Logbuch

TELEFONITIS.

Als ich noch Bahn fuhr, weil die Bahn noch fuhr, habe ich mich oft über die Lauttelefonierer geärgert, die ein ganzes Abteil zum Opfer ihres Mitteilungsdranges machten. Jetzt, da sie mich auf mein Auto zurückgeworfen haben, nutze ich munter die Freisprechanlage; informiere mein Gegenüber aber darüber, ob ich allein bin. Und frag, ob es so in Ordnung sei.

Diskretion. Wir brauchen einen Comment des öffentlichen Telefonierens, dringend. Man macht ein Restaurant nicht zu seinem Büro. Punkt. Video-Calls sind der Kinderbetreuung vorzuhalten. Man spricht leise. Bitte auch die Schwerhörigen. Fasse Dich kurz.

Gerade ein Zwischenfall im Frühstücksrestaurant des Ritz Carlton (qualitativ recht gut, Bar am Vorabend dagegen eine Katastrophe). Zwei junge Spanierinnen verzichten auf Headset oder den diskreten Telefon-am-Ohr-Duktus, sondern filmen sich selbst, wie sie laut plaudern. Sie erzählen Freundinnen, wo sie gerade tolles sind. Nun ist Spanisch als solches schon unangenehm, eine Mischung aus Maschinengewehrgerattere und Lispeln, aber eine Oktave zu hoch und überengagiert, schlicht unerträglich. Ich trete mit einem Diener vor die Damen und rege höflich die Nutzung des Headsets an. Man ignoriert mich.

Da steht der Bodybuilder (im Jogginganzug beim Frühstück) vom anderen Tisch auf, baut sich vor den schnatternden Hühnern auf und wird unweigerlich mitgefilmt, während die Damen ihr Smartphone durch das Restaurant schwenken. Er sagt ihnen in ungehobeltem Vorstadtenglisch, dass er das iPhone an sich nehmen werde, wenn sie ihn noch mal ungefragt filmen. „And you won‘t get it back, bitch! Read my lips!“

Das geht natürlich gar nicht; schon gar nicht mit dem sexistischen Ton. Aber es hat was. So wie ich früher an Weiberfastnacht Schlips trug und Scheren einsammelte.

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NATIONALCHARAKTER.

Ich habe mal einer englischen Offiziersgattin auf einem Regimentsball in der Lüneburger Heide gestanden, dass ich „anglophil“ sei; das ging gründlich schief. Sie hat es für die akademische Umschreibung einer Perversion gehalten. Dabei wollte ich nur meiner Vorliebe für das kulturelle Ideal der Westminster Demokratie Ausdruck verleihen. Schon als Schüler schien mir die Heimat der Beatles und der Stones wünschenswert, als Student dann Oxbridge ein Sehnsuchtsort.

Wenn eines hoffentlich fernen Tages zu meiner Beerdigung ein Lied gespielt werden sollte, so hätte ich an „We‘ll meet again“ von Vera Lynn gedacht. Der BREXIT hat mir allerdings meinen Mythos von London als dem Herzen eines liberalen Europas zerstört; ein wenig steht meine englische Seele heute da, wie eine abgesetzte Kurtisane. Wer mich wieder für das Vereinigte Königreich gewinnen könnte, das ist KONSTANTIN KISIN, ein Meinungsjournalist edelster Art. Ein Held der freien Rede. Im Netz folgt ihm mittlerweile ein Millionenpublikum. Man kann nicht englischer sein.

Der Typ ist als Kind zugewandert. Ein Russe aus jüdischer Familie. In sauberstem lautreinen Englisch feiert er heute den WESTEN. Und beugt sich nicht dem woken Terror. Politisch schwer zuzuordnen, aber nur für Linke ein Rechter. Jedenfalls ein großes rhetorisches Talent. Biografisch ist klar, dass er seinen Nationalcharakter durch Bildung angenommen hat und nun spielt. Das gefällt mir sehr. Wir alle sollten die Freiheit haben, unseren Charakter frei zu wählen.

Und unsere Vorlieben. Die Offiziersgattin zeigte sich geneigt und verwies auf den „powder room“; eine Bedingung, man solle nicht ihre Frisur ruinieren. Alta, wie geht anglophil?

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PRESSEAUSWEIS.

Sie waren mal sehr begehrt, die Presseausweise, vor allem bei jenen, die gar keine Journalisten waren. Weil sich mit der Zugehörigkeit zu diesem Beruf Privilegien ergattern ließen, die dem selbsternannten Pressemenschen eigentlich nicht zustanden.

Was in einer Welt von Neid und Gier als menschliche Schwäche ja verzeihlich wäre. Die interessante Frage ist, welche Privilegien es da gab und warum. Ich war echt überrascht, als eine Kassiererin an einem Box Office eines Museums in meine Brieftasche lugte, den PRESSEAUSWEIS erspähte und Bezahlung ablehnte. Für Journalisten frei. Beim Autokauf gab es Prozente, den sogenannten Presserabatt.

Ein ehemaliger Chefredakteur hat mir erzählt, es gab auch bessere Autos; man habe an einem Testfahrzeug für die Presse doppelt so viele Schweißpunkte wie an der Serienkarosse entdeckt. Erhöhte Steifigkeit für ein besseres PRESSEECHO. Das Thema riecht nach Korruption. So wie beim dem Putinportrait im NDR, für das ein befreundeter Oligarch Schmiergeld zahlte.

Man müsste an dieser Stelle auf die Goldmünzen in den Handschuhfächern von Testfahrzeugen eingehen, die sich als Mythos halten. Es hat sie nie gegeben, sagen ehemalige Kollegen, alte Fahrensleute. Das glaube ich auch, dass das Thema Kruger Rands, so heißt der Taler, ein Mythos ist. Das ist besser so, dass das nicht stimmt.

Überhaupt habe ich in all den Jahren nie korrupte Journalisten als Personen gesehen; in allen Fällen, die ich beobachtet habe, ging das Geld an den Verlag, nicht in die Redaktion. Für den Journalismus ist das ein blinder Fleck, weil die Herrschaften der Vierten Gewählt ungern zugeben, dass sie abhängig Beschäftigte eines Verlegers sind. Journalisten leugnen es gern, aber sie machen alle PR, für einen Verleger.

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DER GEIST DES WEINES.

Besuch bei unserem Winzer in Contrua Castro, ein Gebirgsort kurz vor der Mündung des Kleinen Flusses in den Großen. Betriebsbesichtigung eines edlen Handwerks, das sich am Fuße der Festung in den Fels eines Städtchens gemeißelt hat, in spätrömischer Zeit und dann von Generation zu Generation wiederbelebt wurde. Man brauchte den steilen Hang der Sonne wegen und des Bodens und man brauchte die tiefen Keller, da kalt und dunkel. Man schuftet, liegt aber in Gottes Hand. Ich höre von bösem Frost und zu viel Wasser und Sonne nach der Ernte.

So weit nix neues. Bei der Verkostung das Gespräch über den ZEITGEIST. Das ganze Geheimnis liegt ja seit Cato dem Älteren in der Vergärung von Zucker zu Alkohol. Beim Zucker gibt es in der Moderne eine üble Vorgeschichte, in der man dem englischen Geschmack nach tiefer Süße durch die Zugabe von Frostschutzmittel (Glykol) nachgeholfen hat: Liebfraumilk bottled in Liverpool; habe ich selbst noch in Britannien serviert bekommen.

Jetzt heißt der Schlachtruf „trocken!“ Der Winzer erzählt, wie er erfolgreich in der VIP-Lounge von Tante Käthes Parade-Elf einen Weißburgunder mit einigem Restzucker als trocken ausschenkt. Und dafür vom VIP-Publikum geliebt wird. Die Zunge der meisten Weinfreunde ist klüger als ihr Kopf. Ich lasse mir erklären, was „feinherb“ bedeutet und bin fassungslos. Ach, verdammt mir den Fruchtzucker nicht, seufzt es in mir.

Der allerneueste Ruf geht freilich nach „alkoholfrei“, was der Plebs „antialkoholisch“ nennt. Man entzieht dem Wein, was ihn ausmacht, was seinen Geschmack trägt, den Allohol und säuft am Ende schlicht Saft oder Wasser. Wie das liebe Vieh: Gras fressen und Wasser saufen… Der Vergleich ist so schräg nicht. Im Fisch wie dem Fleisch trägt das Fett den Geschmack. Mager und trocken, vielleicht auch noch vegan? Wie das liebe Vieh. Dagegen haben die Römer einen Schutzwall gebaut. Der Limes ist eine Wein-Bier-Grenze. Heutzutage würde ich gern das frugale Gesindel aussperren.

Neben der Klage über den ZEITGEIST und seine Spätrömische Dekadenz habe ich gestern aber was gelernt, nämlich wie man guten Wein erkennt und wie sehr guten. Der passable kostet zehn € die Pulle, der gute zwanzig. Und ab sechzig wird es richtig interessant. Jetzt kenne ich mich aus. Da braucht es doch keinen Sommelier. Im Preis liegt der Geist des Weines. Wenn einem soviel Gutes widerfährt.