Logbuch
TATORTE.
Der eigenartigste Laienirrtum über das Reisen in Privatjets besteht darin, dass die noblen Passagiere spektakulär auf großen Flughäfen ankämen und shoppend durch die Parfumläden zum Ausgang schlenderten. Man landet am GAT (general aviation terminal), in der Regel eine Bruchbude ganz am Rand des Flughafens; wenn nicht auf einem bloßen Flugplatz ehedem militärischer Nutzung.
Auf einen Mandanten wartend sitze ich an einer improvisierten Bar in Biggin Hills, einem RAF-Platz eine Stunde außerhalb Londons. Zwei angetrunkene Herren debattieren den Ankauf einer Bunkeranlage an der Mosel, die die Wehrmacht heil hinterlassen habe. In der Dimension einer ganzen Fabrik. Nicht nur das konstante Klima untertage sei ideal, sondern die Höhe des Deckgebirges. Was die Truppen Hitlers und deren Rüstungsindustrie vor den englischen Fliegerbomben geschützt habe, würde nun verlässlich Aufklärung verhindern. Auch aus dem All.
Man arbeitet offensichtlich für einen Betreiber von erdumkreisenden Satelliten. Von schwarzen Netzen ist die Rede. Der erwartete Pax landet und die drei entschwinden nach einigem Hin und Her in einem herbeigerufenen Cab, dem landestypischen Taxi; ich lese die Registrierung auf der Rückscheibe. Die Piloten des Jets erzählen derweil, sie seien aus Manching gekommen. Das ist in Bayern; ich weiß, wer da eine Jagd hat. Von dem Herausgeber des Londoner Taxi-Blättchens erfahre ich am Telefon, wo die 7812 hingefahren ist. Ins Lancaster, nobler Laden. Ich kenne einen der Bartender seit Jahren, ein Waliser.
Bunker in den Weinbergen? Ich rufe einen Markscheider an und frage nach historischen Bergwerken an der oberen Mosel, die der Rüstungschef des Führers gekannt haben könnte. Er will sich schlau machen. Wartend fällt mir dann noch ein, woher ich die schäbige Kantine auf dem RAF-Fliegerhorst kenne. Sie war Kulisse im DA VINCI CODE von Dan Brown. Der Wecker klingelt, ich wache auf. Aus der Traum.
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RAUCHERECKE.
Auf dem Pausenhof meiner Penne gab es eine Raucherecke, die den Primanern zugänglich war, also besonders attraktiv für jene, die noch nicht öffentlich rauchen durften. Der Konsum von Tabak galt als Ausweis von Reife. Man schaute französische Filme, in denen schwarzer Tabak der Marke „Zigeunerin“ gepafft wurde, Zigaretten in Maispapier. Das galt als Lebensart.
Ich blicke beim Besuch eines hochmodernen Krankenhauses in einen versteckten Innenhof und sehe dort auf Getränkekästen sitzend OP-Personal in den Hygienekitteln hockend, um gierig eine Zigarette zu rauchen. Es ist das „Team Time Out“, so nennen sich heute die Narkoseärzte. Man sollte glauben, dass gerade die andere Möglichkeiten haben, sich Drogen zu besorgen. Aber man pafft.
Denn eigentlich ist die Nikotinsucht eine soziale Indikation geworden. Menschen mit einem gehobenen Sozialstatus rauchen nicht mehr. In den Büros sind sie verbannt, die Zigaretten; auf dem Bau sehe ich sie noch. Und verstärkt bei Frauen, vielleicht eine Frage der Wahrnehmung. An Schmuddelpunkten hinter Einkaufszentren und Hotels finden sie sich noch, die Raucherecken. Freilich inzwischen ohne das Charisma der großen Freiheit. Der Raucher erscheint als Junkie.
Dass die soziale Stigmatisierung des Rauchens selbst in Eckkneipen gelingt, hätte ich nie gedacht. Aber es ist so. Ich erinnere mich noch an die Zeit als bei mir eine Reizkopplung wirkte und mit dem vermaledeiten Glas zu viel auch die Nikotinsucht erwachte. Hat sich irgendwie verloren. Das soziale Stigma ist in eine Verhaltensnorm umgesetzt. Haschisch wird stattdessen legalisiert, die Droge der ewig Albernen.
Wenn sich das bei den Grünen rumspricht, werden sie uns auch die Wurst nehmen und das Steak und wir werden uns ernähren wie die Kaninchen. Insofern ist es ein Trost, dass wenigstens die Ärzte das Venengift schätzen und brav noch immer rauchen.
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MANTA GRÜN.
Farbenlehre, daran hat sich schon Goethe versucht. Und ein Psychologe namens Lüscher, der Erfinder des gleichnamigen Tests. Verlässlich ist das nicht, was da über den menschlichen Charakter vermutet wird. Der Test ist eher der Opel-Manta der Psychologie. In der politischen Farbenlehre steht gerade schwarz-grün an.
Ich habe als Demoskop dieses Indianertalent: ich höre die herantragenden Gäule mit einem Ohr auf dem Prärieboden kommen. Der neue „mainstream“ bildet sich aus dem schwarzen und dem grünen Lager. Hier sind die merkelschen Mehrheiten der Mitte. Man richte den Blick nach Nordrhein-Westfalen und Hessen. Die dortigen Ministerpräsidenten sind die Köpfe dieser Zukunft.
Auch wenn die Nation noch nicht aufspringt, wenn jemand Boris Rhein sagt oder Hendrik Wüst; die Herren können den neuen Typus. Beide sind in den Wendungen und Windungen des politischen Geschäfts erfahren, aber das ist nicht ihr Geheimnis (und sie haben eines). Die Herren sind in Seele und Gemüt tiefschwarz, zeigen es aber nicht. Man verbirgt vor dem Wähler den konservativen Kern hinter einem freundlichen Gesicht. So geht „liberal“ auch ohne FDP.
Da waltet eine intelligente Doppelstrategie, die weiß, dass die eigenen Leute schon heraushören, was den Anderen nicht auf die Nase zu binden ist. CHRISTLICH seien sie, nicht konservativ oder rechts. Aber auch das ist nur eine Metapher des Unbestimmten. Offen antisemitische Töne passieren Herrn Rhein nicht mehr (hatten wir auch schon anders), so wie Herr Wüst Muslime zu schätzen weiß (ganz im Duktus von Türken-Armin Laschet).
Wer würde besser zur Gattung dieser Chamäleons passen als die Grünen? Sie schmeißen sich in Wiesbaden wie Düsseldorf ran. Das neue Schwarzgrün vereint dann die Stimmung im jüngeren Teil der Wähler mit der bei den älteren. So entsteht ein Klima fragloser Hegemonie. Und beide, der Boris wie der Hendrik, haben die Haare schön. Ideale Schwiegersöhne. Aus dem Holz schnitzt man Kennedys.
Was mir stinkt? Das Politische diskreditiert meine ästhetische Veranlagung. Denn eigentlich ist die Mischung des Grün mit einem schwarzen Grundton meine Lieblingsfarbe: RACING GREEN. So kamen besonders edle Sportwagen daher. Jetzt ist es die Rüsselsheimer Tönung des politischen korrekten Opel. Die Mitte der Manta-Fahrer. Bitter.
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DER GEIST DES WEINES.
Besuch bei unserem Winzer in Contrua Castro, ein Gebirgsort kurz vor der Mündung des Kleinen Flusses in den Großen. Betriebsbesichtigung eines edlen Handwerks, das sich am Fuße der Festung in den Fels eines Städtchens gemeißelt hat, in spätrömischer Zeit und dann von Generation zu Generation wiederbelebt wurde. Man brauchte den steilen Hang der Sonne wegen und des Bodens und man brauchte die tiefen Keller, da kalt und dunkel. Man schuftet, liegt aber in Gottes Hand. Ich höre von bösem Frost und zu viel Wasser und Sonne nach der Ernte.
So weit nix neues. Bei der Verkostung das Gespräch über den ZEITGEIST. Das ganze Geheimnis liegt ja seit Cato dem Älteren in der Vergärung von Zucker zu Alkohol. Beim Zucker gibt es in der Moderne eine üble Vorgeschichte, in der man dem englischen Geschmack nach tiefer Süße durch die Zugabe von Frostschutzmittel (Glykol) nachgeholfen hat: Liebfraumilk bottled in Liverpool; habe ich selbst noch in Britannien serviert bekommen.
Jetzt heißt der Schlachtruf „trocken!“ Der Winzer erzählt, wie er erfolgreich in der VIP-Lounge von Tante Käthes Parade-Elf einen Weißburgunder mit einigem Restzucker als trocken ausschenkt. Und dafür vom VIP-Publikum geliebt wird. Die Zunge der meisten Weinfreunde ist klüger als ihr Kopf. Ich lasse mir erklären, was „feinherb“ bedeutet und bin fassungslos. Ach, verdammt mir den Fruchtzucker nicht, seufzt es in mir.
Der allerneueste Ruf geht freilich nach „alkoholfrei“, was der Plebs „antialkoholisch“ nennt. Man entzieht dem Wein, was ihn ausmacht, was seinen Geschmack trägt, den Allohol und säuft am Ende schlicht Saft oder Wasser. Wie das liebe Vieh: Gras fressen und Wasser saufen… Der Vergleich ist so schräg nicht. Im Fisch wie dem Fleisch trägt das Fett den Geschmack. Mager und trocken, vielleicht auch noch vegan? Wie das liebe Vieh. Dagegen haben die Römer einen Schutzwall gebaut. Der Limes ist eine Wein-Bier-Grenze. Heutzutage würde ich gern das frugale Gesindel aussperren.
Neben der Klage über den ZEITGEIST und seine Spätrömische Dekadenz habe ich gestern aber was gelernt, nämlich wie man guten Wein erkennt und wie sehr guten. Der passable kostet zehn € die Pulle, der gute zwanzig. Und ab sechzig wird es richtig interessant. Jetzt kenne ich mich aus. Da braucht es doch keinen Sommelier. Im Preis liegt der Geist des Weines. Wenn einem soviel Gutes widerfährt.