Logbuch
LOB DER LÜGE.
Man achte mir den Lügner. Er nimmt viel auf sich. Zunächst kennt er die Wahrheit, daher sein Wille, ihr aus dem Weg zu gehen oder sie sogar zu verhindern. Allein darin ist er dem Idioten ja schon überlegen.
Ich lese die Autobiografie eines zeitgenössischen Wahrheitswächters. Der hatte sich die Legitimation qua Leerstuhl (pun intended) gegeben und es in einem Berufsverband inquisitorisch ausgeübt. Jetzt rechtfertigt er eine einzelne Inquisition. Sein damaliger Gegner, so der Vorwurf, hätte das Lügen erlaubt.
Lob der Lüge. Die Wahrheit zu umgehen, erfordert neben wirklichem Wissen vom Wahren zudem Anstrengung. Man muss sich die Lüge ja eigens ausdenken, dazu darf man weder faul noch doof sein. Denn das Geschick des Lügners kämpft gegen die Wirklichkeit. Das ist kein kleiner Feind.
Oft ist es gerade die Ambition des Lügners, die ihn zu Fall bringt. Man würde als Fauler scheitern; aber auch der Übereifer tötet. Der gute Lügner lebt vom richtigen Maß, einem feinen Kalkül. Butte Wahrheiten weiß auch der Grobian.
Da Lügen nur zum Erfolg führt, wenn es geglaubt wird, muss der Lügner den zu Belügenden gut kennen. Es bedarf der Empathie. Wahrheiten kann man in die Welt brüllen; die Lüge achtet stets auf ihren Ton.
Die Wahrheit ist ein „Ding an sich“; etwas Tumbes, im Zweifel sogar ontologisch, also selbstverständlich. Die Lüge ist ein „Ding für sich“; philosophisch eine ganze Klasse drüber. Aber das versteht nur, wer Kant kann: Das sind die wenigsten. Auch ihm, dem Wächter, war das nicht gegeben.
Der Feind der Wahrheit ist nicht das Feuer der Lüge, sondern das Löschwasser der Wahrheitswächter. Wahrheit zu verwässern, das ist schändlich.
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MORBUS HELVETICUS.
Das Vaterland ist ein patriarchalischer Begriff, der wichtig tut. Historiker wissen aber, dass der Vater immer ungewiss ist; sicher ist nur die Mutter. Warum kann man Patriot sein, aber nicht Matriot?
Bei Rousseau las ich mal ein schräges Gerücht: Es sei in Frankreich untersagt gewesen, eine bestimmte schweizer Weise zu pfeifen, weil dann alle Söldner von dort schwermütig würden und zur Desertion neigten. Vom HEIMWEH gepackt, ergriff sie die „Schweizerkrankheit“, sprich die Flucht nach Hause, in die Heimat.
Nun war der Schweizer seit dem Mittelalter das Synonym für jedweden Söldner. Die bitterarmen Söhne des Landes waren, wenn auf Migration, aller Orten gefürchtete Legionäre. Heute erinnert daran nur noch die Privatarmee des Papstes, die legendäre Schweizer Garde. Die Schweizer kamen nicht hoch zu Ross, dazu fehlten die Mittel, sondern als „Reisläufer“, sprich Infanterie. Kanonenfutter.
Deren Fernweh war aus Hunger geboren, purer Not. Wen das Vaterland nicht zu ernähren wusste, so das Grundmotiv für Migration, den ergriff das Fernweh. Wahrscheinlich frei von Romantischem. Dazu korrespondiert dann in der Fremde HEIMWEH, die sprichwörtliche Schweizerkrankheit. Es scheint, dass der Heimatbegriff aus seinem eigenen Defizit geboren ist.
Gestern lauschte ich einem Migranten meiner Generation, der die Entscheidung seiner Jugend, die Heimat zu verlassen und in die Fremde auszuwandern, mit den klugen Worten beschreibt, er habe „die Mutter verlassen“ müssen. Das führt zu dem Gedanken, dass HEIMWEH der Verlust des Mutterlandes ist.
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MENTALITÄT.
Der politische Aschermittwoch zielt auf das Bauchgefühl der Menschen. Also deren Vorurteile über sich selbst. Das ist raffiniert, wenn es gelingt.
Der Franke Markus Söder versucht am Aschermittwoch in seiner Bierzeltrede krampfhaft authentisch zu klingen. Und das heißt in der Tradition der CSU wie der historische Franz Josef Strauß. Ein urbayrisches Viech mit Haxen will er sein und ist doch nur ein evangelischer Grobian, der eine schlecht geschriebene Rede schlecht vorträgt. Der Text ist aus sperrigen Schlagworten gedrechselt und gewinnt an keiner Stelle die Kraft einer Parole. Der Redner wirkt nüchtern und unsicher. Das ist unbayrisch.
Natürlich ist das Bundesland Bayern ein Konglomerat unterschiedlicher Stammeskulturen, die in sich schon divers sind. Söder versucht ein konservatives Selbstverständnis gegen den grünen Zeitgeist zu stellen, ohne dass ihm das Schwarze der CSU in das Braune der AfD abgleitet. In sich schon nicht leicht. Der Aufstieg der CSU zur Volkspartei war historisch ein steiniger Weg in einem eher separatistischen Milieu. Und dann ist da immer noch die „libertas bavariae“, eine freiheitliche Tradition, die nicht unter die preußische Pickelhaube passt.
Mentalitäten sind Vorurteile, die viele teilen. Wie alle Vorurteile stimmen sie und sie stimmen nicht. Diese Zwitterwesen aus Dichtung und Wahrheit nehmen daher ihre Langlebigkeit; daraus, dass sie erfahrungsnahe Konstruktionen sind. Die Mentalität ist vorsätzlich typisch, auch wenn es öfter Ausnahmen gibt als die Regel. Das Typische freut uns, wenn wir es entdecken.
Ich hatte mal einen Chef, der sah einem Auto an, ob es ein portugiesischer Fischer gefertigt hatte oder ein tschechischer Schraubenschlüssel. Der wusste sogar innerhalb einer Marke zu sagen, ob das Gerät aus Baden-Württemberg oder Bayern kam. Dabei stammte der ganze Laden ursprünglich aus Sachsen. Aber darüber wurde nicht gesprochen. Auch weil in der Hierarchie der wünschenswerten Mentalitäten das Sächsische nicht besonders weit oben steht. Ein Vorurteil über Vorurteile.
Ich kannte mal einen Redenschreiber von Helmut Schmidt, der es im damaligen Kanzleramt zu Ruhm gebracht hatte, weil er für ihn eine Rede vor der englischen Labour Party verfasst hatte, die den Saal toben ließ. Er war ein liberaler Diplomat, der rote Rhetorik simulieren konnte. Er trug übrigens immer zwei Füllfederhalter der Marke Montblanc Meisterstück sichtbar im Anzug, was ich damals eher affig fand.
Der Erfolg von Mentalitäts-Rhetorik liegt darin, dass alle Menschen es lieben, wenn ihre Vorurteile bestätigt werden. Gibst Du meinem Bauch Recht, gebe ich Dir meine Stimme.
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WASSERSTOFF.
Uran ist, eh klar, übles Teufelszeug, wie alles Nukleare. Ich bin ein Freund der Erde und dem Quellwasser zugetan. Mutter Natur zieht mich an ihre Brust, wenn ich kühles Wasser trinke; der Stoff, aus dem die ganz grünen Träume sind. Stichwort Garten wässern und Blumen gießen.
Das häufigste Element auf Gottes Erden, habe ich in Chemie-Unterricht gelernt, das ist Wasserstoff. Nun hat der Herr sich dabei einen Trick erlaubt, er hat es zwangsverheiratet mit Sauerstoff. Diese Ehe heißt „H zwei O“, sprich Wasser und sie ist von ewiger Neigung, sprich unzertrennlich, wenn nicht unzertrennbar.
Der Chemie-Unterricht gehört auf dem Gymnasium zu den edleren Fächern, schon daran erkennbar, dass er von einem Studienrat im weißen Kittel erteilt wurde. Ich widmete ihm besondere Aufmerksamkeit, weil mein Herr Vater in einem weißen Kittel arbeitete; was mir als kleinem Jungen imponierte. Ich wusste, dass er Luft zerlegte und Stickstoff zu Kunstdünger zu wandeln wusste, was mir, wie gesagt, mächtig imponierte.
Nun ist es leichter Luft zu zerlegen als Wasser. Stichwort Liebesheirat. Das geht nur durch Elektrolyse, sprich mit Gewalt. Die künstliche Scheidung dessen, was der Herr auf ewig verbunden hat, ist ein Sakrileg gegen die Schöpfung. Zudem bedarf es großer Mengen elektrischen Stroms. Wasserstoff ist zudem, alle Weißkittel werden mir Recht geben, nicht nur geruchsfrei, sondern auch farblos.
Trotzdem reden mir Menschen ohne Kittel von grünem Wasserstoff und blauem. Das macht mich skeptisch. Dann wollen sie Strom, um damit Strom zu erzeugen. Das weckt endgültigen Zweifel in mir. Die Nummer kenne ich schon aus der Brütertechnologie, wo mehr rauskommen sollte als reinging. Denn das habe ich von den weißen Kitteln gelernt: Beide Seiten einer Reaktionsgleichung sind gleich; darum ist es ja eine Gleichung. Aber erklären Sie das mal jemanden, der nur gelernt hat, seinen Namen zu tanzen, und ansonsten im Völkerrecht zu Hause ist.
Wie sagt noch der Norweger? „Regen bringt Segen!“ Das verstehe ich, Laufwasserkraftwerke. Katze aus dem Sack: Ich glaube nicht an ledigen Wasserstoff. Ich kann nicht denken, was grüner Wasserstoff sein soll. Ich gehöre zu den Freunden des Wassers. Und ich weiß, was Knallgas ist. Kann ich das mit dem Nuklearen bitte noch mal sehen?