Logbuch

HINWEISE FÜR MEINEN NACHRUF.

Ich habe keinerlei Wünsche, was den Nachruf angeht, der eines fernen Tages auf mich gehalten werden wird; ich muss mir den Unfug ja nicht mehr anhören. Wer aber dafür Quellen sucht, der könnte sich anlesen, was Max Frisch 1950 in sein Tagebuch über seinen Umgang mit Bertolt Brecht geschrieben hat.

Mich mit einigen Plagiaten zu ehren, wäre ja ohnehin angemessen. Also Frisch notiert über den anstrengenden Umgang mit Brecht: „Die Faszination, die Brecht immer wieder hat, schreibe ich vor allen dem Umstand zu, dass hier ein Leben vor allem vom Denken aus gelebt wird.“

Natürlich neidet der schwerfällige Frisch dem Stückeschreiber dessen Fähigkeit zur Glosse. Er notiert im Tagebuch: „Seine Blitze, seine Glossen, gemeint als Herausforderung, die zum wirklichen Gespräch führen soll, zur Entladung und Auseinandersetzung, sind oft schon erschlagend durch die Schärfe des Vortrags.“ Frisch ist fast verletzt durch Brechts scharfe Zunge.

Brecht erscheint dem schwerfälligen Schweizer ungeduldig und, wie er es formuliert, katechisierend, angesichts „… eines Lebens in Hinsicht auf eine entworfene Welt, die es in der Zeit noch nirgends gibt, sichtbar nur in seinem Verhalten, das ein gelebter, ein unerbittlicher und durch Jahrzehnte aussenseiterischer Mühsal niemals zermürbter Widerspruch ist.“ Der Geist, der stets verneint.

Humor bis hin zur Albernheit dürfte nicht unerwähnt bleiben. Ich schlage als Quelle für ein weiteres Plagiat vor: „Es ist... kein Zufall, dass Brecht… so unermüdlich für das Lockere wirbt, das Entkrampfte, eine unerhörte Forderung innerhalb eines Lebens … in Hinsicht auf eine entworfene Welt.“ Die Ähnlichkeit zu Brecht wäre mir erträglich.

Mit Max Frisch dagegen möchte man nicht verglichen werden. Er hat seinen Nachruhm dadurch belastet, dass seine Nächsten ihn der Indiskretion bezichtigen konnten. Man schreibt kein Tagebuch, nicht über Tatsächlichkeiten. Brecht dagegen hatte immer nur die Rolle des unerbittlichen Anklägers gegen alle Welt, der sich selbst und den seinen jedwedes verzieh.

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WAS WÄRE WENN.

Ich habe geträumt, bös geträumt, wie ich vor einer flämischen Fettbraterei („flamse frituur“) in der Schlange stehe und auf meine Portion öliger Pommes warte. Allein unter lauter Männeken Piss. Ich war emigriert. Nach Belgium, in den Horror Europas. Der Alptraum begann aber nicht bei den kleinen Kartoffeln, sondern in der großen Politik.

Was wäre, wenn die AfD-Prinzipalin Alice Elisabeth Weidel deutsche Bundeskanzlerin würde? Wir nehmen mal an, dass der Fall einträte. Der „Kampf gegen Rechts“ wird mit einem solchen Grad an Diletanz geführt, dass dies nicht prinzipiell ausgeschlossen werden kann. Jedenfalls ist Frau Saskia Esken von der EsPeDe nicht die Heroine, die das zu verhindern wüsste.

Ich würde auswandern. Meine Wahlheimat wäre das Land, in dem die Zitronen blühen, Italien. Ups. Da träfe ich auf Frau Giorgia Meloni, die politische Enkelin des Duce, eine Frau mit faschistischen Wurzeln, jetzt erfolgreich als Ministerpräsidentin. Da kann ich auch bei den Kartoffeln bleiben. Dann ins Geburtsland der bürgerlichen Freiheit, nach Fronkreisch. Kaum angekommen in Paris, kommt Marine Le Pen an die Macht, die Tochter eines Faschisten. De rien, wie der Franzmann sagt, war auch nix.

Den Rat eines Freundes, doch nach Wien zu ziehen, mag ich nicht ernstnehmen; dort sind die Freiheitlichen die stärkste Fraktion im Parlament. Da könnte ich auch gleich in die Ostmark emigrieren und mich dem Ungarischen ergeben. Wer würde eine Donaumonarchie wollen, um dem Deutschnationalen zu entfliehen? Nach England komme ich nicht rein, da auch Labour nicht wagt, den Brexit-Irrsinn aufzuheben.

Also wächst in mir die Hoffnung aller Exilanten, nämlich die, auf Ellis-Eiland in der Schlange zu stehen und dann in Eida-Hoo Kartoffeln abzubauen. Dazu dürfte Donald Trump aber nicht die Wahl gewinnen; denn für seine Einwanderungspolitik bin ich zwar weiß genug, aber zu alt, um noch wesentlich zur Überlegenheit der Rasse beizutragen. Für Singapur bin ich nicht vermögend genug. Bliebe noch Belgien; das Land hat eine deutschsprachige Minderheit. Von den dort notorischen Pommes ernährt sich auch eine gelernte Kartoffel störungsfrei.

Der Belge nimmt allerdings „Sauce Special‘; das ist Ketchup mit Majo und reichlich rohen gehackten Zwiebeln. Ekelhaft. Können wir bitte darauf verzichten, Frau Weidel zur neuen Merkel zu machen? Danke.

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WASSERSTOFF.

Uran ist, eh klar, übles Teufelszeug, wie alles Nukleare. Ich bin ein Freund der Erde und dem Quellwasser zugetan. Mutter Natur zieht mich an ihre Brust, wenn ich kühles Wasser trinke; der Stoff, aus dem die ganz grünen Träume sind. Stichwort Garten wässern und Blumen gießen.

Das häufigste Element auf Gottes Erden, habe ich in Chemie-Unterricht gelernt, das ist Wasserstoff. Nun hat der Herr sich dabei einen Trick erlaubt, er hat es zwangsverheiratet mit Sauerstoff. Diese Ehe heißt „H zwei O“, sprich Wasser und sie ist von ewiger Neigung, sprich unzertrennlich, wenn nicht unzertrennbar.

Der Chemie-Unterricht gehört auf dem Gymnasium zu den edleren Fächern, schon daran erkennbar, dass er von einem Studienrat im weißen Kittel erteilt wurde. Ich widmete ihm besondere Aufmerksamkeit, weil mein Herr Vater in einem weißen Kittel arbeitete; was mir als kleinem Jungen imponierte. Ich wusste, dass er Luft zerlegte und Stickstoff zu Kunstdünger zu wandeln wusste, was mir, wie gesagt, mächtig imponierte.

Nun ist es leichter Luft zu zerlegen als Wasser. Stichwort Liebesheirat. Das geht nur durch Elektrolyse, sprich mit Gewalt. Die künstliche Scheidung dessen, was der Herr auf ewig verbunden hat, ist ein Sakrileg gegen die Schöpfung. Zudem bedarf es großer Mengen elektrischen Stroms. Wasserstoff ist zudem, alle Weißkittel werden mir Recht geben, nicht nur geruchsfrei, sondern auch farblos.

Trotzdem reden mir Menschen ohne Kittel von grünem Wasserstoff und blauem. Das macht mich skeptisch. Dann wollen sie Strom, um damit Strom zu erzeugen. Das weckt endgültigen Zweifel in mir. Die Nummer kenne ich schon aus der Brütertechnologie, wo mehr rauskommen sollte als reinging. Denn das habe ich von den weißen Kitteln gelernt: Beide Seiten einer Reaktionsgleichung sind gleich; darum ist es ja eine Gleichung. Aber erklären Sie das mal jemanden, der nur gelernt hat, seinen Namen zu tanzen, und ansonsten im Völkerrecht zu Hause ist.

Wie sagt noch der Norweger? „Regen bringt Segen!“ Das verstehe ich, Laufwasserkraftwerke. Katze aus dem Sack: Ich glaube nicht an ledigen Wasserstoff. Ich kann nicht denken, was grüner Wasserstoff sein soll. Ich gehöre zu den Freunden des Wassers. Und ich weiß, was Knallgas ist. Kann ich das mit dem Nuklearen bitte noch mal sehen?

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DER MARKUSLÖWE.

Der venezianische Kaufmann war zu seiner Hochzeit ein geschätzter, ja gefürchteter Zeitgenosse; als Händler im Zeichen des Löwen hatte er es zu etwas gebracht. Heute noch ist der MARKUSLÖWE Herrschaftsanspruch der italienischen Marine. Als der Ruhm schwand, wurde der Venezianer verspottet und nach der Pflanze „Löwenmäulchen“ genannt. Daher der im Französischen noch erhaltene Name für alberne Hosen, nämlich „pantalone“. Das fällt mir wieder ein, als ich das jüngste MANAGER MAGAZIN durchblättre.

„Schuster haben krumme Absätze und Schneider zu kurze Hosen.“ Der Satz stammt von meinem Herrn Vater; die Leidenschaft der Beobachtung feiner Unterschiede habe ich von ihm geerbt. Dazu gehören insbesondere die Diskrepanzen zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Wenn, wie Heine gesagt hat, Wasser gepredigt, aber Wein gesoffen wird.

Noch feiner als die gewöhnliche Doppelmoral ist ein Gefälle zwischen Profession und Persönlichkeit. Der Schneider mit den zu kurzen Pantalone. So beobachtete ich bei einem steinreichen Stahlunternehmer, der sich als Gourmet von höchster Berufung einen Sternekoch hielt, dass er gar nicht speiste, er aß nicht mal, sondern fraß in sich hinein wie die gemeine Buffetfräse. Er trank auch nicht, man ahnt es schon, sondern soff. Seine Brut ist da nicht besser. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.

In dem Magazin für gehobene Wirtschaftsberichterstattung sehe ich Bilder eines gesellschaftlichen Ereignisses im Taunus, bei dem die Publizistische Klasse sich in profanem PR übt und Unternehmer in eine Hall of Fame berufen lässt. Eine Walhalla für betuchte Eigner und ihr Verwaltungspersonal (so nennt das Aktienrecht die Vorstände der AGs, Verwalter), sprich „vanity fair“. Diesmal geehrt ein Drogist aus (nichts ist doofer) Hannover namens Zentaurus.

Ich würde über den Einzelhändler in Sachen Seife kein Wort verlieren, versuchte er sich nicht auch als Literat; der Pferdemann schreibt Kriminalromane. Das ist literarisch ein derartiger Schund, dass das Motto des Carl Valentin anzuwenden ist: „Nicht mal ignorieren!“ Aber der Laureat trägt einen Anzug, der nun wirklich der öffentlichen Empörung auszusetzen ist. Die Hose ist gute acht Zentimeter zu lang und rüscht sich an den Knöcheln in der peinlichsten Art; sie stülpt, ein Sakrileg.

Denn da irrte mein Herr Vater: Du erkennst den wirklichen Stilbruch an den ungekürzten Pantalons, den zu langen. Das hängt mit der Standardabweichung in der Proportion zusammen; zu deutsch: wenn man für seinen Bauchumfang schlicht nicht groß genug ist. Ein englischer Maßanzug kostet bei edlem Tuch gut 2k; in Hong Kong vielleicht 1k: Das ist Geld. Da mag auch ein expandierter Drogist der Sparsamkeit seiner Jugend zugetan sein und sich in gestülpten Beinkleidern als MARKUSLÖWE feiern lassen.

Ich habe einen Tipp: Von der Stange Anzug in einer sehr guten Qualität erwerben, aber eine deutliche Konfektionsgröße über dem eigenen Schnitt, vielleicht sogar zwei. Damit zur türkischstämmigen Änderungsschneiderin, die ihr Handwerk noch beherrscht. Anpassen lassen, alles, Hose wie Jacke. Dürfte so 60€ kosten. Hose mit Umschlag, noch mal 20 Ocken. Und man tritt in einen perfekten Maßanzug vor die Welt. So erspart man sich die Seifenoper des Löwenmäulchens; das wär ja schon mal was.