Logbuch

BILDUNGSSCHRANKEN & ERINNERUNGSLÜCKEN.

Ich war kein allzu guter Schüler. Einiges habe ich echt versäumt. Ärgerlich. Das ist, wie den Schlüssel zu Türen in Händen gehabt, aber verlegt zu haben. Da bleiben dann Räume leider verschlossen. Man steht vor verschlossenen Türen. Unnütze Bildung ist keine Barriere, aber mangelnde. Als ob von jedermann wie selbstverständlich eine fremde Sprache gesprochen würde und man selbst nur Bahnhof versteht. Zudem fällt vieles aus der Zeit. Erinnerung ist halt kein verlässliches Gut. Ich lese gerade, dass man sich im Bundeskanzleramt Sorgen um den neu aufkeimenden Nationalismus gemacht hat. Dazu sind Repräsentanten des kulturellen Lebens eingeladen gewesen. Man hat „Vergangenheitsbewältigung“, ein Begriff, der von Theodor Heuss stammt, erörtert. Und ein reaktionärer Typ sagt: Die Rechte habe vielleicht historisch hier und da versagt, die Linke aber ganz sicher immer! Und er nennt Jahreszahlen: 1848, 1871, 1914, 1933 … Wer da in GESCHICHTE gepennt hat, ist aufgeschmissen. Ach so, der AfD-Typ jener Tage, das war der Dichter Ernst Jünger, der Kanzler hieß Ludwig Ehrhardt und wir schrieben den 23. Juli 1964. Der Leiter des Bundespresseamtes war damals ein Herr von Hase, Diplomat mit eisenbeschlagenen Schuhen. Für den hat mein Onkel Heinz im BPA gearbeitet. Ich lese das alles (außer das mit Onkel Heinz) bei dem auch schon seligen Siegfried Unseld, mit dem ich mal in Frankfurt einen Italiener in der Zum-Jungen-Straße teilte. Da Claudio, oder so. Muss bestimmt dreißig Jahre her sein. Unseld pflegte den japanischen Brauch, nach dem man nur seinem Gegenüber einschenkt, nie aber sich selbst. Ein feiner Mann.

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EINSTWEILEN WIRD ES MITTAG.

Das ist ein Zitat; man muss es sich in niederösterreichischer Lautung vorstellen. Mit ihm beschreibt ein Arbeitsloser seinen Tagesablauf. Gefragt hatte ein Zeiterfassungsbogen ihn, was er zwischen 10 und 11 getan habe. Gefallen ist er 1933 im österreichischen Marienthal. Die Soziologen Marie Jahoda und Paul Lazarsfeld erhoben methodisch dicht, was ARBEITSLOSIGKEIT den Menschen antut. Der berühmte Satz steht am Anfang der EMPIRISCHEN SOZIALFORSCHUNG neuer Zeit. Die Forscher haben damals vor den Nazis in die USA fliehen müssen. Über Jahoda habe ich mal zusammen mit einer sehr netten Ghostwriterin ein biographisches Büchlein geschrieben; tolle Frau, diese Jahoda. Ein großes Vorbild für Soziologen. Es geht um die Verschränkung quantitativer und qualitativer Forschung. Mir hat sich der Satz vom Einstweiligen eingebrannt als Dokument für die tragische Apathie, die den Menschen erfassen kann, wenn die Tage ihre ZEITSTRUKTUR verlieren. Eine große Gefahr im sogenannten Lockdown. Lockdown? Noch so ein Pseudoenglisches Wort. Der britische Euphemismus lautet, dass die zu Hause Eingesperrten „under shield“ seien, unter Schutz. Auch nicht besser, wenn es einstweilen Mittag wird … Ich werde mal nachsehen, ob ich von dem Jahoda-Buch noch Exemplare habe.

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RESILIENZ.

Aktuelles Modewort: Die Fähigkeit, sich nicht unterkriegen zu lassen. Seelische Widerstandsfähigkeit. Reproduktionskapazität. Beispiel: Ein älterer Herr (97), von seinem Sohn am Telefon nach seinem Wohlbefinden befragt, sagt, er habe beide Impfungen erhalten („ein Klacks“) und sei auch ansonsten mit dem „Service“ (gemeint: die Pflege) sehr zufrieden. Wenn ihm in der Einrichtung mal was nicht passe, höre man ihm zu und stelle es ruckzuck ab. Erstaunlich, denn es herrscht wahrlich kein Luxus. Der Mann zahlt das vollständig von seiner Rente; auch das ist ihm wichtig. Man kann nur hoffen, eine solche Einstellung zum Leben geerbt zu haben. Die Alternswissenschaft nennt es, habe ich gerade in Interviews mit den Akademikern dieses Fachs gelernt, das ZUFRIEDENHEITS-PARADOX. Gebrechlich und vergesslich, aber mit seinem Leben gänzlich im Reinen, zufrieden eben. Wie klein ist dagegen das Gejammere allenthalben.

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TATTOO.

Nicht, dass ich Freibäder aufsuchte, aber auch im Straßenverkehr nehmen sie dramatisch zu: TÄTOWIERTE Menschen. Bis ins Gesicht. Die Knastträne für jedermann.

Früher ein Kultzeichen von Seeleuten, genauer gesagt der gewöhnlichen Matrosen, der Langeweile an Bord geschuldet. Man machte sich einen Anker auf den Arm. Für die Insassen von Haftanstalten galt wahrscheinlich Ähnliches. Die Langeweile gebar eine Meerjungfrau. Ich habe ein gewisses Verständnis, weil die Langeweile eine wirklich böse Folter ist. Und so zeichnet die Maßnahme gegen Stupidität lebenslang den Stupiden aus.

Eigentlich entstammt die PERMANENTE STIGMATISIERUNG der Viehzucht auf gemeinschaftlichen Weiden. Das Brandzeichen zeigte den Besitzer der Kuh. Mit dem amerikanischen Imperialismus wurde die Welt der Kuhjungen zum Kollektivsymbol. Freiheit und Abenteuer, so hieß es in der Marlboro-Werbung. Cowboys. Was für ein vormoderner Kult aus einer vormodernen Nation; fällt mir dabei auf. Wie der Waffenkult zeigt, sind sie noch immer nicht wirklich weiter.

Man erzählt sich, dass die ORGANISIERTE KRIMINALITÄT unserer Tage tätowiere und weiß es von jener der vorigen Republik. Das ist das TATTOO im Wortsinn der PERMANENTEN STIGMATISIERUNG. Das verstehe ich ja noch. Eine Gruppenzugehörigkeit ausweisen; warum aber auch, dass man ein Langweiler ist? Was sind diese großflächigen Tapetenmuster, die sich Menschen auf alle möglichen Körperteile machen lassen? Im besten Fall magische Muster, meist aber von der Kreativität eines Ostblockhemdes der sechziger Jahre. Künstliches ohne Kunst.

Sagen wir es klar, das ist Stammes-Deko, Tribalismus. Wenn die Geschmacklosigkeit am eigenen Körper noch spektakulär wäre. Sie ist piefig. Und da sie die Kathedrale der Seele, den Körper, verunziert, wäre sie eigentlich gotteslästerlich, wenn sie nicht so belanglos wäre. Ein Dokument schlechten Geschmacks. Die übelste Art zur Vertreibung von Langeweile: das Arschgeweih. Zur Verzierung ausgerechnet des Steißbeins. „Atergo in Ehren“, pflegte mein Freund Jürgen zu sagen, „kann niemand verwehren.“ Ein Landser-Spruch; das ist das Milieu. Stammeskult der Stupiden.