Logbuch

DER BAUCH VON BERLIN.

Großstädte nähren sich aus Großmärkten. Legendär sind „les Halles“ in der französischen Metropole, die dem Roman von Emile Zola den Titel gegeben haben: Der Bauch von Paris. Ich erinnere einen ähnlichen Ort in London an den dortigen Schlachthöfen. In einem Restaurant gab es Knochenmark, das mit dünnen Löffeln aus den Beinknochen gelöffelt wurde. So lang wie Schullineale lagen die gerösteten Knochen auf den Tellern. Die Speisekarte hatte den Titel “nose to tail“, weil sie von den dort geschlachteten Tieren einfach alles servierten.

Im politischen Berlin ist für den Magen der Regierenden das BORCHARDT zuständig; von den ministerialen Schergen einfach nur “die Kantine“ genannt. Touristen, so sie in den Heiligen Hallen einen Platz ergattern, bestellen hier das sprichwörtliche Wiener Schnitzel; der kundige Thebaner weicht dem immer aus. Die Karte ist klein, aber wohlgewählt. Aber es soll heute nicht von KULINARISTIK die Rede sein. Im BORCHARDT fühlt man, ob das politische Berlin Bauchweh hat. Das ist der Fall.

Die AMPEL, die die Koalition der „Zeitenwende“ stellt, beruhte, das wissen die Insider, auf einem Einverständnis von Robert Habeck (Grüne) und Christian Lindner (FDP); das war der Nukleus. Hier wurde entschieden, dass man für dieses Bündnis von Gelb & Grün den SCHOLZOMATEN als Kanzler akzeptiert. Und Habeck die Dame mit dem Bullerbü-Ton im Ministerium des Äußersten als feministische Bellizistin wirken lässt. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.

Nun sagt mir mein Kellner im Bauch von Berlin, die Stimmung zwischen den Häusern sei schlecht. Er wirft dabei seine Stirn in Falten. Er meint das Wirtschafts- und das Finanzministerium, also Habeck und Lindner. Nach allem, was gesagt ist, ein schlechtes Zeichen. Jedenfalls kein gutes. Das gegenseitige Vertrauen schwinde, man belauere sich. Der Bauch von Berlin übersäuert. Rennie-Alarm!

Nun muss man dieser Regierung tatsächlich eines zu Gute halten: die jeweiligen Fraktionen muten ihren Parteien einiges zu. Das ist immer die Sollbruchstelle: Was hält die eigene Basis noch aus? So betrachtet geht es den Roten deutlich kommoder als den anderen beiden Farben. Die Sozen verteilen süße Placebos für ihre Anhänger, während die Liberalen und die Grünen vorwiegend bittere Medizin an ihre Klientel zu verabreichen haben. Der Erfolg des einen ist immer der Ärger des anderen.

Wir sind im BORCHARDT nicht sicher, wie lange das noch hält. Das macht uns Sorge. Keine Alternative in Sicht. Friedrich Merz, der leere Anzug, der verkehrt hier nicht.

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ES WERDE LICHT.

Der Weihnachtsbaum soll nicht leuchten, höre ich jetzt allenthalben. Und das geht nicht gegen die Wachskerzen, jene kleinen Freunde der Feuerwehr. Das gefällt mir nicht. Für mich sollen die Sterne leuchten. Oder Lampen.

Ich hatte in England einen wunderbaren Kollegen, wenn auch skurriler Prägung, der einen beheizten Swimmingpool sein Eigen nannte. Der gelernte Ingenieur hatte dazu seine Ölheizung erweitert; das Wasser des freien Außenpools lief im Keller einmal durch den Heizkessel, bevor es dann im Garten für mediterrane Wassertemperaturen sorgte, in einem nicht überdachten Teich. Paul zog in der Nähe von Oxford Palmen. Keine Ahnung, wie er an das Heizöl kam.

In meinem Dorf hat es mal einen rotgrün gestrickten Bürgermeister gegeben, der sich jede Woche mit neuen Ideen im Käseblättchen meldete. Unter anderem mit der, nachts die Straßenbeleuchtung abzustellen. Argument: wer nach Zehn noch durch‘s Dorf irre, wolle eh nicht gesehen werden. Es gab einen Aufschrei. Insbesondere Frauen fanden es nicht komisch, der Dunkelheit und dem entsprechenden Gesindel anvertraut zu werden. Klima hin oder her.

In früheren Zeiten, als wir noch nicht wussten, dass norwegisches Gas gut und russisches böse ist, gab es ohnehin die Überzeugung, dass Strom gar nicht in den WÄRMEMARKT gehöre. Zum Heizen verwendete man Fernwärme, Öl und Gas, aber nicht die edelste der Primärenergien, den Strom. Das hat sich grundlegend gewandelt. Mit der DEKARBONISIERUNG ist alles Fossile böse und der Strom gut, so er regenerativ erzeugt wird. Aber auch zur Raumheizung? Gehört grüner Strom in den Wärmemarkt? Ich bin nicht sicher.

Reden wir also über EFFIZIENZ. Wo wird Energie und besonders Strom verschwendet und wo eher nicht? Nun, über den Pool von Paul brauchen wir nicht zu reden. Ich fange jetzt nicht mit dem Strom für Autos an; geschenkt. Wer aber Asien kennt, weiß, dass dort Klimaanlagen den kostbaren Saft fressen und die Türen der Geschäfte sperrangelweit offen stehen, um die Passanten reinzulocken. Das ist wie bei Paul, oder? Aber es geht hierzulande ja nur um das deutsche Vorbild für die Welt. Dunkeldeutschland. Keine Pointe.

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SEHR SELTEN SOWAS.

Hochzeitsnacht? Das war für eine so promiske Generation wie meine nur ein leeres Wort. Initiationsriten, das hatten nur Verbindungsstudenten, die wir verachteten. Aber es gibt sie, FREUDE, die Tochter aus Elysium.

Ich komme aus einer Zeit, in der Filme im Fernsehen „Straßenfeger“ sein konnten: die Gassen waren menschenleer, weil die Nation vor der Glotze saß und sich einen Krimi antat. Pseudo-anglisiertes Stubentheater, angeblich von Edgar Wallace. Das hat NETFLIX mit einer Überfülle aufgehoben; jetzt nervt mich das wahllose Überangebot der „streaming“-Dienste. Analog zum “binge drinking“ gibt es das „binge viewing“, fünf Folgen am Stück. Und trotzdem bleibt ein schaler Nachgeschmack zurück. Freudlos.

Gestern Abend anders: zufällig sehe ich in der Glotze eine amerikanisch-schwedische Koproduktion mit exzellenten Schauspielern in einer spannenden Inszenierung eines wirklich guten Buches. Toller Film. Alle Achtung! Bis zur letzten Minute bin ich fasziniert. Sehr selten sowas. Ich erinnere mich daran, wie ich zum ersten Mal von Raymond Chandler „The Long Good-Bye“ las. Oder die “Antigone“ des Sophokles in der Version Brechts. Oder Mahlers „Titan“ hörte. Sogenannte INITIALERLEBNISSE. Echt Spaß gemacht.

Vieles wird mit Routine besser, nicht alles.

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ZUM GRIECHEN.

Ouzo aufs Haus? Klar! Wir gehen „zum Italiener“ oder „zum Chinesen“, der in Berlin Vietnamese ist. Und es gibt die INDER, die Pakistani sind, die Pizza & Pasta anbieten. Störgefühl. Warum? Der Franzose steht für hohe Kochkunst, der Grieche für Tonnen von Fleisch. Geht das auch andersrum? Das beste Fischlokal, das ich kenne, ist „ein Türke.“ Hier mischen sich Vorurteile, also nationalistische Stereotypen, mit Sitten & Gebräuchen, sprich „elementarer Soziokultur.“ In der ETHNISIERUNG der Esskultur schwingt neben dem Kulinarischen viel von kruden Vorstellungen des NATIONALCHARAKTERs. Eigentlich aus den großstädtischen Migrationskulturen entstanden, also jungen Unternehmungen, die die Küche ihrer Heimat anbieten, sind es heute MODEN der Garküchen. Moden mischen sich. Die politisch Korrekten wissen allerdings, sagen die mit hochgezogener Augenbraue, von authentischen Lokalen; auch das, wenn man es genau nimmt, ein Nationalismus. Ich ging früher, als es noch pandemisch erlaubt war, gern zu einem Lokal, das, in welcher Tradition auch immer, DEUTSCHES HAUS hieß, aber jetzt ein „Jugo“ (so der örtliche Straßenslang) war, dessen tüchtiger Inhaber von Kroatien als seiner „Heimat“ sprach. Das hat mir gefallen. Er hatte am Ort Koch gelernt und ist als Inhaber ein toller Gastgeber. Wir aßen nicht authentisch, sondern nach Neigung. Auch standardmäßiges der sogenannten INTERNATIONALEN KÜCHE (eigentlich ein echter Drohbegriff für schlechte Gastronomie). Das Wiener Schnitzel für die Blonde, das Rinderfilet für mich. Ausgezeichnete Bratkartoffeln. Multi-Kulti als entspanntes Zusammenleben. Man wagt es kaum zu sagen: so soll es doch sein.

PS: Bei „dem Türken“ mit dem ausgezeichneten Fisch begrüßt mich ein Kellner herzlich, weil er mich aus einem Nachbarlokal kenne, einem sündhaft teurem „Italiener“, wo er früher gearbeitet habe; der Mann ist aus dem Libanon. Und ich gehe nicht mehr zu dem Italiener, weil er mir für ein Glas Grappa einen deutlich zweistelligen Euro-Betrag abgenommen hat.