher Verzweiflung schaue, vielleicht auch der Niedertracht; ich weiß es nicht und will den Stab nicht brechen. Gleichzeitig sehe ich die lüsterne Erwartung der notorischen Vorurteilsträger, aus dem Bösen in ihrer Version der Dinge ein vernichtendes Urteil über diese oder jene Welt sprechen zu können. Alle Seiten reden dabei vom Kindeswohl. Bei solchen Kindeswohltätern habe ich Zweifel. Auch, was Väter wie Mütter, beide, angeht.
Da ist der Fall der Hamburger Hotelerbin, die ihre Kinder vom Gatten aus Dänemark zurückentführen lässt und sich dabei eines Milieus der Schlapphüte bedient. Das Imperium der sehr deutschen Familie gründet auf Steakrestaurants und ich sehe den Einfluss von Katzowen auch in anderem. Bekannte PR-Kollegen mühen sich eigenem Bekunden nach darum, der furchtbaren Mutter die Rachegelüste aus dem versteinerten Antlitz zu retuschieren. Ich habe Zweifel.
Und jetzt der sechsfache Mord in Stade an Sozialpädagogen, die eine elterliche Sorgerechtssache zu entscheiden hatten. Es ging um einen Säugling, der Ärzten in Hannover als Notfall vorgestellt, diese ein typisches Schleudertrauma aus Fremdeinwirkung erkennen ließen und zur Anzeige bringen. Kindeswohl in ganz handgreiflichem Sinne. Der Vater wird zum mehrfachen Mörder. Damit verantwortlich für ein unermessliches Leid in vielen Familien.
Es geht nicht darum, dass sich der erste Fall um Menschen aus der hanseatischen Bourgeoisie geht und im zweiten um ein Milieu türkischer Zuwanderung, also diese oder jene soziale oder kulturelle oder religiöse Zuweisung. Es ginge mir, sollte ich diese Geschichten erzählen müssen, um Kindeswohl. Der Staat hat, auch wenn dies höchst schwierig ist, auf der Seite der Schutzbedürftigen zu stehen. Ob die mit dieser Aufgabe offensichtlich überforderten Angehörigen aus Altona stammen oder aus Anatolien, ist ehrlich gesagt eigentlich egal.
Ich verneige mich schon jetzt vor jenen, deren Beruf es ist, sich um das Wohl anderer Leute Kinder zu kümmern. Salut!
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DER COWBOY UND DIE INDIANERIN.
Wieviel Sprachen es wohl geben mag? Die Frage stellt sich ja nach der Rache des Herrn wg. Turmbau zu Babel und Einführung der Babbel-App. Wir reden von Nationalsprachen (nicht bloß Mundarten) und wir reden von heute (historische Varianten ausgeblendet), also im Sinne einer synchronen Linguistik. Es sind gut siebentausend, eine Menge Holz.
Und in welcher Stadt werden davon noch gleichzeitig die meisten gesprochen? Wo ist das Polyglotte zu Haus? Noch immer in New York, der Metropole der Migration. Hier landeten auch die bettelarmen Pfälzer an, die dann durch Mietschwindel und Prostitution ein Vermögen machten, bis ihr Enkel den Trump-Tower errichtete und als TV-Pop-Star der neuen Rechten Präsident wurde. Aber das mit dem „weird old white man“ ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
Wie liberal New York schon bei der Einwanderung auf Ellis Island war, berichten zugewanderte Juden aus Russland oder Germany. Man empfing sie mit einem Beamten, der Yiddisch sprach; was Stalin wie Hitler ihnen verweigert hatte, das Recht auf eigene Zunge. Die Metapher des Melting Pots erzählt eine Wahrheit und zugleich eine Lebenslüge; man blieb zunächst in seinen Milieus. Es gab jüdische Viertel, Chinatown, italienische und verschiedene schwarzafrikanische, you name it. Die USA ist noch immer nicht mit sich im Reinen, die zugewanderte Sklavenhaltergesellschaft.
Und in den Gettos erhielt sich lange die Muttersprache. Das Englische der neuen Heimat wurde daraufgesetzt, oft radebrechend, gelegentlich mit Assimilationen, etwa im „Spanglish“: „Apera la fucking puerta please!“ Dabei fällt mir etwas auf, dass wohl alle Migrationskulturen auszeichnet. Auch wenn man vom Mutterland verstoßen wurde, wird die Muttersprache zu einer heimlichen Geliebten, während man in den Armen der neuen Braut liegt. Migration pflegt eine eigene Sentimentale zur Heimat. Und bildet gerade daraus eine frische Kraft zur Behauptung in der neuen Welt. Das ist, was das beherzte Lachen der Kamala Harris konnotiert. Dagegen wird der böse alte Mann mit seiner Zynik über die kinderlose Katzendame (Zitat) nicht ankommen.
Das ist vielleicht ein eigener Segen der Sprachverwirrung, sie erhält die Unterschiede der Herkunft, auch wenn eine lingua franca angesagt ist. Damit tradiert diese Zweisprachigkeit Geschichte und Identität. Ups, das klingt etwa woke, oder? Aber in einer Welt, in der die Normalität im Habitus eines John Wayne liegen soll, der breitbeinig den Saloon beherrschen will, da mag ich von der Squaw reden, die Chief werden könnte. Wie heißt die noch bei Karl May?