Logbuch
HORSE RACE.
Man stelle sich vor, dem Himmel würde langweilig mit dem Lauf der Dinge. Die Götter gähnen. Selbst bei einer so wichtigen Sache wie der Bundestagswahl, da kämen die Unsterblichen ob der lauen Peinlichkeiten ins Trübsinnige. Was würde er machen, der Himmel? Als Himmel wäre er ja allmächtig und der liebe Gott könnte sich was einfallen lassen. Sogar etwas ganz Außergewöhnliches. Er könnte zum Beispiel an ein aufregendes Galopprennen denken und die steinreichen Vollblutzüchter wie die halbseidenen Buchmacher fragen; so die nicht alle schon in der Hölle sind. Stichwort: „Hau mal richtig drauf!“ Wenn Petrus einen eigenen Galopper und Buchmacher hätte, was dann? Nun, der Himmel würde anordnen, dass ab sofort im WAHLKAMPF ein Kopf-an-Kopf-Rennen stattzufinden habe. Die Medien wären alarmiert und würden das aufgeregt verbreiten.
Man nennt das unter SPIN DOKTOREN, auch eine Art Buchmacher, die Idee vom Pferderennen, englisch: HORSE RACE. Nix los in Davos: Alle Kandidaten wollen im Schlafwagen an die Macht? Langweiler auf Valium? So geht das nicht! „Do the trick!“ Plötzlich kommt Spannung auf. Der sicher geglaubte Sieg wankt. Der vermeintliche Verlierer legt zu. Rababer Palaver, Simm Sala Bimm. Ein spannendes Rennen findet statt. Wie in der „Vollblutzucht“, deren neuer Präsident der grüne Spitzenpolitiker Michael Vesper ist, der zehn Jahre für die GRÜNEN in der NRW-Landesregierung war. Als Sportlobbyist jetzt Freund der Vollblutzucht und Galopp-Präsident. Tja, die Grünen, aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
Der Himmel wüsste natürlich, dass das plötzliche Galopprennen der zuvor lahmen Gäule nur Wolkenschieberei ist. Er würde sich darüber amüsieren, dass die Erdenkinder so naiv sind, dass sie auf diesen Quatsch reinfallen. Die Wahlforscher haben in der PROGNOSE immer eine Toleranz von 2 bis 3 Prozentpunkten, macht ein Delta zwischen zwei Parteien von 5 bis 6. Plus 2 bis 3 Prozentpunkte Trend ergibt das eine Varianz von fast 10 Prozentpunkten. Damit lässt sich arbeiten. Genau diese Inszenierung läuft gerade in den Wahlnachrichten ab.
Die Götter wetten aber nicht, schon gar nicht beim Galopp. Sie wissen ohnehin, wie die Rennen ausgehen. Ja, heißt das, dass der Himmel wüsste, wer KANZLER:IN wird? Ja, sicher. Gottvater müsste nur Petrus fragen. Tut er aber nicht. Es ist ihm schlicht egal.
Logbuch
SCHULE DES LEBENS.
Frech, feige oder freundlich? Die Autobahn ist eine Schule des Lebens. Man kann hier studieren, wie Menschen sich wirklich verhalten. Nicht, was sie labern; was sie tun. Zentraler Satz der Soziologie: „Sie wissen es nicht, aber sie tun es.“ Solche VERHALTENSFORSCHUNG galt nicht viel unter den Wissenschaften; man belächelt sie, als sei sie so etwas wie PSYCHOLOGIE für Doofe. So habe ich früher auch gedacht, aber das war falsch. Gestern fand ich auf der A3 bei Hilden den ultimativen Beweis. Es ist der REISSVERSCHLUSS. Nichts sagt mehr über die seelische Befindlichkeit dieses Landes aus als das Verhalten der Menschen im ZIPP-ZAP. Eine Schule des Lebens. Frech, feige oder freundlich.
Man kennt das: eine dreispurige Autobahn soll auf eine zweispurige heruntergeschleusst werden, weil eben die dritte Spur endet. Das ist frühzeitig angekündigt und sollte ohne jeden Stau klappen. Am Ende der dritten Spur könnte es einen REISSVERSCHLUSS geben, alles easy. Einer nach dem anderen fädelt ein. Es gibt ihn aber den Stau.
Die Idee ist, man fährt bis ganz vorne durch und jeder in der Mittelspur lässt jeweils einen aus der endenden Dritten vor sich einbiegen. Das geht glatt und sanft wie bei einem gut geölten Reißverschluss. Nun, es geht aber eher wie an dem Reißverschluss meiner alten englischen Regenjacke. Es hakt aus unerfindlichen Gründen. Man könnte verrückt werden.
Jemanden vorzulassen, das widerspricht der HACKORDNUNG. Wie bei der Schlange vor der Kasse bei ALDI. Vorpfuschen als Volkssport. Reinlassen? Schande über solche Looser! Zurecht kriegen die abends keinen mehr hoch! Schlimmer als die frechen MACHOS sind aber die feigen HASENFÜSSE. Sie biegen schon bei dem ersten Hinweis ein und verlängern den REISSVERSCHLUSS so auf eine Länge von drei Kilometern. Vom Hosenbund bis zum Knöchel. Und immer mal wieder zwischendurch die Spur wechseln; die andere könnte ja doch schneller sein.
Das sind die GRUNDTYPEN des Deutschen, der prahlende Proll mit den dicken Eiern und der mutlos vagabundierende Beamte, der gänzlich ohne auskommt. Der Deutsche kann keine DIPLOMATISCHEN ÜBUNGEN; er ist frech oder feige. Oder beides. Nie höflich oder gar freundlich. Eigentlich kann er nur KLETTVERSCHLUSS.
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LEERER ANZUG.
„Sehen wir in wilder Flucht /
Die unbesiegbaren Heere.“
(Bertolt Aigihn Brecht)
Ich möchte nicht im Anzug von Heiko Maas stecken. Zunächst mal, weil der mir dann morgens von der Schauspielerin Wörner angezogen worden wäre (das ist seine in Berlin gefeierte Lebensgefährtin). Dann weil er nicht meinem Geschmack entspricht, der Anzug. Man trägt jetzt bei den notorisch jungen Männern deutliche Untergrössen, zu enge Klamotten, damit die alerten Früchte der Mucki-Bude sichtbarer werden. Eine blasierte Eitelkeit, die insgesamt auf mangelnden Ernst schließen lässt. Eine Charakterfrage scheint auf.
Aber das ist ja nur mein schwarzer Humor, der verzweifelt das Groteske im Tragischen sucht. AFGHANISTAN, was für ein erbärmliches Schauspiel dieser auslaufenden Bundesregierung. Man muss sich schämen. Ich möchte nicht in Heikos Anzug stecken. Fast ringt Mitleid, selbst mit ihm, meinen Spott nieder. EMPTY SUIT, so nennen das die Amis, ein leerer Anzug im Amt.
Schon klar, dass den Bundesaußenminister jetzt politisch ein Schicksal einholt, das er geerbt hat. Nein, nicht von kriegslüsternen Rechten; das war eine rot-grüne Regierung. Ich höre noch Herrn Struck (SPD) zum damals aufgezwungenen Bündnisfall sagen, dass meine (!) Freiheit nunmehr am Hindukusch verteidigt werde. Welch eine Anmaßung. Ich hatte einem imperialistischen Abenteuer „in meinem Namen“ nicht zugestimmt. Gerd Schröder hat ihn, den Herrn Struck, mal das „Zentrum des Mittelmaß“ genannt. Es war weit schlimmer. Und es wurde noch viel, viel schlimmer. Die TV-Bilder der Verzweifelten, Helfers Helfer im Kriegszug der Unbesiegbaren, nun fliehend auf dem Flughafen in Kabul, sind kaum zu ertragen.
Bittere Erinnerungen an die Bilder meiner Jugend, als VIETNAM fiel. Hier waren erst die Franzosen „unbesiegbar“, dann die Amerikaner. Der Imperialismus zeigt wieder und wieder sein wahres Gesicht. Und dazu jetzt die Figur, die Herr Maas macht. Ein leerer Anzug. Bitter. Ach, Heiko.
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HOBBY.
Schon das Wort klingt betulich, ein Steckenpferd haben, dem englischen „hobby horse“ entlehnt, einem Kinderspielzeug. Man sieht vor seinem inneren Auge den Briefmarkensammler. Oder den Hobby-Gärtner, der im Hinterhof Möhren zieht. Noch schlimmer der Hobby-Koch, der sich etwas darauf einbildet, ein Ei auch poschieren zu können, und Freunde zu deren Leidwesen bekocht.
Ich sollte es erklären. Briefmarken waren kleine klebefähige Bildchen von Postillionen, um die einiger Kult getrieben wurde, obwohl es nur Quittungen für die Entrichtung von Transportkosten waren. Früher kam täglich ein Briefträger und übergab Prints an die auf Umschlägen verzeichneten Empfänger. Er zahlte übrigens auch Renten aus und zog die Gebühren für den ÖRR cash ein. Ich habe mein Studium als Post-Zusteller in den Semesterferien finanziert; man ging trotz Bafög Lohnarbeit nach. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
Man ordnet das Hobby der Freizeit zu, die eine Einteilung ist, die die Fabrikglocke geschaffen hat, nämlich als Nische zwischen dem Diktat des Arbeitgebers und der notwendigen Nachtruhe. Man ging einem Spiel nach, entweder im sportlichen Sinne oder einem kulturellen wie der Musik oder der Frauen vorbehaltenen Handarbeit. Dem Hobby hing immer etwas Skurriles an; der Mensch durfte dabei halt Mensch sein; dabei neigt er zu Merkwürdigkeiten.
Womit wir bei den Bärtigen aus Trier sind. Karl Marx hat der Vorstellung der ENTFREMDUNG einige Aufmerksamkeit geschenkt. Die Fabrikarbeit war entfremdet, das künstlerische Spiel nicht. Der Gedanke ist eigentlich von Friedrich Schiller, der im Unterschied zu Goethe Marxist war. Der Mensch sei Mensch nur, wo er spielt. Ich hatte nie ein Hobby, dazu fehlte mir immer die Zeit.
Wie viele Manager habe ich gearbeitet, wozu ich Lust hatte; dabei unter einem selbstgewählten Konkurrenzdruck, so dass für Muße eigentlich keine Luft war. Es gab in den Aktiengesellschaften aber auch andere. Ich hatte Vorstandskollegen mit Flugschein und eigenem Doppeldecker oder einem Golfhandicap, das nur erwirbt, wer ganztags auf dem Green lebt. Ich kannte einen Controller, der jeden Montag mit der Werksfliege nach Spanien flog, golfte und ab Mittwoch dann wieder im Büro war. Von den Ex-Pats und ihren Hobbys am Ende der Welt gar nicht zu reden.
Kommen wir zur Studienberatung: Machen Sie, junger Mann, was sie dann sehr gut können. Für junge Frauen gilt das doppelt. Und machen Sie es bis zur Erschöpfung. Nur Deppen reden von der „work-life-balance“. Nur Verlierer haben ein Hobby.