Logbuch

SCHATZ AUS BIELEFELD

Über Ebay von einem Umzugsunternehmen aus Bielefeld, das sich auf Behördenumzüge spezialisiert hat, einen Büroschrank günstig ersteigert. Schloss gestern endlich geöffnet ... Drinnen gut tausend Karteikarten. Handbeschrieben. Auf A5 verkleinerte DIN A 4 -Seiten. Eine wirre Zettelwirtschaft. Ich vermute aus dem Nachlass eines Professoren.
Man könnte alles einfacher und kürzer sagen. Viel Spielfreude. Mut zum Paradoxen. Auch schlicht Unsinn. Ich lese: „Mythen: in der Form des Erzählens nie erlebter ungewöhnlicher Ereignisse xxxxx (nicht leserlich) das Unvertraute im Vertrauten“. Vertrautheit als Kriterium der eigen Lebenswelt. Kryptische Verweise.
Natürlich ist es umgekehrt: Mythen erzählen das Vertraute im Unvertrauten. Alle Märchen, wie unerwartet sie auch beginnen mögen, landen doch stets beim Erwarteten. Sie erzählen immer nur die Volksseele, deren Urgründe.

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GEHEIMWISSENSCHAFT.

Es gibt Wissenschaft, die auch die Doofen verstehen. Zum Beispiel JÜRGEN HABERMAS. Und es gibt Wissenschaft, die sich dem spontanen Verständnis verschließt. Zum Beispiel NIKLAS LUHMANN. Woran liegt das? An der verborgenen Quelle des nicht-intuitiven Wissens. Die liegt nämlich in Chile, Südamerika. Und in der Biologie. Glaubt kein Mensch, ist aber so.
Man beachte HUMBERTO MATURANA, der jüngst verstorben sein soll. Ein Biologe, der sich vor fünfzig Jahren gefragt hat, was das Lebendige ist. Ein Frosch im Unterschied zu einem Haufen Steine. Da kommt zur Biologie die KYBERNETIK. Noch so eine Geheimwissenschaft. Der Chilene ist der Erfinder der AUTOPOIESIS. Das hat viele Wissenschaftler ganz anderer Fächer tief beeindruckt.
Man kann für mein Fach, die Soziologie, sagen, dass man die Doofen daran erkennt, dass sie nicht kybernetisch denken können. Kein hinreichendes Wissen, aber ein notwendiges.

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HEIMAT.

Das Heimatgefühl wächst vor allem in der Fremde. Und es hat nichts mit der Nationalität, dem Pass zu tun. Es sind die Sitten und Gebräuche, das Alltagsleben; das Vertraute, das erst auffällt, wenn es fehlt. So als ich im Französischen, leider schiffbrüchig, unerwartet in das bekannte Gesicht eines türkischstämmigen Freundes schaute. Schot- und Mastbruch waren vergessen.
Der Genfer See nennt sich bei den Eingeborenen Lac Léman, weil er unschuldig tun will. Er ist aber gefährlich, gefährlicher als der Bodensee. Ich gerate in einen Sturm und notlande im französischsprachigen Montreux, wo man nicht tot über ‘n Zaun hängen möchte. In der Bar des Hotels stellt eine junge Frau unaufgefordert einen Whisky vor mich. Ich so: „Quesque c’est?“ Sie so: „Sind Sie nicht Herr K.?“
Es war Lagavulin 16, mein Gift, wie der Engländer sagt. Und wen sehe ich in der Tiefe des Raums hinter der Bar, mir freundlich zuwinkend. Meinen Bartender aus Harry’s New York Bar in Berlin. Den fabelhaften O. aus Kreuzberg. Er hatte sich die Vorliebe für 16 Jahre alten Islay-Whisky gemerkt. Das alles ist zwanzig Jahre her. Ein rauchiger Geschmack mit einer leichten Sherry-Note. Salz und Gras. Heimat.

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EIN GUTER ABGANG.

Wie wird MERKEL gehen? Ein guter Abgang ziert ja die Übung; soll Turnvater Jahn gesagt haben. Wird sie wie KOHL vom Hof gejagt? Oder in Würde und mit Ehre entlassen? Der richtige Zeitpunkt dafür ist vielleicht schon verpasst.

Mir träumte letzte Nacht, dass Angela Merkel träumte. Sie traf, in ihrem Traum, die englische Königin Elisabeth II mit deren designierten Nachfolger Charles in einem Park beim Osterspaziergang. Charles, in den Siebzigern, stützte seine amtierende Frau Mutter, in den Neunzigern; sein Vater war nicht mitgekommen, ein Hunderter; ihm ist gerade nicht so. Man sprach über das Verpassen günstiger Gelegenheiten. Die Windsors können ja so gut deutsch wie Merkel englisch kann. Charles fragte halblaut Angela, wie sie das damals mit Helmut Kohl gemacht habe. Angela überlegte und blickte dabei auf ihre Hände; die waren vom Tyrannenmord noch immer blutig. Nur ein Traum.

Stichwort Generationswechsel. Viele Unternehmungen kennen das Problem, dass die Gründergeneration sich für unersetzlich hält und einfach nicht loslassen kann. Das wird dann immer krampfiger. Dabei sollte man früher wechseln als früher. Die Änderungsgeschwindigkeit nimmt bei vielen Themen dramatisch zu; man wird immer schneller zu alt. Das meint man akademisch mit „Innovationsakzeleration.“ Schon deshalb sollte das Rentenalter herabgesetzt werden. Rechtzeitig aufhören zu können, das Ruder frühzeitiger abgeben, das sollte die Tugend der Senioren sein. „Gib Zeichen, wir weichen.“

Wer sagt es Mutti, dass es Zeit ist? Dass sie aufhören kann, sich selbst krampfhaft klonen zu wollen. Niemand will Angela II.

Wer sagt ihr, dass wir sie leid sind?