Logbuch

NATIONALCHARAKTER.

Wer keine grandiose Geschichte hat, die seiner Ambition entspricht, der schafft sich einen Mythos. Wolfsblut, zum Beispiel. Episode zum sogenannten Gründungsmythos.

Das Sinnbild des stolzen Rom, der ewigen Stadt, ist die Kapitolinische Wölfin, eine Statue aus Bronze, die die Etrusker um 300 vor Christi Geburt gegossen haben. Die Pointe befindet sich unter dem Bauch des starken Tiers. An seinen prall gefüllten Zitzen laben sich zwei Säuglinge, Knaben von großer Bedeutung. Aufgezogen mit Wolfsmilch. Alle Achtung. Wolfsblut.

Romulus und Remus, so heißt man die Brüder, sind die Gründer Roms. Teufelskerle wie Kain und Abel im Alten Testament; Brudermord aus Jähzorn eingeschlossen. An diesem Mythos hat sich der Faschistenführer Mussolini begeistert. Das sollten seine Herrenmenschen sein. Bis heue ist die Stadt mit Nachbildungen der stillenden Wölfin überschwemmt. In meiner Facebook-Blase regt sich aber Widerspruch. Die Bronze stamme aus einer Kupferhütte, die erst tausend Jahre später in Betrieb gegangen sei. Und die Säuglinge stammten aus der Renaissance; man habe sie schlicht hinzugefügt.

Nun, die Skepsis ist berechtigt. Es handelt sich tatsächlich um eine Geschichtsklitterung, die viel über das Wesen von PR verrät. Die Gründungsväter waren eigentlich Bälger aus einer prekären Beziehung und sind auf dem Tiber ausgesetzt worden (siehe Moses), um dann von einer „lupa“ aufgezogen zu werden. Dieser Begriff belegte aber nicht nur das stattliche Tier, sondern auch die fragwürdigen Damen im ältesten Gewerbe. Lupanarium nannte der Römer das Bordell, eine frequente Institution in der Stadt der Badehäuser, die allerdings eher griechischen Knaben vorbehalten waren. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.

Was machst Du als Findelkind und Hurensohn, wenn Dir Größeres vorschwebt? Du erschlägst Deinen Bruder und nimmst Dir einen PR-Berater.

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FLEET IN BEING.

Als junger Redenschreiber habe ich viel von einem agilen Chef gelernt, der seine Manuskripte akribisch durcharbeitete. Mit einem weichen Bleistift feilte er, zunächst grob, dann Entwurf für Entwurf feiner, schließlich, wir waren im zwanzigsten Durchgang, saß der Text. Selbst minimale Veränderungen bemerkte er sofort. „Kocks, wem hast Du das denn gegeben?“ Man konnte seine Texte nicht hinter seinem Rücken abstimmen, sprich entschärfen.

Eines Tages lese ich als Korrektur eine Einfügung, die mir nun gar nichts sagte: „fleet in being“. Es schien mir nicht mal korrektes Englisch zu sein. Ich missachtete es also. Prompt stand im Rücklauf FLEET IN BEING. Tjo, reden wir also über „Präsenzflotte“ als militärtaktische Maßnahmen im Seekrieg. Ein Konzept des ausgehenden 17. Jahrhunderts, das bis heute unter jenen gilt, die den Krieg vorbereiten, weil sie den Frieden wollen.

Der Gedanke ist: Eine starke Flotte wirkt auch dann auf den Gegner, wenn sie nur im Hafen liegt. Da der Feind auf ihr mögliches Auslaufen vorbereitet sein muss, bindet die Präsenzflotte ein mindestens ebenso großes Potential auf der anderen Seite. Ohne, dass ein Schuss fällt. Die Flotte wirkt einfach, weil sie das ist, ohne jedes Gefecht. Das ist ein guter Gedanke, wenn man über Waffengleichheit philosophieren will.

In der Öffentlichkeit, sprich beim Kampf um Aufmerksamkeit oder der Abwehr von Rufmord, gilt nur jener was, bei dem man mit kräftiger Gegenwehr rechnen muss. Mit wortgewaltigen Gegnern scherzt man nicht. Wie aber zeigt man im Meinungskrieg seine Waffen? Das wird durch bloßes Schweigen nicht gelingen. Die Schärfe des rhetorischen Schwertes beweist man spielerisch in Glossen. Zum Beispiel könnte man ein Logbuch führen. Nur mal so als Idee.

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STAATSSCHAUSPIELE.

Vor dem Übel der Propaganda schützt uns in deutschen Landen die freie Presse und eine lautere Regierung. Ist das so? Im Prinzip ja. Radio Eriwan.

In wirklicher Gefahr weiß man den Staat, wenn er einen Putsch zu fürchten hat. Der abgewählte amerikanische Präsident Donald Trump hat vor einem Jahr einen Staatsstreich anzuzetteln versucht; jetzt sind auch in Deutschland solche Verräter ausgehoben worden. Was dabei zutage tritt, ist wirklich böse. Die Innenministerin hatte einen „Kampf gegen Rechts“ versprochen und jetzt geliefert. Ein veritables Staatsschauspiel.

Das Presse-Echo zum tapferen Schlag gegen die Reichsbürger und QAnon-Anhänger ist sehr gut. Weil fast alle Redaktionen schon am Vorabend von der für anderntags um 06.15 Uhr geplanten Razzia wussten. Man war instruiert worden. Der allgemein geächtete Boulevardjournalist Julian Reichel sagt dazu, dass eine geheime Staatsschutzrazzia, von der alle Redaktionen vorab wüssten, lediglich eine PR-Aktion sei. Er meint das abwertend. Staatsschauspiel.

Da ist sie wieder, die Unterscheidung von Presse und PR, diesmal mit der besonderen Variante des Regierungs-PR. Begrifflich korrekt meint dies den Unterschied von Journalismus und Propaganda. Beides sind kommunikative Tätigkeiten innerhalb einer gemeinsamen gesellschaftlichen Praxis, die aber unterschiedlich bewertet sind. Journalismus gilt als Tugend, Teil der demokratischen Deliberation, gar als Vierte Gewalt, wohingegen Propaganda als interessengeleitet, wenn nicht als manipulativ abgewertet wird. Licht und Schatten als Aufklärung und deren Gegenteil.

Zu den Besonderheiten der Regierungspropaganda in der Bundesrepublik gehört, dass die entsprechende Behörde, das Bundespresseamt, sich nicht als PR begreift. Ich habe in der nächsten Woche einen Termin an der Uni Bonn, zu dem ein Honorarprofessor geladen hat, der mal Verleger war und sich als Anwalt einer realistischen Weltsicht um den Journalismus verdient macht. Es kommt noch eine wunderbare Journalistin, die mal Regierungssprecherin war, und ein klasse Journalist, der die Investigativen einer Tageszeitung leitet. Ein Journalist, eine Regierungssprecherin, lauter ehrbare Leute. Und ich.

Denn wer ist in der Runde das Schmuddelkind? Richtig. Meines Vaters Sohn. Nicht ganz zu Recht. Denn auch ich sitze als Bürger nur staunend im Parkett, während mit meinen Steuern Staatsschauspiele inszeniert werden. Mit Hilfe der Presse.

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VORSCHLAG.

Wenn die Propaganda eine strenge Mutter wäre, was würde sie sagen? „Hier wird gegessen, was auf den Tisch kommt.“ Das würde sie sagen. Wenn die Propaganda ein autoritärer Vater wäre, was wäre seine Ansage? „Solange Du Deine Füße unter meinen Tisch steckst…“ So begännen Anweisungen. Aber das sind heutzutage Erinnerungen an eine autoritäre Erziehung im Stil von Ekel Alfred, wie sie hierzulande nicht mehr zu finden ist, jedenfalls nicht in liberalen Milieus. Die Herrschaft des Autoritären ist nur noch in anderen Regionen und anderen Kulturen ungebrochen.

Wie Propaganda in modernem Gewand daherkommt, ist lehrreich in den Sozialen Medien zu studieren, etwa auf der von dem kalifornischen Oligarchen erworbenen Plattform, wo neben die Auslobung von Batterieautos und Raketenrüstung die politische Intervention für die neue Rechte und ihren Präsidentschaftskandidaten getreten ist. Dessen Gefolgschaft weiß gar unverhohlen von abstammungsbedingter Überlegenheit zu berichten. In dieser Idiotie gibt es allerdings keine Monopole; aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.

Zurück zu Tick Tock et altera. Die allzu bunte Welt in den bunten Medien bietet kleine Inszenierungen, die als Episoden daherkommen, als Fensterblicke in die Welt, wo sie doch nur Schaufenster sind. Das ist der Kern: Es werden Kaleidoskope mit Inszenierungen geboten, die sich als Realitäten tarnen. Follower glauben so was. Der so Verführte glaubt durch Fenster zu blicken, wo er in Schaufenster glotzt. Spiralen der Indoktrination drehen sich von Episode zu Episode.

Und selbst dort, wo das Fiktionale als Lüge unverkennbar, wird es genommen wie ein guter Witz; die Pointe eint alle, die über sie lachen können. Womit wir beim Kabarett sind. Was soll und was darf in dieser Welt der panfiktionalen Potpourris noch politisches Kabarett? Die Debatte darum, ob es links oder rechts zu sein hat, das Kabarett, die ist vordergründig. Wenn der Kriegstreiber nicht mehr schwarz ist, sondern inzwischen grün, werde ich ihn gleichwohl einen Bellizisten nennen dürfen.

Man hat Zweifel zu säen als Kabarettist. Das ist die Mission der Glossen, den politischen Missionaren das Leben zu erschweren. Mir gefällt sehr die Selbsteinschätzung unseres Urvaters Lichtenberg, der seine Publikation „Sudelbücher“ genannt hat. Keine neue Bibel, kein ehernes Manifest, aber unverschämte Fragen. Das dann doch. Frechheiten im Namen der Freiheit.

Wir stecken unsere Füße also auch unter den Tisch des Oligarchen, löffeln aber seine Suppe nicht. So wäre mein Vorschlag.