Logbuch

TEA BOYS.

Vorwurf: Militär wie Polizei entführten gewohnheitsmäßig Knaben vom Basar, die sie dann zu ihren Sex-Sklaven machten. Dieser Kindesmissbrauch bei Afghanischen Uniformierten wurde von der NATO ausdrücklich als örtliches Brauchtum toleriert. Man sprach von Tea Boys.

Die Gerüchte betreffen unsere Partner in den zwei Jahrzehnten der Besetzung. Erst ausgerechnet die Taliban sollen diesem Spuk ein Ende bereit haben. Nachdem der „Teufel USA“ aus dem Land gejagt war, sagen die Taliban. Fragen über Fragen.

Die USA hatten ihre dort eingesetzten Militärs aufgefordert, den „man-love Thursday“ und die Praxis der adoleszenten Diener zu tolerieren; lese ich in einer Rezension zu zwei rekapitulierenden Büchern über den Afghanistan Krieg: AMERICAN WAR IN AFGHANISTAN.

Beispiel: Ein gewisser Dan Quinn, Captain der Special Forces, soll vom Kommando entbunden und nach Hause geschickt worden sein, als er einen Offizier der befreundeten afghanischen Armee („allied forces“) zusammengeschlagen hatte, weil der seinen Tea Boy mit einer Kette an sein Bett gefesselt hatte.

Man wollte, so die NATO-Logik, die Alliierten im gemeinsamen Kampf gegen die Taliban nicht irritieren. Ich lese hierzu den Begriff, das sei eben „indigenous cultural practise“. Es geht um jene Herrschaften, unsere Alliierten, die nach der Flucht der NATO-Truppen sofort kapitulierten und faktisch zu den Taliban übergelaufen sind. Man kann nicht wissen, ob diese Vorwürfe zutreffen und wenn, ob es sich um Einzelfälle oder ein regelrechtes Milieu handelt.

Dass die Korruption durch die Amerikaner nicht beendet wurde, sondern bedient, ist aber unzweifelhaft. Dass Rauschgift-Produktion und -Handel nicht beendet, sondern geduldet worden sind, ebenfalls. Dass die WAR LORDS in den Provinzen nicht abgesetzt, sondern in Kollaboration erstarkten… Dass im Ergebnis der islamistische Terror und die Taliban …

Vietnam war ein Menetekel, Afghanistan ist eines. Nach allem, was man so liest, haben wir Grund, uns zu schämen.

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SCHNAPPSCHUSS.

Das Selfie der grünen mit den gelben Granden ging viral. WE ARE FAMILY. Weil es spontan wirkt und authentisch. Welch ein Irrtum. Aber so geht zeitgemäße Propaganda.

In der Fotografie nennt man einen Zufallstreffer SNAP SHOT. Das ist ein ausdrucksstarkes Bild, das eine hohe Symbolkraft entfaltet, und zwar ohne INSZENIERUNG. Daher seine besondere Glaubwürdigkeit. Das ist ein Propaganda-Trick. Eine Inszenierung, die eben dies leugnet. Vorgetäuschte AUTHENTIZITÄT.

Die alten weißen Männer unter den Hauptstadtjournalisten richten sich gerade einen Account auf Instagram ein. Jetzt haben sie gemerkt, dass sie aus der Zeit gefallen sind. Die Tintenkleckser legen den Füller und das Papier an die Seite und beginnen das NEULAND Internet ernstzunehmen. Hier ist Armin Laschet politisch verreckt, ohne dass es die alten Trottel bemerkten. Das ist nicht neu, aber wahr: Heute stirbt man heimlich einen politischen Tod in den Social Media, bevor es in der Zeitung steht.

Was ist anders? Andere Medien. Nicht mehr das Abo der Aachener Volkszeitung, lieber Armin. Und ein andere Kommunikation: visueller, kürzer, pointierter. Mit LEICHTER IRONIE oder nie. So lautet das Motto. Nicht salbadern, lieber Armin. Moderner Humor geht anders. Johannes Rau wusste tolle ALT HERREN WITZE zu erzählen. Das ist so „out“, dass es peinlich ist. Man muss das ratzfatz genialisch in Schnappschüssen können.

Der SNAP SHOT kommt aus der Jägersprache und meint den Schuss aus der Hüfte. Ohne langes Zielen, lässig draufgehalten. Und Blattschuss. Diese LÄSSIGKEIT ist ein wesentliches Moment moderner Propaganda. Keine allzu ernsten Rituale, keine LITURGIE, Armin. Spontan soll es wirken, das geplante. Lieber Armin, es sind jetzt die QUICKIES, die beglücken. Verstehst Du das? Nein, Du verstehst es nicht.

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SÜNDHAFT TEUER.

Erfahrung in München, Bayern. Großes Brotzeitbrett, eine reichliche Vesper, für 12,30€. Mit einem halben Liter Bier und zwei Obstlern zusammen für einen Zwanni. Es geht auch anders, aber so geht es auch.

Ordentliches Zimmer im Motel One am Sendlinger Tor für unter 70€. Bett der Extraklasse. Bar hat 24/7 geöffnet. Sauvignon blanc für unter 7€ das Glas. Es geht auch anders, aber so geht es auch.

Absacker in HARRYˋS BAR links vom Platzl. Ein brauner Schnaps aus dem Hochland einer Inselgruppe in der Nordsee mit starker Note von Braunkohle, sprich Torf, und geeignet, Möbel abzubeizen: einhundertvierundzwanzig Euronen, das Barmass. Ich hatte bisher drei. Und die Tagesschau ist nicht mal um. Es geht auch anders, aber so geht es auch.

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DIE FERKELSTECHER.

Da wir letztens über Feldärzte und die medizinische Zunft sprachen: Ich erinnere mich an zwei Bundeswehrkrankenhäuser, in denen ich mal zu tun hatte, in Koblenz und Berlin. Das am Mittelrhein hatte mich zu einem Vortrag eingeladen und ich patzte. Jedenfalls war ich nicht mit mir zufrieden. Solche Fehlleistungen hängen mir nach. Eine vergeudete Rede, das ist wie ein vergeudetes Leben. Eben nicht Perlen vor die Säue (passiert auch), sondern leider nur Runkelrüben. Im nächsten Leben wird man dafür an den Ohren gezogen.

In Berlin war ich als Zivilist über einen privaten Belegarzt zu einer kleinen OP und als jemand, der nicht gedient hat, wirklich beeindruckt von der militärischen Kommunikation. Ich hockte einige Zeit auf dem Gang und fand alle Patienten aufgerufen mit Dienstgrad und Namen. Es gab einen Unteroffizier Müller und einen Kapitän zur See Meier. So kommuniziert sich also die Struktur stets mit. In anderen Organisationen ist die soziale Struktur zwar auch vorhanden, aber nicht so präsent; ich begreife erstmals den Sinn der Uniformen.

Diese seltene manifeste Begegnung mit der okkulten Struktur fällt mir wieder ein, als ich über die Anwaltschaft in Berlin informiert werde. Ich sprach mit einem wirklichen Kenner der Szene über Massenschäden und Massenklagen; das gehört ja zusammen. Die einschlägigen Rechtsschutzversicherungen spielen dabei ja eine Rolle, manche rühmlich, manche schlicht betrügerisch, indem sie das Leistungsversprechen, für das sie Prämien kassiert haben, notorisch umgehen. Die vorsätzliche Leistungsverweigerung als Geschäftsidee. Aber ich bin kein Jurist; wie immer man diese Eierdieberei unter Anwälten korrekt benennt.

Ich lerne dabei, dass man Anwälte unterscheidet in die Stars der Profession, oft in großen „law firms“ beheimatet oder namentlich auf Türschilder prangend, und Ferkelstecher. Kein Scherz. Welch eine Symbolik. Vor hohen Gerichten werden fette Säue geschlachtet und der unteren Gerichtsbarkeit Ferkel gestochen. Die unzünftige Hausschlachtung als Metapher. Fast glaube ich, dass Jus am Ende doch Humor hat; das kann aber eigentlich nicht sein.