Logbuch
ANZUG. ANSTÄNDIGER.
In den Nachrichten: Er kommt aus der Mode, der Anzug. Gemeint ein maßgeschneiderter Anzug mit Weste. Ein Kulturbruch.
Die Börse wertet klassische Anzugschneider ab. Die Mode sei vorbei. Früher haben sich die Hugo Boss dieser Welt dann mit Uniformen über Wasser gehalten. Aber selbst in Kriegsdiensten achten sie nicht mehr auf den Habit. Auch da trägt man jetzt T-Shirt. Der Anzug ist out.
Der legendäre Bertolt Beitz hat als Motiv seiner ersten Erwerbstätigkeit genannt: Ich brauchte einen anständigen Anzug. Das war die Grundausstattung des Herrn. Dazu weißes Hemd mit Manschetten und Krawatte. Schwarzer Pferdelederschuh, Spitzen eisenbeschlagen. So wurde man was.
War meine erste Anschaffung nach dem Studium: ein Dreiteiler mit Nadelstreifen. Eher leichter Mafia-Stil als englischer Banker. Ehrlich gesagt von P&C, so einem etwas edleren C&A, aber Schurwolle. Ich trug ihn vor dem Standesamt. Da sollen heutzutage Herren in „Smart Casual“ auftauchen und in Turnschuhe schlurfen. Kunstfasern bevorzugt. Ich habe es hier schon mal gesagt: Mit Freizeitklamotten gehe ich in die Sauna, aber doch nicht als Freiender (das ist nicht die gegenderte Form von „Freier“, sondern ein echtes Partizip Präsenz).
Der englische Geschäftsanzug aus der Saville Row kostete immer schon zwei oder drei Monatsgehälter des gehobenen Angestellten. Der adelige Gentleman hatte einen Butler gleicher Statur, damit dieser seine Neuware eintragen konnte. Ungetragen galt als neureich. Die Wolle musste mal in den Regen gekommen sein, zumindest schottischer Nebel. Die Queen hat angeblich eine Zofe, die ihre Schuhe einträgt.
Wo bestelle ich meine Anzüge, damit sie bezahlbar bleiben? Bei einem indischen Schneider in Hong Kong; früher. Mail Order bei Pete’s Fashion in Kowloon. Jetzt habe ich einen Inder in KL; noch günstiger. Was in London inzwischen 8k oder mehr kostet, macht der für zwei Glatzen. Frische umgeknickte Scheine. Lieber Euro als Greenbacks, so haben sich die Zeiten auch in Asien gewandelt.
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SHERPA. MELANCHOLIE.
Wer wichtigen Leuten das Gepäck auf den Gipfel schleppt und wem die dünne Luft ganz weit oben noch reicht, den nennen sie SHERPA. Da klingt Anerkennung raus, die eigentlich Verachtung ist. Beides.
Berater sind die Sherpas der Mächtigen. Kein internationaler Gipfel, der nicht von Sherpas vorbereitet würde. Eigentlich haben sie das Sagen, bevor die das Sagen haben, die das Sagen haben. Übrigens auch keine Friedensverhandlungen ohne Sherpas. Distinguierte Herrschaften im Dienst ihrer Regierungen. Der Auswärtige Dienst. Die Welt der Diplomatie. Sie hat einen Glanz, der im Kern Sklavenstolz ist. Legionärsehre. Die Berufskrankheit ist Melancholie.
Das Wort Sherpa meinte zunächst ein Bergvolk in Tibet, das berühmt wurde, als es englische Alpinisten auf den Mount Everest verhalf. Sie schleppten Ausrüstung in die Basislager und einige Stars unter den Sherpas begleiteten die Gentlemen auf die Spitze. Ein abstruser Sport, dem ich noch weniger abgewinnen kann, seit ich einen Abend mit Reinhold Messner verbracht habe und seinen Erzählungen lauschte. Ein sehr kaltes Herz. Er hat etwas von einer Maschine. Ein Avatar. Sein Ruhm ist mir fremd.
Italienreise. Noch im 19. Jahrhundert trugen südtiroler Bergsteiger gutgestellte Reisende auf ihren Schultern über den Groß Glockner. Mit einem Lederriemen aufgeschnallt wurde die Herrschaft gebuckelt und dann über Stock und Stein auf die andere Seite der Alpen geschleppt. Lebende Rucksäcke. Meist standen die mittellosen Knechte in den Diensten von Schweizern, die den guten Groschen gegen karges Brot und Schnaps tauschten. Noch heute spürt man in Südtirol, was das in den Seelen der Geschundenen anrichtete. Die Liebe zum Schweizer Bauern ist nicht sehr groß. Viele kalte Herzen hier im Alto Adige. Heute nährt sie die Äpfelmafia, deren Pestizidexzesse kurzatmig machen.
Frei atmen kann man eigentlich erst, wenn der Po erreicht ist. Das Mensch sein, das beginnt in der Toscana.
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INDISKRETION.
Über Privates tratscht man nicht. Vertrauliches hinterträgt man nicht. Der kleine Verrat ist moralisch so übel wie der große. Indiskretion ist verachtenswürdig.
Viel gelernt diese Woche. Eine Journalistin verteidigt, nach Vorhaltung durch eine Berufskollegin, den Vorstandsvorsitzenden der Springer AG, als eine im Privaten gefallene Äußerung des Granden gegen ihn verwendet werden soll. „Wer hat nicht schon mal im Privaten völligen Mist gesagt? Das verwendet man nicht.“ Sie hat recht.
Ein Lobbyist, zweites Ereignis, fordert einen beamteten Staatssekretär im Bundeskanzleramt auf, die Vertraulichkeit einer internen Arbeitsgruppe der Ampelkoalitionäre zu brechen. Der weigert sich. Ansprache: „Ach komm, da kann man doch mal eine Ausnahme machen.“ Sagt jemand, der früher für die Vergiftung mancher politischer Kreise mittels Durchstechen verantwortlich war.
Wüsste man jetzt gerne, wer die beiden Journalistinnen waren und wer der Lobbyist? Wieso ich zwei davon ein Vierteljahrhundert kenne, aber aus ganz unterschiedlichen Welten und die Tischmanieren des Herren unter aller Kanone sind? Das wüsste man vielleicht gerne. Oder auch nicht. Aber da gibt es hier keine STILLEN NACHRICHTEN.
Drittes Lernerlebnis der Woche. Stille Nachrichten? Das ist, höre ich, ein Zitat von dem legendären Friedel Neuber, dem Chef der Landesbank WestLB, der den Firmenflieger immer voller Fernet Branca hatte, wenn sie mit der halben Landesregierung das vertrauliche Ibiza-Wochenende machten. Friedel nannte seine Indiskretionen „stille Nachrichten“. Und mein Confident ist sich nicht sicher, ob die Flugbegleiterinnen wirklich Stewardessen waren. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
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DER GEIST DES WEINES.
Besuch bei unserem Winzer in Contrua Castro, ein Gebirgsort kurz vor der Mündung des Kleinen Flusses in den Großen. Betriebsbesichtigung eines edlen Handwerks, das sich am Fuße der Festung in den Fels eines Städtchens gemeißelt hat, in spätrömischer Zeit und dann von Generation zu Generation wiederbelebt wurde. Man brauchte den steilen Hang der Sonne wegen und des Bodens und man brauchte die tiefen Keller, da kalt und dunkel. Man schuftet, liegt aber in Gottes Hand. Ich höre von bösem Frost und zu viel Wasser und Sonne nach der Ernte.
So weit nix neues. Bei der Verkostung das Gespräch über den ZEITGEIST. Das ganze Geheimnis liegt ja seit Cato dem Älteren in der Vergärung von Zucker zu Alkohol. Beim Zucker gibt es in der Moderne eine üble Vorgeschichte, in der man dem englischen Geschmack nach tiefer Süße durch die Zugabe von Frostschutzmittel (Glykol) nachgeholfen hat: Liebfraumilk bottled in Liverpool; habe ich selbst noch in Britannien serviert bekommen.
Jetzt heißt der Schlachtruf „trocken!“ Der Winzer erzählt, wie er erfolgreich in der VIP-Lounge von Tante Käthes Parade-Elf einen Weißburgunder mit einigem Restzucker als trocken ausschenkt. Und dafür vom VIP-Publikum geliebt wird. Die Zunge der meisten Weinfreunde ist klüger als ihr Kopf. Ich lasse mir erklären, was „feinherb“ bedeutet und bin fassungslos. Ach, verdammt mir den Fruchtzucker nicht, seufzt es in mir.
Der allerneueste Ruf geht freilich nach „alkoholfrei“, was der Plebs „antialkoholisch“ nennt. Man entzieht dem Wein, was ihn ausmacht, was seinen Geschmack trägt, den Allohol und säuft am Ende schlicht Saft oder Wasser. Wie das liebe Vieh: Gras fressen und Wasser saufen… Der Vergleich ist so schräg nicht. Im Fisch wie dem Fleisch trägt das Fett den Geschmack. Mager und trocken, vielleicht auch noch vegan? Wie das liebe Vieh. Dagegen haben die Römer einen Schutzwall gebaut. Der Limes ist eine Wein-Bier-Grenze. Heutzutage würde ich gern das frugale Gesindel aussperren.
Neben der Klage über den ZEITGEIST und seine Spätrömische Dekadenz habe ich gestern aber was gelernt, nämlich wie man guten Wein erkennt und wie sehr guten. Der passable kostet zehn € die Pulle, der gute zwanzig. Und ab sechzig wird es richtig interessant. Jetzt kenne ich mich aus. Da braucht es doch keinen Sommelier. Im Preis liegt der Geist des Weines. Wenn einem soviel Gutes widerfährt.