Logbuch

QUERULANZ.

Wer Erfahrung im Service hat, weiß wie schwer es ist, eine Horde von aggressiven Idioten wie vernunftbegabte Wesen zu behandeln. Höflichkeit wird verlangt, wo eine Ohrfeige angebracht wäre. Zum Service muss man geboren sein.

Eine Geschichte macht im Netz die Runde, die zeigen soll, wie schwer die DEUTSCHE BAHN es mit ihren Fahrgästen hat. Ein junger Mann blockiert bei Abfahrt für eine Viertelstunde die Tür, weil der Pizzaservice, den er an den Bahnsteig bestellt hatte, noch nicht eingetroffen war. Man holte die Polizei und schloss den Renitenten von der Weiterfahrt aus. Unverhohlene Freude darüber, dass er jetzt ein Bußgeld zahlen müsse.

So geht BAHN & BAHNPOLIZEI (obwohl es die wohl gar nicht mehr gibt); jedenfalls zeigt die Geschichte, mit welcher QUERULANZ es die Bediensteten auf der Schiene Tag für Tag zu tun haben. Aus der Durchsetzung der Maskenpflicht könnte man unzählige Stories erzählen. Neulich noch habe ich hier einen Journalisten gerügt, der eine weibliche Bahnbedienstete, die ihm zurecht ein Privileg verweigerte, als „Trulla“ beleidigte. Das Phänomen der Querulanten ist auch Stewardessen bekannt. Aber die Fliegenden lösen das anders. Mit Stil, Charme und Empathie.

Ich erinnere einen Fall von Flugangst. Ein Pax hatte solche Angst, dass sie wieder aussteigen wollte. Die Koffer waren geladen. Die Stewardess holte den Kapitän aus dem Cockpit. Er sagte in ruhigen Worten: „Ich werde Sie nicht gegen ihren Willen fliegen. Wenn Sie das wollen, laden wir alle Koffer wieder aus und suchen ihren. Aber ich versichere Ihnen, es gibt keinen Grund zur Sorge.“ Die Verängstigte ging auf ihren Platz. Los ging es. Ich war begeistert.

Ich erzähle das im Café und mein Nachbar dreht sich um. „Wie lange sind Sie nicht mehr geflogen?“ Er murmelt dann noch was von „Viehtrieb“ und den RyanAir-Modus bei allen Airlines. Die Sitten verrohen, findet die Dame am Nachbartisch. Wenn das so ist, dann ist der Getto-Jargon in der Bahn-Kommunikation ja vielleicht angemessen. Sie duzen mich und reißen Witzchen. Für Berliner: BVG-Modus.

Der Sittenverfall ist beidseitig. Denn zum Recht auf Höflichkeit gehört die Pflicht zum Respekt. Und andersrum. Das fängt damit an, dass ich liefere, was ich zugesagt habe und vom Kunden bezahlt wurde. Einschließlich Bordbistro und der Zugteilung in Hamm. Keine Raketenwissenschaft, sollte man meinen.

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OPA ERZÄHLT VOM KRIEG.

Früher gab es als Pressedienst einen PR-Laden, der die Zeitungen mit Leitartikeln versorgte, für wenn die gerade keine eigene Meinung hatten. Oder sie nicht formulieren konnten. Da war ich verdeckt Autor. Die Konkurrenz haben wir damit mächtig geärgert.

Es sind immer die kleinen Dinge, die einem in Erinnerung bleiben. Ich war zum ersten Mal im Kanzleramt, als noch Friedhelm Ost (ex ZDF) Regierungssprecher war. Kohl saß vorne am Podium und ich sehe in seinen voluminösen Händen ein Büchlein, in dem er radiert, um dann Notizen zu machen. Das Missverhältnis zwischen seinen Pranken und dem Büchlein wirkte geradezu grotesk.

Helmut Kohl führte einen eigenhändigen Terminkalender, den er jedes Jahr, wie mir Ost verriet, von der BASF zugesandt bekam. So eine Art Werkskalender. Der Kanzler jener Jahre war dem erdgasverarbeitenden Chemieriesen in seiner Heimat verbunden. Das erinnere ich aktuell, während sich die Republik über Industriekontakte der Politik empört. Kopper würde sagen: "Peanuts!"

Auch bei der Ruhrgas gab es einen Hauskalender, den mein damaliger Chef in der Gesäßtasche seiner Anzughose trug. Das Büchlein zeigte Rundungen und Abnutzungen auf. Er pflegte es zu zücken, wenn Journalisten ihn auf unliebsame Termine ansprachen. Und dann belehrte er die Meute, dass sein Kalender etwas ganz anderes sage. If you can't convince them...

Was ich dann noch erinnere, ist dass wir in unserer Auseinandersetzung mit der BASF-Tochter Winterhall, die den Russen den deutschen Gasmarkt öffnete, die Presse mit Hintergrundmaterial versorgten, dazu aber immer ein Taxi nach Kassel an einem bestimmten Briefkasten schickten, damit die dort eingeworfene Post den lokalen Poststempel bekam, also die Wintershall als Absender der Anonyma galt.

Gaswirtschaft war nie zivil. Zuviel Geld im Spiel.

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NAIV.

Der Grüne Vizekanzler kann gut erklären. Er spricht naiv. Das kommt gut an, beruht aber auf einer fahrlässigen Annahme. Man glaubt, er sei weise. Politisch Naive sind aber vielleicht so dumm, wie sie tun. Es böser Verdacht.

Der Sonnyboy des Kabinetts entzaubert sich. Seine GAS-UMLAGE verliert den schönen Schein. Der Verbraucher werde vom Staat zu einer massiven Abgabe gezwungen, die die Rendite einer ohnehin verwöhnten Industrie rettet. So der Eindruck des Publikums. Ich weiß nicht, ob wir UNIPER durch Zwangsabgaben retten müssen. Ich weiß nur, dass ich dazu nicht gefragt wurde. Man hätte auch verstaatlichen können. Ich aber wurde mit der Naivität des Sonnyboys eingelullt. Und mit einer alternativlosen Zwangsabgabe beglückt.

Papa Robert klärt nicht auf; er erzählt was vom Klapperstorch. Nett&naiv. Es ist der Verdacht erlaubt, dass, wer schlicht redet, auch schlicht denkt. Oder, dass hinter seiner traurigen Mine eine klammheimliche Freude steckt. Weil nun die angeblichen Feinde der ERNEUERBAREN in der Preisfalle sitzen, könnten die Freunde der Klimawende ja aufblühen. Wo fördert der Grüne das Grüne? Ich sehe Kohlekraftwerke wiedereröffnet, aber keinen Boom an Windmühlen oder Solaranlagen. Ich sehe in der Energiepolitik jene RHETORIK DES NAIVEN, die auch in der Außenpolitik den Ton bestimmt. Und die NAIVITÄT von Baerbock und Habeck gehören ja zusammen. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.

Energiepolitik ist komplex. Einfache Antworten sind bestenfalls pädagogisch gerechtfertigt. Naive Antworten auf komplexe Fragen mit pädagogischer Motivation machen uns, die Wähler, zu Kindern. Geschichten vom Klapperstorch. Dagegen sollten Erwachsene sich wehren. Gerade wenn die ehedem so nett Naiven nun in den Modus des Beleidigten wechseln. In den Trotz des Narzissten. Wer die Macht hat, hat das Recht zu schmollen verloren. Wir sollten beherzte Taten sehen. Ersatzweise werden naive Tabus wieder und wieder erzählt.

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GAFFER & FLANEUR.

Die Großstädte beherbergen einen stetigen Fluss von Menschen, morgens hinein, abends raus. Eine im Gleichschritt dahin eilende Horde. Viehtrieb. Zwei Typen widersetzen sich dem. Der GAFFER und der FLANEUR. Eine Beobachtung.

Wenn auf der Autobahn sich die Gegenfahrbahn staut, auf der gar niemand verunfallt ist, so liegt das an den GAFFERN. Diese Vorbeifahrenden wollen einen eigenen Augenschein vom Unglück und gewähren ihrer Neugier die nötige Zeit. Geborstenes Blech und vergossenes Blut, welch eine Attraktion. Mitleidloses Mitleiden.

Der GAFFER ist eigentlich eine Erscheinung der Großstadt des 19. Jahrhunderts. Er ist ein namenloser Passant, den eine Ungeheuerlichkeit lähmt: mit offenem Maul bleibt er stehen und glotzt: Ein Selbstmörder wird aus dem Fluss gezogen, ein Pferd wegen des Beinbruchs erschossen, eine umgestürzte Tram, ein Auflauf. Am Rande dessen die unbändige Neugier in Gestalt eines einzelnen Tropfes, der starr starrt. Der gefesselte Blick auf das Boulevard, später dann in die gedruckte Boulevardzeitung, dann ins elektronische Boulevard des Internets. Mitleidloses Mitleiden.

Das aufgerissene Maul ist allen Dummköpfen als Ausdruck der Verwunderung gegeben. Geifer trieft aus den Mundwinkeln, ein fast tierischer Zustand der Sensationslust. Medial vorgelagert ist dem GAFFER der PAPARAZZI, ein Fotograf mit einem Gafferblick, der jenen Futter liefert, die den ungeheuerlichen Moment versäumen mussten. Der GAFFER ist männlich, schlecht gekleidet und wortkarg. Sein symbolischer Ort im Leben ist eigentlich nicht das Trottoir, sondern der piefige Balkon, von dem aus man sich am Leben delektieren kann, insbesondere wenn es tragisch scheitert, ohne an ihm teilnehmen zu müssen. Oder die Fensterbank. Sagen wir es offen, der GAFFER ist das wahre Subjekt der Massenmedien. Analog wie digital.

Sein Pendant auf den Gehsteigen der großen Städte ist der FLANEUR. Nie bliebe er wegen eines äußeren Anlasses stehen, um mit aufgerissenen Mund auf ein Unglück zu starren. Nie eilt er schnellen Schrittes. Der FLANEUR geht gemächlich seiner Wege, es ist sogar fraglich, ob er ein Ziel hat. Jedenfalls macht er keine Botengänge. Ein Spaziergänger der Metropole. Der FLANEUR ist an allem interessiert, aber von nichts in Beschlag genommen. Er ist etwas zu gut gekleidet, von ungeklärtem Vermögen und riecht auch vormittags leicht nach Absinth. Da er ausschließlich gemäßigten Schrittes unterwegs ist, findet er sich nie in asiatischen Metropolen. Sein symbolischer Ort ist das linke Seine-Ufer (rice gauche) und ein Kaffeehaus von der Klasse des Deux Magots. Wien oder London oder Dublin, das geht auch.

Wenn der FLANEUR aus den Augen des Publikums schwindet, hockt er heimlich und nächtelang in Lesesesseln und liest. Der Flaneur liest viel. Er liest alles. Und ab und an notiert er etwas. Etwa: “Worüber man nicht reden kann, darüber muss man schweigen.“