Logbuch
VOGELKUNDE.
Das Hotelfenster zum Garten öffnend höre ich eine ferne Kirchenglocke. Zeichen der Kultur. Die Stadt erwacht. Trauliche Laute. Und Tauben, Elstern sowie Möwen. Ungeziefer.
Dass sie ihre Rolle als Friedenssymbol nicht verdient haben, das ist ja bekannt. So friedfertig das Gurren klingt, eigentlich sind die fliegenden Ratten, diese Tauben. Expansiv veranlagt, je mehr Futter sie vorfinden, desto mehr Nachwuchs produzieren sie. Was ihre Exkremente anrichten, davon klagen die Denkmalschützer.
Die Elster, ich bewundere am Fenster ihren Flug und das schmucke Federkleid, ist nicht nur eine Diebin (selbst Schmuck fällt ihr anheim), sondern auch eine, jetzt müssen wir stark sein, Nesträuberin. Sie frisst den Nachwuchs anderer Völker. Wenn das kein Kriegsgrund ist. Sogar den der Nachtigall oder, schlimmer noch, des Kuckucks; des klügsten Vogels im Tierreich. Das geht zu weit.
Nun zur Möwe, der Seemöwe. Dass ich sie hier höre, deutet darauf, dass ich am Meer bin; daher die wunderbar klare Luft. Morgenluft, eine Erholung. Der Möwen schrilles Rufen signalisiert meiner Seele Urlaubsstimmung. Aber auch hier eine Schattenseite. Das ehedem edle Vieh nährt sich inzwischen von Pommes Frites, die es Touristen abjagt. So aggressiv, dass man im Hafen schon Warnschilder sieht; selbst in Belgien, dem Mutterland der Flämischen Fritteuse. Hier eine heilige Stätte. Mistviecher.
Man sollte von der Natur einen sparsamen Gebrauch machen.
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DAS SIEGER-GEN.
Nach einem Wettkampf bedaure ich den Verlierer, statt den Sieger feiern zu wollen. Mir fehlt da was. Ich tauge nicht zu Schaukämpfen. Mir fehlt das Gen zum Sieger. Bekenntnisse eines Weltenkinds.
Gestern wurde ich zufällig Zeuge eines spannenden Fußballspiels. Ich war beim Zappen im guten alten TV nur hängengeblieben, weil mir der hohe Frauenanteil in den Mannschaften auffiel. Man sah das früher ja nicht oft, einen Damenmannschaftssport. Ich habe keine Ahnung von Fußball, aber das war spannend. Es spielte Weiß gegen Olivgrün. Weiß gewann. Am Ende lange Szenen mit den enttäuschten Gesichtern der Grünen.
Ach, das war rührend. Die Damen hatten, soweit ich als Laie das zu sagen weiß, heldenhaft gekämpft. Ein gegnerisches Tor ausgeglichen und dann aber ein weiteres trotz Verlängerung nicht ausgleichen können. Nach der Niederlage sehe ich die Trainerin ihre Mannschaft noch mal um sich im Rund sammeln und eine kurze Rede halten. Mit großer gestischer Entschiedenheit; ich wüsste zu gern, was man in einer solchen Situation als Trainerin sagt. Die Frau imponiert mir.
Nicht den Jubel der Weißen teile ich, sondern die Trauer der Grünen. Mir fehlt wohl das Sieger-Gen. Was mir noch auffiel: Es fehlte dieser impertinente Joachim Löw, der Mann mit der Frisur, badischer Laufbursche eines türkischen Spielerberaters, dessen Anblick ich schon nicht ertrage. Allein das rechtfertigt eine künftige Vorliebe für Damenfußball.
Ach so, und die Oberwelle, dass es schön gewesen wäre, wenn Deutschland wieder England in Wembley geschlagen hätte, wie damals in den Fünfzigern, als wir es dem Tommy heimgezahlt haben, die ist mir fremd. Oder war das Bern? Ich tauge nicht zum Nationalisten.
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DIE INTENDANTIN.
Wasser predigen, Wein saufen. Zu oft habe ich den jakobinischen Zynismus des RBB erfahren, als dass mich jetzt die Enttarnung der dort notorischen Doppelmoral nicht erfreute. Klammheimlich.
Die öffentlich-rechtlichen Journalisten gehen, so sie sich als Anwälte des Guten sehen, scharf zur Sache. Darunter habe ich Mandanten leiden sehen; großer Schaden wurde freimütig und mutwillig angerichtet. Mit FUROR. Und nun die Intendantin des Ladens in der Klemme.
Vetternwirtschaft wird ihr vorgeworfen, Spesenbetrug angedeutet, Steuervergehen um den Dienstwagen stehen im Raum, Vergabefragen, großzügiger Umgang mit unseren Rundfunkgebühren. Es riecht nach Untreue und nur die Unschuldsvermutung rettet die Dame. Und was macht sie, die INTENDANTIN? Den Schaden durch Arroganz vergrößern. It‘s never the crime, always the cover up.
Die Herrscherin über das ÖFFENTLICH-RECHTLICHE schmäht die investigativen Journalisten, die ihr auf die Spur gekommen sind, als SPRINGER-PRESSE; das ist ein Schimpfwort. Glaubt sie. Und rehabilitiert sie, die Öffentlich-Rechtliche. Glaubt sie.
Mein Beitrag: Ich sitze angetrunken und mit dicker Zigarre auf der Weihnachtsfeier einer sehr großen PR-Agentur mit sehr schrägem Ruf; ich darf das. Ich hatte ein Lobe-Kartell mit dem damaligen Inhaber; ein Teufelskerl. Wer kreuzt da auf und gibt die Fee unter den Dunkelmännern? Die Intendantin. Das fand ich damals mutig. Heute erscheint es mir eher als doof.
Vielleicht ist sie wirklich nicht die hellste Kerze auf der Torte. Soviel Häme musste jetzt einfach mal sein.
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ZUM GRIECHEN.
Ouzo aufs Haus? Klar! Wir gehen „zum Italiener“ oder „zum Chinesen“, der in Berlin Vietnamese ist. Und es gibt die INDER, die Pakistani sind, die Pizza & Pasta anbieten. Störgefühl. Warum? Der Franzose steht für hohe Kochkunst, der Grieche für Tonnen von Fleisch. Geht das auch andersrum? Das beste Fischlokal, das ich kenne, ist „ein Türke.“ Hier mischen sich Vorurteile, also nationalistische Stereotypen, mit Sitten & Gebräuchen, sprich „elementarer Soziokultur.“ In der ETHNISIERUNG der Esskultur schwingt neben dem Kulinarischen viel von kruden Vorstellungen des NATIONALCHARAKTERs. Eigentlich aus den großstädtischen Migrationskulturen entstanden, also jungen Unternehmungen, die die Küche ihrer Heimat anbieten, sind es heute MODEN der Garküchen. Moden mischen sich. Die politisch Korrekten wissen allerdings, sagen die mit hochgezogener Augenbraue, von authentischen Lokalen; auch das, wenn man es genau nimmt, ein Nationalismus. Ich ging früher, als es noch pandemisch erlaubt war, gern zu einem Lokal, das, in welcher Tradition auch immer, DEUTSCHES HAUS hieß, aber jetzt ein „Jugo“ (so der örtliche Straßenslang) war, dessen tüchtiger Inhaber von Kroatien als seiner „Heimat“ sprach. Das hat mir gefallen. Er hatte am Ort Koch gelernt und ist als Inhaber ein toller Gastgeber. Wir aßen nicht authentisch, sondern nach Neigung. Auch standardmäßiges der sogenannten INTERNATIONALEN KÜCHE (eigentlich ein echter Drohbegriff für schlechte Gastronomie). Das Wiener Schnitzel für die Blonde, das Rinderfilet für mich. Ausgezeichnete Bratkartoffeln. Multi-Kulti als entspanntes Zusammenleben. Man wagt es kaum zu sagen: so soll es doch sein.
PS: Bei „dem Türken“ mit dem ausgezeichneten Fisch begrüßt mich ein Kellner herzlich, weil er mich aus einem Nachbarlokal kenne, einem sündhaft teurem „Italiener“, wo er früher gearbeitet habe; der Mann ist aus dem Libanon. Und ich gehe nicht mehr zu dem Italiener, weil er mir für ein Glas Grappa einen deutlich zweistelligen Euro-Betrag abgenommen hat.