Logbuch
NACHKRIEGSZEIT VORBEI.
Wenn Kinder eine Sprache lernen, staunen sie oft über bildhafte Ausdrücke der Erwachsenen, die ihnen ein Rätsel bleiben. So habe ich nie verstanden, warum ausländische Soldaten in ihren Kasernen nicht sitzen oder stehen, sondern liegen. Ich hörte, dass in Lohhausen die Engländer liegen, in Köln oder Braunschweig die Belgier und am Berliner Flughafen die Franzosen. Meist im Singular und mit bestimmtem Artikel. So zum Düsseldorfer Flughafen: „Da liegt der Tommy!“ Sprache der Nachkriegsordnung.
In der Pfalz lag gar der Ammi und zwar mit Atomraketen; man erfreute sich an Einquartierungen und verdiente eine kleine Mark dazu. Eine Wuzz im Stall und nen Ammi unter’m Dach, so ging kleiner Wohlstand in der Provinz. Im Westerwald berichtet der Taxifahrer heute noch von schwarzen Wachsoldaten in den Dörfern neben den verborgenen Silos im Wald, die ihm gänzlich fremd schienen, aber nett, insbesondere zu Kindern. Es gab gratis Schokolade und Kaugummi. Die Nachkriegszeit ist vorbei.
Jetzt sagt der deutsche Kanzler, dass wir uns als Europäische Kleinstaaten nicht von Großmächten rumschupsen lassen. Im Plural. Ein mutiger Satz. Aber es liegen ja auch keine Russen mehr im Osten Deutschlands und keine Westalliierten hierzulande; fast keine. Die Tektonik habe sich verändert, sagt Merz. Wohl wahr. Russland hat sich bei der deutschen Wiedervereinigung sehr großzügig gezeigt; das ist historisch nicht zu leugnen. In der NATO wird Schutzgewährung neuerdings nicht mehr in Spendierhosen verabreicht. Gratis war gestern. Ich erinnere mich an eine Bar in einem Kaff in Texas, wo über dem Tresen ein Spruch hing, der auf die berühmte Formel auf den Dollarscheinen anspielte: „In God we trust, the rest pays cash.“
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LOYALITÄT.
Restlos begeisterte Gefolgsleute irritieren mich. Gestern mit einem eigentlich kreuznetten Grünen zusammengesessen, der noch immer nicht weniger vorhat, als die Welt zu retten. Er spricht von seiner Sache als Haltung und misst sich daraus Charakter zu. Er redet ehrfürchtig von dem Joschka und dem Robert. Seine Partei ist eine Menschheitsangelegenheit. Soviel moralisches Gefälle macht mich sprachlos.
In der Philosophie gilt nicht viel, wer zur Lobhudelei neigt; man wähnt sich lieber als kritischer Geist. Das ist bei den Soziologen nicht anders. Der Narzissmus in diesen Fächern besteht darin, dass man sich schlauer als das gemeine Leben weiß; jedenfalls an ihm zweifelt. Vielleicht ist das überhaupt die Grundeinstellung der Wissenschaft, an allem etwas zum Meckern zu haben. Akademiker sind deshalb meist miese Partner und lausige Liebhaber. Isso.
In der Kunst heißt der Betrachter höherer Ambition sogar so; man spricht von dem (!) Kritiker. Ein Beruf ist daraus geworden, der Kritiker, der zu Büchern rät oder Bilder bejubelt und beschimpft; sagt, was im Feuilleton was zu gelten habe. Man erinnert hier das Goethe-Wort, das mit einem regelrechten Fluch beginnt: „Der Tausendsakerment! Schlagt ihn tot, den Hund! Es ist ein Rezensent.“ Mir ist am liebsten noch immer das kurze Gedicht um die erektile Dysfunktion: „Eines Tages werden wir den Geschlechtsverkehr widerlegen, sagen die Impotenten.“ Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
Darf man die Mächtigen loben? Fanatische Anhänger tun das ja, ihren Führer in den Himmel heben. Oder religiöse Fanatiker, die selbst Terror zum Gottesdienst erklären. Aber ausgeruhte Geister? Kann man sich die als Jünger vorstellen, als Gefolgsleute, Vasallen und Söldner? Die kritische Geschichtsschreibung schüttelt sich vor Ekel zum Wirken der Söldnerheere; ein Gesindel. Nie hätte der Karthager Hannibal in Italien einfallen können, hätte er nicht eine gewaltige Fremdenlegion befehligt. Gehörte zu Recht vernichtet, dieses elende Karthago. Aber worauf will ich hinaus?
Dies ist ein Lob der gespaltenen Loyalität. Lob des Zweifelns. In der Seefahrt sagt man: „Eine Hand für das Schiff, eine für den Matrosen.“
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RESTERAMPE.
Endlich wieder Weltgeschichte in Berlin geschrieben? Vorsicht. Die Oper ist erst aus, wenn die fette Frau gesungen hat. Man weiß nicht so recht, ob man Zeuge eines Haupt- und Staatsaktes ist oder einer etwas angestrengten Übung beiwohnt, die die wirklichen Helden beide schwänzen. Eine Posse ohne Putin? Die einen sagen so, die anderen so.
Gestern „Foto Opp“ in Berlin mit den Regierungschefs Europas rund um den ukrainischen Präsidenten und mit dem Schwiegersohn des amerikanischen. Immerhinque. Eine „Foto Opp“ ist seit Ronald Reagan die Gelegenheit zu einer Aufnahme. Es darf geknipst werden. Mehr ist nicht. Dazu kleben auf dem Boden Zettelchen, wer wo von der Promi-Meute zu stehen hat, damit das Ganze, wenn schon nicht inhaltsschwanger, so doch wohlgeordnet aussieht.
Preußen ist ja für seine langen Kerls berühmt, also darf der Lange aus dem Sauerland in die Mitte. Wahrscheinlich nicht weit von dem holländischen Pudel Trumps, der die NATO vertritt. Alle nehmen heutzutage die Abnehmspritze. Oder frühstücken durch die Nase. Wer kam aber auf die Idee die großartige Giorgia Meloni ganz links an den Rand zu stellen, so als habe sich eine kleine Kellnerin ins Bild verlaufen? Ja, sie ist zierlich, aber größer sind von der Leyen und der Selenskyj auch nicht. Und der Golf-Buddy von dem Schwiegervater des Immo-Tycoons ist auch ein Kurzer. Man hätte die Shorties in die Mitte stellen sollen und die Schlacksigen an die Ränder. Das kann doch so schwer nicht sein. Wer führt da die Regie?
So reden die einen. Die anderen sagen, das war ein bedeutendes Ereignis der Friedensdiplomatie, dessen Signal der Vernunft fernzubleiben, dem Moskauer Zaren nicht gut zu Gesicht steht. Da ist was dran. Aber der überragt die Meloni auch nur mit Mühe und hätte dann zu ihr in die Mitte gemusst, wo schon Ursula und Wolodymyr stehen. Also einfach ist das nicht mit der „Foto Opp“, wenn alles, was es zu sagen gibt, zu knipsen sein muss. Sieht sonst aus, wie Trumps Resterampe.
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URGESTEINE.
Auf die Nachrichtenleiste meines Fernsehgerätes schielend, sehe ich, dass der Tod von zwei wirklichen Größen zu beklagen ist. Ich habe sie nicht näher gekannt. Keine persönliche Trauer, ich hätte aber noch Fragen. Zu spät.
Hans-Christian Ströbele war das Urgestein jener Grünen, die sich als Linke verstanden. Das ist mit der Unterscheidung von „Fundis“ versus „Realos“ ja nur unvollständig beschrieben. Er war ein Sozialist, vielleicht sogar ein Kommunist, jedenfalls ein Linker im Sinne eines regen Antikapitalismus; kein Freund des amerikanischen Hegemoniestrebens. Er nannte sich Pazifist, war aber so konsequent gegen alle NATO-Einsätze mit Unterstützung Deutschlands, dass ich vermute, dass er war vor allem kein Freund der NATO war. Aber darum geht es mir nicht.
Ich habe nie mit Ströbele gesprochen und er hätte nicht gewusst, warum er mit mir reden sollte. Aber in den letzten Jahren habe ich ihn oft bei seinen Spaziergängen am Spreeufer gesehen und freundlich gegrüßt. Er grüßte zurück, ein Reflex des Volkstribuns, der keine Ahnung hat, wer ihm da salutiert. Vorsichtshalber salutiert er zurück. Er war nicht gut zu Fuß, wie ich ihn selbst mal hab sagen hören; eigentlich war er an seinem Rollator schon sehr gebrechlich. Wir haben über ihn gespottet, weil er politisch der König von Kreuzberg war (Direktmandate en masse), aber in Moabit am Rande des Hansaviertels wohnte. Es ist schöner in dem alten Westen. Dort habe ich eines meiner Lieblingsrestaurants, wo ich ihn dann auch sah.
In der Presse war er seinem alten Laden gegenüber immer loyal, aber er muss unter dem neuen Bellizismus der Grünen gelitten haben. Dass die Grünen sich mal aufgefordert sehen, in der NATO den Antreiber zur Aufrüstung zu geben, wie schwer muss ihm das durch den Hals gegangen sein? Und dass die ungeschickt provozierte Gaspreisexplosion das Putin-Regime nicht arm, sondern reicher macht, welch eine Paradoxie. Darüber hätte ich gern mal mit ihm gesprochen. Zu spät.
Michail Gorbatschow verdanken wir Deutsche viel. Aber aus russischer Sicht, ich hörte da in Moskau schon vor Jahren harsche Töne, war er wohl der Terminator des Supermacht-Status. Ich lauschte ihm mal auf einen Empfang darüber sinnieren, dass seine Heimat ihn weniger schätze als die ehemaligen Feinde der Sowjetunion. Das klang nach einer tiefen Trauer. Einiges, was ich von ihm in letzten Jahren gelesen hatte, war zwar begrifflich nicht auf der Höhe; aber ganz unzweifelhaft war er ein Mann, der Weltgeschichte gestaltet hat. Für Nachfragen auch zu spät.
Bleibt also nur das protokollarische Motto, nachdem man über Verstorbene nichts Nachteiliges sagen sollte. Übrigens eine Formel, die grob unsinnig ist. Geschichte richtet. Das Recht der Nachgeborenen.