Logbuch
BARBAROSSA UND ANDERE ROTHAARIGE.
Was der eine darf, darf der andere noch lange nicht. Das ist römische Rechtsordnung, ausdrücklich ironisch formuliert, versteht sich. Man gewährt seinem Gott (sagen wir dem Iovi, zu deutsch Jupiter), was dem Ochsen (lat.: bovi) verwehrt sein sollte. Iovi & bovi. Gemeint ist die Gleichheit vor dem Gesetz, die man wollen müsste, aber doch so oft vermisst. Wir leben in Zeiten, die Barbarentum wieder feiern. Barbarossa ist aus seinem Schlaf erwacht. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
Der grundhöfliche Kellner empfiehlt einen Wein, der neben mir im Regal steht und ich lese in großen Lettern „Vorfreude“ auf dem Etikett. Eine andere Flasche des gleichen Badener Erzeugers betitelt sich als „Glückspilz“. Was soll das denn? Ich nehme in stiller Verzweiflung einen Friderich Emil von Trimbach aus dem Elsass, weil ich da wenigstens weiß, was ich kriege. Nichts ist schlimmer, als wenn Winzer und Werbung aufeinandertreffen.
Es begann, soweit ich weiß, historisch mit der „Liebfraumilch“; vordergründig ein lieblicher Wein im Schatten einer Liebfrauenkirche, der es im England des Charles Dickens zu Popularität bis bei Hofe gebracht hatte. Nun hatte der Marienkult schon immer sexuelle Konnotationen, aber von der Muttergottes gestillt zu werden (und dabei blau), das hatte schon etwas gotteslästerlich Frivoles. Da Werbung alles aus der jeweils untersten Schublade kramt, wurde daraus für England Ende letzten Jahrhunderts die Süßweinmarke „Blue Nun“; jetzt also eine Braut Christi, und zwar besoffen. Geht’s noch? Das ist nur noch durch Kröver Nacktarsch zu unterbieten.
Ich will, so ich als Laie ein Etikett lese, wissen, wer das aus welcher Lage und welcher Rebsorte wann gekeltert hat. Punkt. Dann dürfen sich auch noch irgendwelche EU-Vorschriften austoben, aber im Kleingedruckten, nur dort. Ich will nicht ersatzweise Werbesprüche irgendwelcher Marketingdeppen lesen müssen, die Niveau zu Nivea verkürzen und Haribeaux zu Haribo. Nicht bei Wein. Das ist ein Sakrileg.
Wir leben heute in der 74. Generation nach der Errichtung des Großen Zauns, LIMES genannt, durch die Römer. Und spüren die Folgen noch immer. Es stehen dies- und jenseits hier die Barbaren und dort die Bürger Roms. Ein Mensch in Würde weiß von sich zu sagen: „Civis Romanus sum“, ich bin des Weinbaus kundig und Bürger Roms. Die da drüben, die Rothaarigen grunzen in ihre fettgetränkten Bärte und saufen Met, sprich Bier. Die kulturelle Teilung der Welt macht sich bis heute, bis in die 75. Generation, bemerkbar.
Es waren die Römer, die im Moseltal einen im Winter unbelaubten Südhang, der lange Sommer einzufangen wusste, also allerbesten Wein versprach, originell und zutreffend mit einem nackten Arsch verglichen. Korrekte Lagenbezeichnung. Was dem Jupiter erlaubt ist, darf der Ochse noch lange nicht. Quod licet Iovi, non licet bovi.
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DICKE BERTA.
Wer Geschäfte machen will, darf nicht zimperlich sein. Das gilt für die Aufrüstung allemal. Es kann den Eignern des Rüstungskonzerns Krupp seinerzeit nicht recht gewesen sein, dass ihr Erfolgsprodukt unter den Kanonen einen Spitznamen erhielt, der doch sehr nach dem Vornamen von Frau Bertha Krupp von Bohlen und Halbach klang. Es mag andere Erklärungen für die Dicke Berta und den Langen Max geben, aber mir fällt die Nonchalance derer aus der Villa Hügel auf. Schon krass. Wenn es dem Endsieg diente, konnte man doch nicht zimperlich sein.
Deshalb warne ich vor voreiligem Spott über Donaldus Crassus oder die spillerige Flinten-Uschi, wenn ich da mal die Spötter zitieren darf; nicht jede billige Polemik trifft ins Schwarze. Hier wird mit der Militarisierung Europas eine Ankurbelung der Konjunktur gestemmt, die ihresgleichen sucht. Man weiß als Steuerpflichtiger, sprich als Bürger, schon gar nicht mehr, wie viele Nullen hier im Spiel sind, wenn immer neue Budgets aufgerufen werden. Zerstreut ist zudem der Eindruck, dass es sich um eine exzessive Verschuldung handelt, die am Ende jemand wird bezahlen müssen. Es handelt sich um SONDERVERMÖGEN, also Guthaben. Dicke Budgets. Alles gut.
Da ziemlich sicher ist, dass für die Militarisierung der EU nicht in Moskau eingekauft wird oder in Peking, ist klar, wessen Konjunktur hier angetrieben wird. Es geht um Big Bertha. Ich selbst bin mir noch unsicher, ob ich die allgemeine Euphorie teilen soll; es wäre mir eher nach Big Blues. Man sieht mich also skeptisch. Aber das ist sozialisationsbedingt, sprich eine Folge meiner Kinderstube. Mein Herr Vater hat den letzten Big Bang, wie er selbst sagte, tatsächlich nur zufällig überlebt; er teilte den Wehrwillen meines Großvaters nicht. Ich hätte meine Kinder und Kindeskinder gerne in seinem Erbe gesehen. Kluge Menschen sind skeptisch, insbesondere wenn die Mächtigen sich ihrer Sache so krass sicher sind.
Ich hatte einen kaisertreuen Nonno und einen kommunistischen, nämlich den mütterlicherseits. Der wäre mit einer Erklärung dazu, was hier gerade läuft, schnell bei der Hand gewesen, weil er sich bestätigt gesehen hätte. Vielleicht erleben wir aber auch die „Renaissance des lateinischen Europa“ (Heinrich August Winkler) und dann doch keine dicke Blamage.
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DIE PARADOXIE DES FREMDEN.
Der Lehrsatz des Grünen Milieus lautet: Man findet eine Fremdenfeindlichkeit dort besonders ausgeprägt, wo tatsächlich wenig Fremde leben. Mit dem empirischen Argument will man belegen, dass nicht notorisches Fehlverhalten der Fremden das Problem ist, sondern die Engstirnigkeit der Einheimischen. Das ist deutlich zu kurz gesprungen; man merkt die Absicht und ist verstimmt.
Auffällig ist ohnehin eine innere PARADOXIE bei den Fremdenfeindlichen. Sie stoßen sich an dem Anderssein der Anderen, entsprechen aber nicht notwendig selbst ihrer eigenen Leitkultur. Die vermeintliche Identität, die die einen haben und die anderen eben nicht, ist ein Maulheldentum, ein ideologisches Konstrukt, keine wirkliche Wirklichkeit. Einheimisch in den USA war Winnetou und nicht Old Shatterhand; der Cowboy ist Migrant. Dem arischen Titan entsprach der schmächtige hinkende Goebbels so wenig wie der adipöse Morphinist Göring.
Wir alle sind Fremde, wenn in der Fremde. Es geht bei Freunden wie Feinden der Zuwanderung deshalb im Kern nicht um eine Frage der Rasse oder Religion, sondern immer um die soziale Frage. Im Kleinen wie im Großen. Gute Nachbarschaft ist das schöne Wort und Veränderungsangst das hässliche dieser inneren Soziologie der Migration. Der Skandal der Merkelschen Permissivität liegt in der Delegation dieser sozialen Frage auf Länder und Kommunen, denen zugleich untersagt wurde, die Grenzen des wirklich Machbaren aufzuzeigen.
Ich wundere mich schon, wie gut der amerikanische Vizepräsident über Migrationsprobleme in Europa informiert ist und merke, dass er Herrn Orban und Frau Weidel als Quellen hat. Dieser Star des amerikanischen Traums ist mit einer gebürtigen Inderin verheiratet, wozu ich gratuliere. Sein Chef stammt aus der Pfalz und neigt osteuropäischen Schönheiten zu. Paradoxie wie noch nie. In der aufgesetzten Fremdenfeindlichkeit spiegelt sich die innere Verunsicherung der Eingeborenen. Der Skandal folgt dann erst: Daraus wird böswillig Politik gemacht. Dieses Böse ist einheimisch.
Ich komme mit meinem türkischen Nachbarn blendend aus, so wie mit dem Griechen von gegenüber und dem Ostfriesen von nebenan. Die Attiker unterschieden unter den freien Menschen zwei Kategorien; sie kannten den polyglotten politischen Kopf und jenen, der sich dem Eingeborenem, seinem Kram, widmete und die Welt fürchtete. Den nannten sie Idiot. Mehr ist dazu nicht zu sagen.
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ORIGINAL & FÄLSCHUNG.
Warum geht es auf der „Documenta“ nicht um wirkliche Kunst, sondern Schmierereien aus Übersee? Ich sehe in den TV-Nachrichten irgendwelche Rücktritte. Zu spät. Als wenn wir selbst nichts hätte. Nun gut, nicht in Nordhessen, aber ansonsten.
Gestern Abend dann noch ein TV-Krimi mit anspruchsvollem Thema, dem der KUNSTFÄLSCHUNG. Leider als Provinz-Posse und nicht ernstzunehmen. Schmierentheater, insbesondere in der Zeichnung der kalabrischen Mafia. Offensichtlich nicht mit Petra Reski abgestimmt.
Das erinnert mich an einen Studentenulk. Mein Freund Klaus hatte damals den Auftrag, den Reiseführer eines englischen Automobilclubs zu modernisieren, der gut dreißig Jahre auf dem Buckel hatte und die seinerzeit noch aufregende Marotte feierte, mit dem eigene Auto die Alpen zu überqueren. Stichwort: Grande Tour. In das Land, wo die Zitronen blühen. Vera Icon.
Bei einem Kunsttrödel hatte er ein angestaubtes Ölgemälde namens „Die Beweinung Christi“ erworben, in die ein späterer Künstler minderer Begabung neben den notorischen Heulsusen auch noch die Heilige Verena hineingemalt hatte. Es ist unstrittig, dass, wenn überhaupt, Veronika in eine GolgotaSzene gehört, aber nicht in die Beweinung. Seinen Irrtum bedauernd, aber den Wein notorisch zusprechend, hängte er die Fälschung kurzerhand in eine düstere Kapelle am Marktplatz an einen vereinsamten Nagel. Vermutlich der Gardarobenhaken des Küsters. Das wäre gut gegangen, hätte der Schalk ihn nicht noch getrieben, in seinen AA-Reiseführer reinzuredigieren, dass es an diesem Ort ein Gemälde mit der Heiligen Vera gäbe, das einem Sohn von Johann Nepumuk della Croce zuzuschreiben sei.
Jahre später hat mir mein Freund Klaus gestanden, dass am Ort eine Volksfrömmigkeit entstanden sei und unter dem alten Schinken eine Unzahl kleiner Vasen mit Blümchen aufgestellt wurden, die niemals vertrockneten, weil die Heilige Vera in ihnen die Tränen der Beweinung auffange. Ältere Damen des Ortes erzählen, dass man auf dieses Wunder wegen des nicht abreißenden Touristenstroms aus England gestoßen sei; nicht viele seien es gewesen, aber eine unablässige Folge.
Mein Freund Klaus hat dann später die Heilige Veronika als Wunder des SUDARIUMS in den Wikipedia-Eintrag zu den Acta Pilati reinredigiert, womit die Zusammenhänge von Vera & Vasen wissenschaftlich beglaubigt, sprich ewig, sind. Wer käme sonst auf die Idee das Blumenwasser in einer unbedeutenden Provinzkapelle im Alto Adige der Beweinung Christi zuzuordnen? Da ich aber nicht ausschließe, dass das Bild irgendwann bei einer Versteigerung auftaucht, habe ich mich zur Diskretion entschlossen. Von mir dazu kein Wort.