Logbuch
KATERSTIMMUNG.
Einen Kater haben, ohne dass Party war: welch eine banale Frustration. Ich bin zum Gähnen zu müde. Das politische Personal der Mitte steht rum, gleich einer Versammlung von Trotteln, notorisch ohne Fortune. Ich mag diese abgeschmackte Mittelmäßigkeit nicht mehr sehen. Schaltet ihn ab, den Scholzomaten, bitte Stecker raus.
Die politische Landschaft gleicht einem erloschenen Vulkan: Die Ränder sind gestärkt, in der Mitte klafft ein Loch. Die Rechtsradikalen verdoppeln sich; auch die Linksradikalen überraschend stark (das Lafontainsche Abenteuer mit seiner privaten Kommunistin erstaunlich gut überlebt). Aber aus der Mitte des Vulkans keine Lava, nur der schlechte Atem einer schlappen Union, die sich von den Restsozen stützen lassen muss. Kein Feuer im Vulkan; es riecht aus dem Schlund eher nach Sickergrube.
Man könnte frohlocken, dass der grüngraiche Alptraum beendet und die Trauzeugen bald wieder Hartz-Vier-Aufstocker sind, aber so einfach ist das nicht. Erstens haben die Grünen, wenn man sie am Staatsterror hindert, einen programmatischen Punkt; zweitens sehe ich hinter Fritze Merz die Idealen Schwiegersöhne der Union noch immer hoffnungsfroh auf ihre grünen Bräute schauen. Noch hat es sich nicht ausgebärbockt.
Zwei Details, die mir persönlich beachtlich scheinen. Im Westerwald, meiner ländlichen Heimat, ist eine fleißige und sympathische Direktkandidatin der SPD dem Trend zum Opfer gefallen; schade. In meiner Metropole Berlin hat die AfD es in einem Wahlkreis zur stärksten Kraft geschafft; böse. Und ein Drittes: Dass das Ergebnis der FDP von mickrigen 5% (plus x) im amtlichen Endergebnis auf 4,3% runterkorrigiert werden musste, blamiert mich als Demoskopen. Kater ohne Party. Auf Entzug.
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DAS WUNDER DER WURZELN.
Vom Haus der Bundespressekonferenz schlendre ich im streikgelähmten Berlin rüber zur Charité und halte kurz inne am Karlplatz; nicht wegen des Arztes Virchow, der hier brav in Sandstein steht. Eine kleine Tafel verweist auf den dortigen Baumbestand und Bert Brecht, der über die Pappel Anfang der fünfziger Jahre schrieb:
„Eine Pappel steht am Karlsplatz
Mitten in der Trümmerstadt Berlin
Und wenn Leute gehn übern Karlsplatz
Sehen sie ihr freundlich Grün.
In dem Winter sechsundvierzig
Fror’n die Menschen, und das Holz war rar
Und es fielen da viele Bäume
Und es wurd ihr letztes Jahr.
Doch die Pappel dort am Karlsplatz
Zeigt uns heute noch ihr grünes Blatt:
Seid bedankt, Anwohner vom Karlsplatz
Dass man sie noch immer hat!“
Brecht hat sein bescheidenes Gedicht „Kinderlied“ genannt; das war aber nur zur Täuschung der Zensur. Hier ist böser Spott über die DDR-Diktatur und ihren „Bitterfelder Weg“, der schließlich bitter endete. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
Hinter der dichterischen Freiheit, die aus dem profanen Karlplatz den edlen Karlsplatz machte, liegt die hässliche Wirklichkeit, dass die Pappeln immer wieder abgehauen wurden, noch in den Siebzigern; aber stets neu austrieben. Kein Verdienst der Baumschulen, die sich dessen rühmen, sondern eines gewaltigen Wurzelwerkes. Bäume prahlen mit ihren Kronen, leben aber von ihren Wurzeln.
Wer untertage mächtig, kann übertage zur Sonne streben. Der Gedanke hätte Brecht gefallen. Habe ich bei Luther geklaut. Von wegen Apokalypse und Apfelbaum. An der Charité angekommen, denke ich daran, dass der große BB hier verstarb. Nicht ohne Wurzeln zu hinterlassen.
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WELTFLUCHT.
Ich lese, wenn im Anflug auf ein Restaurant, niemals die Kommentare auf Guggel oder im Träffel-Ettweiser. Hier tobt die Querulanz und man erfährt etwas über den miesen Charakter des Rezensenten, niemals aber verlässliches über die Lokalität. Vor allem aber vermisst man HEITERKEIT. Der unzufriedene Gast ist immer ernst; es ist ihm ernst. Er hat den Charakter der Leberwurst. Der mittelalterlichen Medizin galt die Leber als Organ der Lebenssäfte; was heute dem Herzen oder den privaten Organen zugerechnet wird.
Es gibt wenig Hotelrestaurants, die wirklich funktionieren; aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte. Der Niedergang jedes Lokals beginnt zudem damit, dass der Gastraum zum Wohnzimmer der Belegschaft wird. Ich habe hier eine Eckkneipe mit Außentischen, deren erster von Spülhilfe und Koch zum Rauchen genutzt wird. Ohnehin eine Plage, die Tabak-Junkies im Eingangsbereich; hier dann die Küche mit Service beim Perzen und Witzeerzählen, während im Lokal das Geschäft hängt. So wird das nichts.
Sitze gestern in einem noch leeren Hotelrestaurant; aber unangenehm lautes Palavern aus der Küche, im Lokal unüberhörbar. Man nimmt keine Rücksicht. Klar, das einzige, was wirklich stört, ist der Gast. Man macht zudem auf moderne asiatische Küche. Ich habe nichts gegen Fusionsküche; selbst nicht, wenn der Vietnamese Lamm mit Ente anbietet. Man nimmt ja jetzt so cross-over-Gerichte. Ich berichte aus dem DONG A in Tiergarten; sehr laute Küche, aber kein übler Laden. Es gab eine fein aufgeschnittene Entenbrust mit sauscharfem Gemüse. Auch die Spicy Beef Roll zu empfehlen; hatte ich statt Dessert. Da verstand ich dann endlich „Ente Schaf“.
Es ist Zeit, sich von den Widerlichkeiten der Welt und den Plattitüden der Politik wieder den famosen Dingen zuzuwenden. Bis hin, von mir aus, zu Heiterkeiten, und seien es Witze. Kann ich mal Pause von der permanenten Propaganda haben? Habe neulich schon über Kloster nachgedacht. Kapuziner Kresse züchten. Brot brechen, Wein trinken. Von mir aus auch Ente scharf.
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DER SCHLÜSSEL.
Volkswagen ist ein Thema und die Medien gieren nach Nachrichten und Kommentaren. Auch auf meiner Mailbox Nachfragen, ob ich Näheres wüsste oder mich in Talkshowsesseln räkeln möchte. Nein. Das mache ich prinzipiell nicht. Aus Respekt vor den aktiven Kollegen. VW steht vor großen Herausforderungen, vielleicht den größten. Alle Beteiligten. Ich drücke die Daumen, wünsche Glückauf und halte die Klappe.
Die einschlägigen Automobilpäpste mögen das anders halten, das ist ihre professorale Freiheit, über Dinge zu plappern, die sie nicht mal halb verstanden haben. Geschenkt. Aber die Öffentlichkeit sollte doch ein Gefühl haben, wo der Hase im Pfeffer liegt. Am Sonntagabend meldet sich in meinem Auto eine Nachricht im Display; ich möge bitte die Batterie im Funkschlüssel erneuern. Wenn der Audi was sagt, höre ich zu (pun intended). Also suche am Montag die Markenwerkstatt auf und stelle mich in die Schlange vor dem Teileverkauf.
Der freundliche Schrauber setzt mir die neue Knopfzelle gleich ein und schickt mich an die Kasse. Ich habe 5,41 € zu zahlen. Für eine Knopfzelle, die beim asiatischen Herstellen keine 10 Cent kosten dürfte. Ich lese auf meinem Schlüssel „Huf“; das kenne ich aus meiner Jugend im Niederbergischen. Huf ist kurz für Hülsbeck und Fürst, eine Gießerei in Velbert, die seit hundert Jahren Schlösser macht. Ich erinnere die, weil sie eine hübsche Tochter hatten, und staune, dass sie die Transformation vom Temperguss zum Elektronikhersteller geschafft haben. So ist der Gang der Dinge, aus der Metallverarbeitung in die Elektronik. Aus Niederberg in die Welt.
Die Karre hat fünf oder sechs Schlösser, die ich mit Fingerdruck schließe und wie von Geisterhand öffne, weil das Funkbiest in meiner Hosentasche schlummert. Was übrigens auch der grimmige Dieb weiß, der an Autos kommt, die sich nächtens aus der Garage mit dem Schlüssel im Flur unterhalten und dabei zu belauschen sind. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte. Gesamtkosten des Schließsystems, ich habe keine Ahnung, aber sicher ein Tausender. Bei BMW, erzählt mir ein Freund, kriegst Du dafür zwei neue Außenspiegel (in denen die Rundumkamera schlummert); die waren ihm gezielt geklaut worden.
Es ist unsere Bequemlichkeit als Kunden, die eine technische Aufrüstung anheizt, die aus einem gebogenen Blech mit Rädern ein Ensemble von Computern macht, das nur noch ein sehr guter Rechner steuern kann, während ein recht schlechter das Lenkrad hält. Ich habe das Bild der Velberter Schleifer noch im Kopf, die bedeckt mit Metallstaub auf ihren Böcken saßen, kistenweise Bier soffen und Gussteile entgrateten; dazu braucht es heute einen Kybernetiker. Das ist der technologische Sprung.
Das andere ist die Inflation. Fünf Euro sind nach richtigem Geld zehn Mark. Für eine Scheißbatterie. Nun, der Kaffee, den ich mir nach meinem Werkstattbesuch beim Bäcker geholt habe, kostet 4,80 €; auch zehn Mark. Für ne Tass Kaff. Fazit? Eine Binse. Wir sind zum Strukturwandel gezwungen; das ist der Schlüssel.