Logbuch

Ich werde heute nicht ans Kiosk gehen und mir die BILD am SONNTAG kaufen. Ich fürchte furchtbares. Ein notorisch flachsinniger Impressario des Springer Verlages will dort PETER SLOTERDIJK als tollsten deutschen Philosophen präsentieren. Das kann nur grausam werden. SLOTERDIJK tingelt seit einiger Zeit. Das tut seinen alten Freunden weh. Ich habe mal ein Fernsehformat mit ihm erfunden, entwickelt und lange gefördert. Das PHILOSOPHISCHE QUARTETT war eine Perle im ZDF. Ich erinnere mich gut, wie der Produzent FS es damals beim ZDF-Intendanten mit einem Lächeln durchsetzte. Vor allem aber erinnere ich ein Dinner in einem Hamburger Edelrestaurant, von dem sich ein toller Blick auf den Museumshafen bot . Sloterdijk hatte ich vorher einen Essay von mir gegeben; ja, um ein wenig anzugeben. Er fragte in leicht indigniertem Ton, wer der darin zitierte Klaus Merten sei. Das war keine Frage; es war der Hinweis, dass dies unter seiner Lektüreschwelle liege. Eine Arroganz, die man sich erlauben kann, wenn man einen Lektürevorsprung von 50.000 Seiten hat. Es kochte damals dort ein Österreicher mit Vau, war also noch vor dem Türken, der es dann hatte. Jetzt Fernsehkoch. Der tingelt heute im Boulevard. Wie Sloterdijk. So vergeht der Ruhm der Welt.

Logbuch

Die Kommunikation von Jedermann (m/w/d) in den Sozialen Medien des Internets bringt üble Charakterzüge zum Vorschein. Es gibt die FANATISCHEN MORALISTEN, die richten wollen; meist aus hohlen Motiven, aber immer in größter Entschiedenheit. Zum Beispiel in der Frage der Sternendeuter an der Krippe Jesu. Da wundert mich in vielen Fällen das Missverhältnis von geringer historischer Kenntnis und großer rhetorischer Wucht. Irre, die gehasst werden wollen. Wirklich fremd sind mir aber die absolut vordergründigen und deshalb völlig humorlosen NARZISTEN, die Sammler des „likes“; in der jüngeren Generation zählen sie die sogar. Man hat Follower, die liken, und zwar viel mehr als man selbst followed; darauf achtet man. Das ist wirklich leer. Wie kann man in die Welt hinaus wollen, um Kussmündchen zu sammeln? Es gibt eine eigene Eitelkeit der Strohdummen, die man mit der der Zyniker nicht verwechseln sollte.

Logbuch

Du musst Dein Leben ändern. Hölderlin, glaube ich. Die Umstände der Pandemie erzwingen eine andere Lebensführung, die unter manchen Umständen leichter zu vollbringen ist als unter anderen. Beispiel: Wer ohnehin entspannt auf dem Lande lebt, erträgt das Beherbergungsverbot der Landhotels in attraktiven Gegenden leichter als der kasernierte Bewohner des metropolen Mini-Apartments, dem jetzt der Urlaub verwehrt wird. Ernsthaft: hier stellt sich eine soziale Frage. Aber eben auch eine der Einstellung, des Habituellen. So glaubt eine Mehrheit meiner Studenten, sie kämen durch passives Mitschwimmen im Strom des Präsenzpublikums (sie sitzen im Hörsaal immer hinten, jedenfalls nie vorne) zurecht, was nicht mehr gelingen wird. Wer jetzt nicht adhoc seine Digitalisierungsdefizite aufholt, wird abgehängt. Agilität, so heißt das Modewort. Ich kannte es nicht mal, bis vor einem halben Jahr. AGIL, wtf?
Wir werden eine wachsende Gruppe der Veränderungsverlierer haben. Da ruft Cato, der Ältere: Vae victis! Gute Anekdote aus dem Alten Rom, wo der Sieger bei der Bemessung des Tributs sein Schwert noch auf die Waagschale warf, als der Besiegte die Gewichte bemängelte. Wehe den Besiegten.

Logbuch

WHATABOUTISM.

Wer eine Debatte erweitert, erfährt bei Twitter Kritik. Nach dem englischen „Und was ist mit…?“ wird erweitertes Denken diffamiert. Man soll nicht fragen: „What about…?“ Punktförmiger Horizont.

Nachdem der böse Donald Trump als amerikanischer Präsident die Macht verloren hatte, kam ein guter, Joe Biden. Der John-F-Kennedy-Effekt. ZeitenWende also. Trump hatte auch bei uns eine kräftige Aufrüstung gefordert, unter Biden findet diese Re-Militarisierung jetzt statt. Wir machen doch jetzt, was Trump wollte, oder? Das ist die ZeitenWende?

Ein Teil dessen ist es, die militärische Nutzung der Kernenergie zu unterfüttern, vielleicht sogar auszuweiten. Atombomben. Wir hatten aber hierzulande von Ausstieg gesprochen, aus der zivilen Nutzung. Wegen der Gefahren. Darf ich damit annehmen, dass die militärische Nutzung solchen Schrecken nicht unterliegt. Gibt es böse und gute Atome? Wie logisch kohärent ist der grüne Bellizismus? Frage für einen Freund.

Der ukrainische Botschafter Andrij Melnyk nennt im April dieses Jahres den deutschen Brigade-General a. D. Erich Vad einen „erbärmlichen Loser“, der „keine Ahnung vom Krieg“ habe und verweist als ukrainischer Diplomat dessen Nachdenklichkeit barsch aus den deutschen Medien. Er solle angeln gehen. Mangelnder Kriegswillen bei der Herrenführung. Der General, ein Skandal, räsoniert. Nachfragen prinzipiell nicht erwünscht.

Wir haben, solange wir russisches Erdgas bezogen, dafür Kritik aus den USA erfahren; empfohlen schien deren Öl, Fracking-Gas, Importkohle und Atom. Die Ruhrgas wäre historisch ohne die stabile Unterstützung durch die FDP nie so erfolgreich gewesen, wie sie war. Später dann durch die SPD Schröders. Beide Politiken versucht ein vagabundierender Zeitgeist auf Twitter zu diffamieren, ja zu diskreditieren. Mit den Argumenten von Donald Trump. Da hatte er dann doch recht, der Rechte.

Wer sich nicht auf einen punktförmigen Horizont festlegen lässt und notorisch über den Tellerrand schielt, der verliert die Fähigkeit, intuitiv zu sagen, was gut und was böse ist. Er grübelt und gerät in Zweifel. Ein solches Räsonieren ist aber nicht gewünscht. Ist das die ZeitenWende? Frage für einen Freund.