Logbuch

AUS DEM AUGENWINKEL.

Was liegt eigentlich zwischen einem „guten Freund“ (der bei Mädchen „beste Freundin“ heißt) und einem „entfernten Bekannten“, den man so gerade noch wiedererkennt? Wie nennt man diese eigenartige ferne Nähe auf der Mitte? Man sagt wohl „guter Bekannter“, ein seltsames Wort.

Gestern Abend treffe ich neben einigen alten Kolleginnen und Kollegen auch diesen einen Typen, mit dem ich mich immer verbunden gefühlt habe, aber nie in einem engen Sinne befreundet war. Es ist auch nicht so, dass wir ein Geheimnis zu teilen gehabt hätten, oder? Jedenfalls hatte ich im Geschäftlichen nichts mit ihm zu tun. Immer aber begrüßen wir uns mit einem festen Handschlag; erfreut, sich wiederzusehen.

Was uns in diesen Momenten verbindet, sie passieren in einem Vierteljahrhundert zuletzt höchstens einmal im Jahr, ist das AUGURENLÄCHELN. Unkomplizierter habe ich es nicht. Cato der Ältere wundert sich, warum zwei Auguren, wenn sie sich treffen, nicht lächeln. Nun, ich kann verraten, sie lächeln.

Es gab in der Antike den Beruf der Wahrsager durch das Betrachten der Eingeweide von Opfertieren und in der gleichen Profession die Jungs, denen dazu der Vogelflug reichte. Meint: Personen vom Fach, die sich einer Profession rühmten. Und wenn die sich ab und an aus dem Augenwinkel betrachteten, dann grinsten sie. Es ist so: AUGUREN lächeln, wenn sie sich treffen. Das ist die Verbundenheit der Geheimnisvollen, die voneinander wissen, dass sie gar kein Geheimnis haben. Das ist ihr Geheimnis.

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REICHSKRISTALLNACHT.

So lautete der zynische Begriff des PR-Managers der Nazis Joseph Goebbels, zunächst Reichspropagandaleiter der Partei, dann Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda, für die REICHSPOGROMNACHT, mit der die Judenverfolgung als Volkssport freigegeben war. Verachtung und Spott spielten eine große Rolle in dieser Pädagogik des Völkermords.

Aus dem Februar 1933 lese ich eine Tagebucheintragung des Herrn Doktor, er reagiert auf die Bücherverbrennungen, nach der er geradezu enttäuscht ist, dass „nun jeder Nationalsozialist“ sei. Die „Bewegung“ verlor damals ihren exklusiven Charakter. Bald war jedermann erlaubt, von der Vertreibung seiner Nachbarn zu profitieren und deren Ermordung zu übersehen.

Dieser Zynismus ist der eigentliche Kulturbruch. Ich finde ihn wieder in dem fröhlichen Motto „From the river to the sea“, das die Befreiung des Nahen Osten von den Juden meint, und zwar von allen, wenn man genau hinhört. Man soll sie ins Meer treiben, meint das. Das kann man als Propaganda überhören wollen. Der, dessen Kristall hier zerschlagen werden soll, ist da hellhöriger. Er weiß, dass es nicht beim Geschirr bleibt.

Was die heutigen Berufskollegen von Herrn Goebbels zu diskutieren hätten, ist das Fach. Wo ist die Grenze zwischen Volksaufklärung und Propaganda? Was hat das damals erfundene Radio, der Volksempfänger, mit dem Internet gemein, wo X jetzt technisch kann, wovon das Dampfradio nur träumte? Warum ist nach 85 Jahren, wie Brecht das formulierte, der Schoß fruchtbar noch, aus dem das kroch?

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PAROLE.

Politische Parolen sind immer Dichterworte; selten entstammen sie der Rede eines Politikers. Weil die runde Form sie zum Sprichwort werden lässt, nicht der profunde Inhalt. Wir brauchen deshalb mehr PR in der Politik. Siehe Habeck.

So soll der große Epigrammatiker Simonides im 5. Jahrhundert zu der Schlacht an den Thermopylen gesagt haben:
„Dic, hospes, Spartae nos te hic vidisse iacentis, Dum sanctis patriae legibus obsequimur.“ Das ist natürlich Quatsch. Denn der Grieche aus Griechenland sprach natürlich Griechisch. Und nicht Latein.

Ohnehin erinnern wir die Niederlage der Spartiaten gegen die Perser nur wegen eines Gedichtes von Friedrich Schiller, in dem es heißt:
„Wanderer, kommst du nach Sparta, verkünde dorten, du habest uns hier liegen gesehen, wie das Gesetz befahl!“
Und das auch nur wegen einer so betitelten Kurzgeschichte des Kölners Heinrich Böll.

Es gibt eine englische Version, die sprachlich noch gefälliger ist; ich finde sie aber nicht mehr. Gestern noch in der New York Review gelesen. Eigentlich heißt das Epigramm: „Fremder, verkünde den Lakedaimoniern, dass wir hier liegen, ihren Befehlen gehorchend“. Der Henker weiß, was Lakedaimonier sind. Und warum die Herrschaften aus Sparta Spartiaten heißen und nicht Spartaner.

Jetzt finde ich es bei David Grene: „Go tell the Spartans, stranger / passing by, / that here obedient to their words / we lie.“ Das hohe Lied auf den Gehorsam. Der Stoff, aus dem Helden sind: Epigramme auf Gräbern.

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ORIGINAL & FÄLSCHUNG.

Warum geht es auf der „Documenta“ nicht um wirkliche Kunst, sondern Schmierereien aus Übersee? Ich sehe in den TV-Nachrichten irgendwelche Rücktritte. Zu spät. Als wenn wir selbst nichts hätte. Nun gut, nicht in Nordhessen, aber ansonsten.

Gestern Abend dann noch ein TV-Krimi mit anspruchsvollem Thema, dem der KUNSTFÄLSCHUNG. Leider als Provinz-Posse und nicht ernstzunehmen. Schmierentheater, insbesondere in der Zeichnung der kalabrischen Mafia. Offensichtlich nicht mit Petra Reski abgestimmt.

Das erinnert mich an einen Studentenulk. Mein Freund Klaus hatte damals den Auftrag, den Reiseführer eines englischen Automobilclubs zu modernisieren, der gut dreißig Jahre auf dem Buckel hatte und die seinerzeit noch aufregende Marotte feierte, mit dem eigene Auto die Alpen zu überqueren. Stichwort: Grande Tour. In das Land, wo die Zitronen blühen. Vera Icon.

Bei einem Kunsttrödel hatte er ein angestaubtes Ölgemälde namens „Die Beweinung Christi“ erworben, in die ein späterer Künstler minderer Begabung neben den notorischen Heulsusen auch noch die Heilige Verena hineingemalt hatte. Es ist unstrittig, dass, wenn überhaupt, Veronika in eine GolgotaSzene gehört, aber nicht in die Beweinung. Seinen Irrtum bedauernd, aber den Wein notorisch zusprechend, hängte er die Fälschung kurzerhand in eine düstere Kapelle am Marktplatz an einen vereinsamten Nagel. Vermutlich der Gardarobenhaken des Küsters. Das wäre gut gegangen, hätte der Schalk ihn nicht noch getrieben, in seinen AA-Reiseführer reinzuredigieren, dass es an diesem Ort ein Gemälde mit der Heiligen Vera gäbe, das einem Sohn von Johann Nepumuk della Croce zuzuschreiben sei.

Jahre später hat mir mein Freund Klaus gestanden, dass am Ort eine Volksfrömmigkeit entstanden sei und unter dem alten Schinken eine Unzahl kleiner Vasen mit Blümchen aufgestellt wurden, die niemals vertrockneten, weil die Heilige Vera in ihnen die Tränen der Beweinung auffange. Ältere Damen des Ortes erzählen, dass man auf dieses Wunder wegen des nicht abreißenden Touristenstroms aus England gestoßen sei; nicht viele seien es gewesen, aber eine unablässige Folge.

Mein Freund Klaus hat dann später die Heilige Veronika als Wunder des SUDARIUMS in den Wikipedia-Eintrag zu den Acta Pilati reinredigiert, womit die Zusammenhänge von Vera & Vasen wissenschaftlich beglaubigt, sprich ewig, sind. Wer käme sonst auf die Idee das Blumenwasser in einer unbedeutenden Provinzkapelle im Alto Adige der Beweinung Christi zuzuordnen? Da ich aber nicht ausschließe, dass das Bild irgendwann bei einer Versteigerung auftaucht, habe ich mich zur Diskretion entschlossen. Von mir dazu kein Wort.