Logbuch
STELLUNG NEHMEN.
Meinungsjournalisten sind eine kleine Gruppe von Gebrauchsschriftstellern, die unter einer doppelten Last leiden. Beginnen wir mit dem Vordergründigen; sie leiden unter Originalitätszwang. Man muss nicht nur regelmäßig eine Meinung haben, sie soll auch noch unterhaltend sein. Niemand würde mit einer Kolumne berühmt, in der bloß Selbstverständliches steht. Der Ball ist rund. Nachts ist dunkel. Gähn. Der Käse ist lecker, der Wein gut.
Der Originalitätszwang kann zu unangenehmen Macken führen. Die berühmten drei Motorjournalisten der BBC sind dafür ein Beispiel, vieles ist der Albernheit ergeben. Jüngst gar ein Genre-Wechsel: Man spielt Bauer (country living). Manches, was Jeremy Clarkson gemacht hat, war „over the top“; aber ich lese alles, was ich von ihm zu packen kriege. Er hat mich übrigens mal „Nazi prat“ genannt. Und dafür um Vergebung gebeten. Vorsichtig, Junge!
Die Routine des Abseitigen kann zu einer „deformation professionelle“ führen. Satire wirkt nämlich nur in kleinen Dosen. Man kann sich um der Pointe willen verlaufen. Das zweite Handicap ist die politische Selbstüberschätzung. Man fühlt die Last der ganzen Welt auf seinen Schultern und will zu allem Unrecht etwas gesagt haben. Da lastet das Brecht-Wort auf der Seele, nach dem ein Schweigen zu den Untaten ein Verbrechen sein kann.
Aus diesem doppelten Dilemma suchen Meinungsjournalisten zu fliehen, indem sie relativieren. Ich nenne das das Syndrom Jakob Apfelböck. Wo Kriegspropaganda uns in eine binäre Entscheidungssituation drängen will, hält der Kolumnist das Werturteil offen: statt „schwarz gegen weiß“ besteht er auf Grautönen, beidseitig. Relativismus kann freilich auch Feigheit sein.
Und so beschäftigt sich der Kolumnist mit der Frage, wie der Käse sei und der Wein. Läppisches. Oder was der Slogan bedeutet, dass man den Nahen Osten von der deutschen Schuld befreien solle. Nicht läppisch. Wer die Parole ruft „Vom Fluss in die See“ (nicht: „an die See“), der spielt mit der Idee eines Völkermords. Nicht hier: mein Land, meine Regeln.
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TATORTE.
Der eigenartigste Laienirrtum über das Reisen in Privatjets besteht darin, dass die noblen Passagiere spektakulär auf großen Flughäfen ankämen und shoppend durch die Parfumläden zum Ausgang schlenderten. Man landet am GAT (general aviation terminal), in der Regel eine Bruchbude ganz am Rand des Flughafens; wenn nicht auf einem bloßen Flugplatz ehedem militärischer Nutzung.
Auf einen Mandanten wartend sitze ich an einer improvisierten Bar in Biggin Hills, einem RAF-Platz eine Stunde außerhalb Londons. Zwei angetrunkene Herren debattieren den Ankauf einer Bunkeranlage an der Mosel, die die Wehrmacht heil hinterlassen habe. In der Dimension einer ganzen Fabrik. Nicht nur das konstante Klima untertage sei ideal, sondern die Höhe des Deckgebirges. Was die Truppen Hitlers und deren Rüstungsindustrie vor den englischen Fliegerbomben geschützt habe, würde nun verlässlich Aufklärung verhindern. Auch aus dem All.
Man arbeitet offensichtlich für einen Betreiber von erdumkreisenden Satelliten. Von schwarzen Netzen ist die Rede. Der erwartete Pax landet und die drei entschwinden nach einigem Hin und Her in einem herbeigerufenen Cab, dem landestypischen Taxi; ich lese die Registrierung auf der Rückscheibe. Die Piloten des Jets erzählen derweil, sie seien aus Manching gekommen. Das ist in Bayern; ich weiß, wer da eine Jagd hat. Von dem Herausgeber des Londoner Taxi-Blättchens erfahre ich am Telefon, wo die 7812 hingefahren ist. Ins Lancaster, nobler Laden. Ich kenne einen der Bartender seit Jahren, ein Waliser.
Bunker in den Weinbergen? Ich rufe einen Markscheider an und frage nach historischen Bergwerken an der oberen Mosel, die der Rüstungschef des Führers gekannt haben könnte. Er will sich schlau machen. Wartend fällt mir dann noch ein, woher ich die schäbige Kantine auf dem RAF-Fliegerhorst kenne. Sie war Kulisse im DA VINCI CODE von Dan Brown. Der Wecker klingelt, ich wache auf. Aus der Traum.
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RAUCHERECKE.
Auf dem Pausenhof meiner Penne gab es eine Raucherecke, die den Primanern zugänglich war, also besonders attraktiv für jene, die noch nicht öffentlich rauchen durften. Der Konsum von Tabak galt als Ausweis von Reife. Man schaute französische Filme, in denen schwarzer Tabak der Marke „Zigeunerin“ gepafft wurde, Zigaretten in Maispapier. Das galt als Lebensart.
Ich blicke beim Besuch eines hochmodernen Krankenhauses in einen versteckten Innenhof und sehe dort auf Getränkekästen sitzend OP-Personal in den Hygienekitteln hockend, um gierig eine Zigarette zu rauchen. Es ist das „Team Time Out“, so nennen sich heute die Narkoseärzte. Man sollte glauben, dass gerade die andere Möglichkeiten haben, sich Drogen zu besorgen. Aber man pafft.
Denn eigentlich ist die Nikotinsucht eine soziale Indikation geworden. Menschen mit einem gehobenen Sozialstatus rauchen nicht mehr. In den Büros sind sie verbannt, die Zigaretten; auf dem Bau sehe ich sie noch. Und verstärkt bei Frauen, vielleicht eine Frage der Wahrnehmung. An Schmuddelpunkten hinter Einkaufszentren und Hotels finden sie sich noch, die Raucherecken. Freilich inzwischen ohne das Charisma der großen Freiheit. Der Raucher erscheint als Junkie.
Dass die soziale Stigmatisierung des Rauchens selbst in Eckkneipen gelingt, hätte ich nie gedacht. Aber es ist so. Ich erinnere mich noch an die Zeit als bei mir eine Reizkopplung wirkte und mit dem vermaledeiten Glas zu viel auch die Nikotinsucht erwachte. Hat sich irgendwie verloren. Das soziale Stigma ist in eine Verhaltensnorm umgesetzt. Haschisch wird stattdessen legalisiert, die Droge der ewig Albernen.
Wenn sich das bei den Grünen rumspricht, werden sie uns auch die Wurst nehmen und das Steak und wir werden uns ernähren wie die Kaninchen. Insofern ist es ein Trost, dass wenigstens die Ärzte das Venengift schätzen und brav noch immer rauchen.
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WHATABOUTISM.
Wer eine Debatte erweitert, erfährt bei Twitter Kritik. Nach dem englischen „Und was ist mit…?“ wird erweitertes Denken diffamiert. Man soll nicht fragen: „What about…?“ Punktförmiger Horizont.
Nachdem der böse Donald Trump als amerikanischer Präsident die Macht verloren hatte, kam ein guter, Joe Biden. Der John-F-Kennedy-Effekt. ZeitenWende also. Trump hatte auch bei uns eine kräftige Aufrüstung gefordert, unter Biden findet diese Re-Militarisierung jetzt statt. Wir machen doch jetzt, was Trump wollte, oder? Das ist die ZeitenWende?
Ein Teil dessen ist es, die militärische Nutzung der Kernenergie zu unterfüttern, vielleicht sogar auszuweiten. Atombomben. Wir hatten aber hierzulande von Ausstieg gesprochen, aus der zivilen Nutzung. Wegen der Gefahren. Darf ich damit annehmen, dass die militärische Nutzung solchen Schrecken nicht unterliegt. Gibt es böse und gute Atome? Wie logisch kohärent ist der grüne Bellizismus? Frage für einen Freund.
Der ukrainische Botschafter Andrij Melnyk nennt im April dieses Jahres den deutschen Brigade-General a. D. Erich Vad einen „erbärmlichen Loser“, der „keine Ahnung vom Krieg“ habe und verweist als ukrainischer Diplomat dessen Nachdenklichkeit barsch aus den deutschen Medien. Er solle angeln gehen. Mangelnder Kriegswillen bei der Herrenführung. Der General, ein Skandal, räsoniert. Nachfragen prinzipiell nicht erwünscht.
Wir haben, solange wir russisches Erdgas bezogen, dafür Kritik aus den USA erfahren; empfohlen schien deren Öl, Fracking-Gas, Importkohle und Atom. Die Ruhrgas wäre historisch ohne die stabile Unterstützung durch die FDP nie so erfolgreich gewesen, wie sie war. Später dann durch die SPD Schröders. Beide Politiken versucht ein vagabundierender Zeitgeist auf Twitter zu diffamieren, ja zu diskreditieren. Mit den Argumenten von Donald Trump. Da hatte er dann doch recht, der Rechte.
Wer sich nicht auf einen punktförmigen Horizont festlegen lässt und notorisch über den Tellerrand schielt, der verliert die Fähigkeit, intuitiv zu sagen, was gut und was böse ist. Er grübelt und gerät in Zweifel. Ein solches Räsonieren ist aber nicht gewünscht. Ist das die ZeitenWende? Frage für einen Freund.