Logbuch
URLOP.
Im politischen Berlin ist die Ruhe eingezogen, die der parlamentarische Jargon sitzungsfreie Zeit nennt. Die Abgeordneten müssen sich in ihren Wahlkreisen wieder in den Ruinen ihres ruinierten Privatlebens einrichten. Aber auch in der Wirtschaft wird einen Gang zurückgeschaltet; die historischen Werksferien gibt es wohl nicht mehr, aber die Noch-Fahlen wechseln sich mit den Schon-Gebräunten ab. Wechselschicht. In den Sozialen muss man sich derweil einer ganzen Flut von Urlaubsbildern stellen, die zeigt, wie man seine Erscheinung durch kurze Hosen nachhaltig verlächerlichen kann.
Ich habe früher in dieser Zeit der lustigen Langeweile meinen Jahresurlaub immer komplett in einem Rutsch genommen; dann war das leidige Thema wenigstens erledigt. Heute halte ich es mit dem Psalmisten: „Unser Leben währet siebzig Jahre, und wenn’s hoch kommt, so sind’s achtzig Jahre; und wenn’s köstlich gewesen ist, so ist’s Mühe und Arbeit gewesen; denn es fährt schnell dahin, als flögen wir davon.“ Lutherworte. Wie immer kräftig im Leben unterwegs, um die Augen gen Himmel zu richten. Das ist nicht so mein Ding, das Metaphysische. Gerne Kärrner.
Der Bibelspruch hat ganz in meinem Sinne nämlich tatsächlich eine andere Wirkungsgeschichte. Er war immer gelesen als Lob der köstlichen Kärrnerarbeit. Mit dem wunderbaren Wort war ursprünglich der mühsame Transport schwerer Lasten in einfachen Karren gemeint. Auch Knochenarbeit, obwohl sie der Muskelbildung dient. Weiter arbeitend, während alle Welt im Urlop, sinniere ich über einen französischen Satz: „Il faut imaginer Sisyphe heureux.“ So ist es, man muss sich Sisyphos als glücklichen Menschen vorstellen.
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WAS DER KRIEG DARF.
Der Bücherfreund liebt sie nicht, die Ausgaben als Taschenbücher, bei denen die Seiten nur unter einem dünnen Deckel zusammengeklebt sind, meist mit einem Leim, der höheren Temperaturen gar nicht gewachsen ist. Ein ordentliches Buch hat Fadenheftung und ist in Leinen gebunden; allerdings wird auch hier dem Werbegebot Tribut gezollt und ein bunter Schutzumschlag um das Werk gegeben, der den einfältigen Käufer in den Bann ziehen soll. Wenn mir ein Buch gefällt, lege ich das Hochglanzpapier des Umschlags zeitig beiseite und stelle am Ende den Schinken ohne den albernen Werbemantel ins Regal.
Es gibt eine Ausnahme von dieser Ehrenregel des Bibliophilen. Ich meine ein Werk der Staatstheorie, das durch die aufwendige Illustration des Titels berühmt geworden ist. Die Rede ist vom LEVIATHAN des Thomas Hobbes, der Mitte des 17. Jahrhunderts alles Kluge begründete, was wir bis heute über den Staat zu sagen wissen. Im Kern wird hier das Gewaltmonopol begründet, das die Aufklärung dem Staat zubilligt. Hobbes benennt ihn deshalb nach einem alttestamentarischen Ungeheuer, das ob seiner unbegrenzten Macht für Chaos auf den Meeren sorgt. Eine ironische Setzung. Man sieht eine wunderbare Karikatur auf dem Titel. Großartig.
Freilich ist das mit dem Ungeheuer zugleich eine Charakterisierung, die sich der amtierende amerikanische Präsident selbst gibt, wenn er seinem Kriegsgegner im Persischen droht. Er will als grausam gelten, so man seinem Willen nicht folgt; eine ganze Kultur wird als auszulöschende adressiert. Ich verstehe zu wenig von diesem Teil der Welt und weiß nur, dass es keine gute Idee des Schöpfers war, so gewaltige Vorräte an Öl und Gas unter diesen Wüstensand zu legen. Es geht immer um Öl, oder? Es ging immer darum. Man sollte wirklich mehr über die unterschiedlichen Rollen unterschiedlicher Regime wissen.
Zurück zum Staat als Ungeheuer und dem wunderbaren Frontispiz des Thomas Hobbes. Mir läge daran festzuhalten, warum die moderne Staatstheorie dem Leviathan so große Macht geben will. Ich bitte um genaue Beachtung des Wortlauts:
„Durch diese ihm übertragene Gewalt ist der Souverän befähigt, den Willen aller auf den Frieden im Innern und die gemeinsame Verteidigung gegen äußere Feinde zu richten… damit er die Kraft und die Mittel aller so gebrauche, wie er es für ihren Frieden und ihre gemeinsame Verteidigung für zweckmäßig hält.“
Unterschied zum Kriegswilligen bemerkt? Aufgabe des Staates ist im Notfall die Verteidigung nach außen und immer die Befriedung nach innen. Did I make myself clear?
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DIE HAUSBIBEL.
Die Marxisten haben bei dem Bärtigen aus Trier gelesen, dass das gesellschaftliche Sein das Bewusstsein bestimmt. Nennt sich dialektischer Materialismus. Wir denken, was uns unser soziales Leben lehrt, während wir doch hoffen, dass umgekehrt unser Denken und Sehnen das Leben gestalten.
Ich sage: Alles eine Frage der Sprache und der Medien. Wir begreifen, wovon wir schon einen Begriff haben, dem wir Worte gaben, die wir aus Büchern stahlen. Wittgenstein für Arme.
Die Philosophie hat sich immer darum bekümmert, sprich Sorgen gemacht, dass sie sich selbst nicht genug ist, sondern aus Sachverhalten anderer Welten begründet. Und die Theologie hört auf eine Kraft der Herrschaft zu sein, sobald sie nur noch Philosophie ist.
Luther stößt ein Tor zu einer neuen Welt auf, indem er fordert, ein jeder Mann möge Priester sein und eine jede Frau Priesterin. Damit war die Weihe dahin und die Kirche als Herrschaft. Der Bildersturm stand in der Tür. Und die Demokratie, wo jeder ein wenig König.
Klappen konnte das aber nur auf der Grundlage der deutschen Hausbibel, also der Gutenbergschen Wende des Buchdrucks und Luthers Übersetzung. Wovon geht also die Aufklärung aus? Von der Hausbibel.
Könnte, wenngleich wortreicher, von Sloterdijk sein.
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DIE WEIHNACHTSFEIER.
Gestern beim Gastronomen keinen Termin gekriegt. Er sei belegt. Bald ist es wieder soweit. Die Restaurationen der Nation werden von Gruppen gebucht, die sonst nur ein Arbeitsplatz eint, um sich zu einem gemeinsamen Essen zu treffen; man weiß nicht so recht, ob freiwillig, aus leidiger Tradition oder dem jahreszeitlichen Drang nach Gemütlichem entsprechend. Elende Gespreitztheiten enden im Sekretärinnen-Suff. Als normaler Gast kannst Du nirgendwo mehr in Ruhe essen; erst kichern sie, dann wird gekreischt. Dann kommt es zu kollegialen Kopulationen auf dem Klo.
Der Reihe nach. Man ist lustig gekleidet. Der englische Weihnachtspullover hat hierzulande Einzug gehalten; dabei erlaubt man sich vorsätzlich Peinlichkeiten, insbesondere jene Kolleginnen, die auch ansonsten nicht stilsicher sind. Statt einer geordneten Bestellung eines klaren Menus toben sich Entscheidungsschwäche und mangelnde Etikette am Service schon während der Bestellung aus. „Ich nehme als Vorspeise nur einen kleinen Salat, dafür aber einen großen Nachtisch (Gelächter) und statt Wein bitte ein Schweppes Bitter Lemon (Kichern).“
Beim Hauptgang werden die Beilagen willkürlich geändert. Statt Kartoffeln Reis, weil die Erdäpfel ja dick machen. Wer will schon aussehen wie eine Kartoffel (lautes Lachen). Ähnliches beim Dessert, wo man dann doch gerne vegane Sahne hätte. Der Übergang vom Dinner zum Wirkungstrinken ist durch die Bestellung von „Schnäpschen“ gekennzeichnet, gerne auch mal der gemeine Eierlikör. Die exzessivsten Weihnachtsfeiern habe ich in London erlebt, wo es gegen morgen auch spärlich bekleidete Damen auf dem Trottoir gibt, in ihrem Erbrochenen selig eingeschlafen. Gin alley.
Ziviler geht es zu, zumindest zu Beginn, wenn die Feier als Mottoparty geplant ist. Ich bin schon zu Dämlichkeiten wie dem „Schrottwichteln“ verleitet worden, worauf ich mit der Auswahl eines guten und teuren Geschenks für mein Wichtelopfer reagiert habe, um dann den ganzen Abend den Zorn der so Beschenkten ertragen zu müssen, die es nur zu einem alten rostigen Dosenöffner gebracht hatte, der nun vor mir, dem doofen Spielverderber, lag. Zu späterer Stunde wurde ich von ihr unterrichtet „ein solcher Arsch“ zu sein…
Apropos Dosenöffner. Eine Freundin erzählt mir von ihrer Freundin, die, obwohl ledig, doch gern Mutterfreuden entgegensehen würde und deshalb statt einer Samenbank, wo man die Einlegenden ja nicht sieht, drei oder vier Weihnachtsfeiern zu besuchen gedenke. Nennt sich nach Kaiser Franz „beckenbauern“. So weit ist das Konzept der Familie inzwischen dereguliert. Ich habe moralische Bedenken formuliert. Hätte ich eine Einladung, ich ginge hin. Ist schließlich Weihnachten.