Logbuch

DES FEUERS MACHT.

Die Bergleut sein kreuzbrave Leut. Sie tragen das Leder vor dem Arsch bei der Nacht. Und saufen Schnaps.

Seit 1981 grüße ich mit Glückauf. Mein erstes Buch zum Thema ENERGIE habe ich 1985 betreut. Ich war der Ghostwriter. Mindestens so lange beschäftigt mich das Thema. Also vierzig Jahre. 1986 hatte ich erstmals mit Kernkraftwerken in der Ukraine zu tun.

Ich habe in der Zeit für Unternehmen wie Verbände in der Steinkohle gearbeitet, für Strom, Kernenergie, Öl und Gas, Erneuerbare, you name it. Meist als deren Sprecher in vorderster Reihe. Ich meinte eigentlich alles gesehen zu haben, was es an DILETANZ auf diesem Gebiet gibt. Ich habe mich getäuscht.

Den alten Kachelofen für Holzscheite, der Nostalgie wegen erhalten, sehe ich seit neuerem mit anderen Augen. Ich grüße ihn wie einen alten Bekannten, von dem man dann doch noch etwas erwartet. Glückauf, mein Freund, wir müssen wohl wieder ran.

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DAS EUROPÄISCHE HAUS.

Den Unfrieden soll ein zürnender Gott im alten Babylon in die Welt gebracht haben. Er verwirrte die Sprachen. Seitdem hilft nur noch das Polyglotte. Babbel, auf neudeutsch.

In dem Haus, das mich in Berlin beherbergt, gibt es neben drei alten Familien vier junge, sprich solche mit Nachwuchs. Bei dem wunderbaren Kind mit türkischen Wurzeln weiß ich nicht, wieviel Sprachen es spricht. Aber es gibt eine junge Frau (im Kita-Alter), mit der ich Deutsch oder Englisch reden kann; und einen jungen Mann (im Kita-Alter), der deutsch wie italienisch spricht. Man wächst zweisprachig auf. Was der gerade Eingeschulte spricht, weiß ich auch nicht, aber wir sind ein europäisches Haus von Kindesbeinen an. Das Polyglotte imponiert mir. Die Polyglotten widerstehen der babylonischen Sprachverwirrung und verständigen sich. Vorbildlich.

Was mir Sorgen macht, ist das große europäische Haus, Europa selbst. In Italien bewerben sich Postfaschisten um die Macht. Die FRATELLI sind politisch meine Brüder nicht. Und um Ratschläge zu faschistischer Politik bin ich nicht verlegen. Nicht schon wieder, könnte man fast sagen; kein Bedarf, liebe Freunde jenseits der Alpen, an FÜHRERN, auch wenn es jetzt eine Führerin ist. Man ist fast geneigt, das alte Partisanenlied anzustimmen: „Ciao bella, ciao…“ Aber ich vertraue der notorischen Instabilität italienischer Politik.

Nicht besser die Briten, die sich zu allen Seiten im absurden Mythos des Brexits verstrickt haben und in Engländer und Iren zerfallen und Schotten und was der Partikularismus sonst noch so hergibt, um sich vom Schock der Zuwanderung aus Polen zu erholen. Tragisch: die dortige Linke antieuropäisch. Ein Reich der rechtspopulistischen Possen, das kein Reich, sprich EMPIRE, mehr ist. WESTMINSTER, das dort Rechte wie Linke zerstören, war mir immer Sehnsuchtsort. Politisch ein Paradigma. Viele herrliche Urlaube. Nicht mehr.

Und die Türkei, Heimat vieler meiner Nachbarn in Moabit, hängt zwischen gewährter NATO-Mitgliedschaft und verweigerter EU-Zugehörigkeit. Wohl als Mittelmacht am Eisernen Vorhang, den die russische Regierung kriegerisch verschiebt, was sie als Selbstverteidigung wähnt. Eine Expansion westlicher Kultur, unmissverständlich postsowjetisch, wird als feindliche Hegemonie gedacht; von russischer Seite, bitte nicht auch noch von türkischer. Man sollte alle Mittelmeeranrainer als gemeinsame Kultur einen können, denke ich.

Ich könnte noch was zu Polen und Ungarn sagen, aber man kann eine Metapher auch überdehnen. Ich wünsche dem großen Haus Europa, das es wie das kleine werde: friedlich, fleißig, vielsprachig und fruchtbar.

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BENEIDENSWERT.

Zwei große Interviews nehme ich als Print mit ins Wochenende. Den einen dort Prahlenden verachte ich tief, der andere genießt meine Bewunderung. Aber beide sind Narzissten. „Ich, ich, ich…“ Beneidenswert, wer frei davon.

Alles Authentische war mir schon immer peinlich. Bitte keine Herzensergießungen. Als großer Lügner zu erscheinen, das ist des Dichters Ehre. Aber von sich selbst im Duktus der Offenbarung zu sprechen, das ist peinlich. Eitelkeit ist nur zu verzeihen, wenn sie nicht die Würdelosigkeit der seelischen Offenbarung hat. Darüber nämlich schweigt des Sängers Höflichkeit. Anders die beiden Zeitgenossen, deren Seelen-Striptease ich am Sonntag noch mal nachlesen will.

Würde hat nichts mit Wahrheit zu tun. Was die ungleichen Narzissten jeweils erzählen, es stimmt. Sachlich in Ordnung. Aber: warum? Ich, ich, ich… Der Geifer in den Mundwinkeln, das Gehetzte im Ausdruck, der Nachdruck in der Ambition. Missionare ohne Glauben, aber mit der Gier, unter allen Umständen wieder beachtet zu werden. Keine ihrer Intimitäten ist vor ihrem Hang zur Entblößung geschützt. Es fehlt ihnen der Respekt vor sich selbst. Narzissten halt.

Der Narzisst leidet unter Gier. Er wird von der Sucht getrieben, Beachtung zu finden. Es geht ihm nicht um Anerkennung; man mag von ihm halten, was man will, solange man ihn nur beachtet. Er ist so sehr auf diese Droge angewiesen, dass er auch Verachtung riskiert, wenn er nur Aufmerksamkeit erlangt. Jedes Mittel ist recht.

Der Grund für diese Bereitschaft, sich zum Gespött zu machen, liegt tief; es ist der Verlust von Selbstwert, der auf dem Verlust des Selbst beruht. Der Eitelkeitswahn basiert auf einer eigenartigen Seelenlosigkeit. Der Eitle will Bewunderung, weil er leer ist, weil er sich im Grunde selbst verachtet. Das macht es so bitter, wenn man Zeuge des Exhibitionismus dieser Geschöpfe wird. Zeigefreudig, heißt das in Kleinanzeigen. Der Zwang zu Prahlen hat sie entkernt. Maschinen, wenn nicht Monster der Beachtungssucht. Chiffren.

Nein, Namen nenn ich nicht. Ach, ich lese es auch nicht noch mal. Ab in den Papierkorb. Jungs, es tut mir leid, ich kann das nicht mehr. Zu oft habe ich Euch auf die leere Tonne namens Ego schlagen gehört. Soll wer anderer Euch Aufmerksamkeit schenken. Valete quam optime: alles Gute.

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DER GEIST DES WEINES.

Besuch bei unserem Winzer in Contrua Castro, ein Gebirgsort kurz vor der Mündung des Kleinen Flusses in den Großen. Betriebsbesichtigung eines edlen Handwerks, das sich am Fuße der Festung in den Fels eines Städtchens gemeißelt hat, in spätrömischer Zeit und dann von Generation zu Generation wiederbelebt wurde. Man brauchte den steilen Hang der Sonne wegen und des Bodens und man brauchte die tiefen Keller, da kalt und dunkel. Man schuftet, liegt aber in Gottes Hand. Ich höre von bösem Frost und zu viel Wasser und Sonne nach der Ernte.

So weit nix neues. Bei der Verkostung das Gespräch über den ZEITGEIST. Das ganze Geheimnis liegt ja seit Cato dem Älteren in der Vergärung von Zucker zu Alkohol. Beim Zucker gibt es in der Moderne eine üble Vorgeschichte, in der man dem englischen Geschmack nach tiefer Süße durch die Zugabe von Frostschutzmittel (Glykol) nachgeholfen hat: Liebfraumilk bottled in Liverpool; habe ich selbst noch in Britannien serviert bekommen.

Jetzt heißt der Schlachtruf „trocken!“ Der Winzer erzählt, wie er erfolgreich in der VIP-Lounge von Tante Käthes Parade-Elf einen Weißburgunder mit einigem Restzucker als trocken ausschenkt. Und dafür vom VIP-Publikum geliebt wird. Die Zunge der meisten Weinfreunde ist klüger als ihr Kopf. Ich lasse mir erklären, was „feinherb“ bedeutet und bin fassungslos. Ach, verdammt mir den Fruchtzucker nicht, seufzt es in mir.

Der allerneueste Ruf geht freilich nach „alkoholfrei“, was der Plebs „antialkoholisch“ nennt. Man entzieht dem Wein, was ihn ausmacht, was seinen Geschmack trägt, den Allohol und säuft am Ende schlicht Saft oder Wasser. Wie das liebe Vieh: Gras fressen und Wasser saufen… Der Vergleich ist so schräg nicht. Im Fisch wie dem Fleisch trägt das Fett den Geschmack. Mager und trocken, vielleicht auch noch vegan? Wie das liebe Vieh. Dagegen haben die Römer einen Schutzwall gebaut. Der Limes ist eine Wein-Bier-Grenze. Heutzutage würde ich gern das frugale Gesindel aussperren.

Neben der Klage über den ZEITGEIST und seine Spätrömische Dekadenz habe ich gestern aber was gelernt, nämlich wie man guten Wein erkennt und wie sehr guten. Der passable kostet zehn € die Pulle, der gute zwanzig. Und ab sechzig wird es richtig interessant. Jetzt kenne ich mich aus. Da braucht es doch keinen Sommelier. Im Preis liegt der Geist des Weines. Wenn einem soviel Gutes widerfährt.