Logbuch
HEGEL FIRST.
Ich lese das HEGEL-Buch von FAZ-Herausgeber Jürgen Kaube, das heißt, ich höre es als Hörbuch. Eine fleißige, nicht immer begnadete Arbeit, die brav vorgelesen wird. Ein chronologisches Konvolut. Monoton in Stoff wie Ton. Wenn man sich da so durch den deutschen Idealismus quälen muss, das braucht Geduld und Nerven. Nur ab und an findet der Autor aus dem Nacherzählen ins Erzählen. Wenn er auf HÖLDERLIN kommt, zum Beispiel. Aber das Buch war schon geschrieben, also muss er beim dem schwerfälligen HEGEL bleiben.
Ja, wann erzählt er, statt nur nachzuerzählen, das war die Frage. Zum Beispiel in dem Moment, wo er sich fragt, wenn er HEGEL mit einem Tier vergleichen müsste, welches er dann wählen würde. Wir sind beim jungen HEGEL, der sich noch schwer damit tut, dass sein Bildungsgang ihn zu einer Ausbildung als Pfarrer zwingt. Er will aber weder den Beruf, noch das Amt, noch den Glauben. Also quält er sich mit dem VERNUNFT-PRINZIP durch das Unvernünftige, auf der Suche nach einer „vernünftigen Volksreligion“. Ein Himmelfahrtskommando (pun intended).
Was nennt Kaube? Ein Murmeltier oder einen Wiederkäuer. Das ist gemein. Ja, HEGEL ist den harten Weg gegangen, aber er ist, Marx sei mein Zeuge, der ELEFANT oder der WAL oder der SEEADLER, aber eine metanverblasende Kuh?
Die Philosophen unserer Tage sind ohnehin Zwerge auf den Schultern von Riesen; davor steht MARX als Linkshegelianer auf denen von HEGEL; jedenfalls dem Heidelberger und Berliner Hegel. Aber vielleicht kommt das in meinem langweiligen Hörbuch ja noch. Ich hab noch einige Stunden zuzuhören.
Logbuch
STILLE FREUDE.
Seit es die SOZIALEN MEDIEN des Internets gibt, kann jedermann plappern; es ist „gesellschaftlich“ laut geworden. Die Menschheit ist mitteilsam. Streitsucht und Geltungsdrang. Vieles ist peinlich. Alles zu laut. Hier nun eine STILLE FREUDE. Ein großer Publizist, mit dem ich einen freundschaftlichen Umgang gepflegt habe und pflege, hat seine Autobiographie vorgelegt. Ein sechshundert Seiten mächtiges Buch. Ich habe es sofort gekauft. Darin komme ich nicht nur namentlich vor, sondern explizit ein Ereignis, dessen Zeuge ich war.
Eigentlich mehrere Ereignisse, vielleicht sogar ein historisches Kapitel. Und ich war nicht nur passiver Zeuge, sondern eher „Impressario“; das räumt das Buch ein, aber mehr zu sagen, ruinierte die Stille. Die entsprechenden Episoden stehen im Zusammenhang mit der sogenannten LOPEZ-AFFÄRE von VW und KLAUS LIESEN wie FERDINAND PIËCH, deren Pressechef ich damals war. Beiden möge die Erde nicht zu schwer werden.
Erstens weiß ich jetzt, dass der Autor damals heimlich Tagebuch geführt haben muss , sonst könnte er sich nach dreißig Jahren nicht so detailliert erinnern. Die Details stimmen, die Zitate wirklich wörtlich. Beachtlich. Abweichung im Detail: Alle haben in der legendären Nacht Rotwein getrunken, exzessiv, aber einer nur Wasser. Vier Liter, ohne die Toilette auszusuchen. Aus Furcht, etwas zu verpassen. Der Kellner machte mir gegenüber eine Bemerkung zu dessen Blase. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
Zweitens aber sehe ich, wie der Autobiograph den Dingen seinen SPIN gibt. So nennt mein Berufsstand („Spin Doctor“) den Dreh, den man Ereignissen gibt, damit sie einen gewünschten Sinn hergeben, sprich so plausibel werden, wie man sie gern plausibel hätte. Der Autobiograph macht das selbstironisch und mit geschickter Hand.
Also, ich sehe die Interpretation, die der berühmte Publizist einem von mir begleiteten Ereignis geben möchte. Ja, es gibt eine DIFFERENZ-QUALITÄT in unseren Erinnerungen, aber keine, über die ich reden würde. Das ist, was ich meinte, eine stille Freude.
Logbuch
WENN ES AN PR FEHLT.
Im Jahre 64 nach Christi Geburt, genauer gesagt am 19. Juli, es war Vollmond, haben die Christen unter Anführung von Petrus und Paulus, den Aposteln, das damals noch abergläubische Rom angezündet. Die Stadt brannte eine ganze Woche lang nieder, neun von dreizehn Vierteln bis auf die Grundmauern zerstört. Man hat versucht, diese Untat dem allseits beliebten ERSTEN BÜRGER ROMS („princeps“) Nero in die Schuhe zu schieben und behauptet, er habe sie in Brand gesetzt und sich darüber amüsiert und dazu auf seiner Harfe gespielt und gesungen. Man machte aus ihm einen irren Pyromanen. Das könnte GESCHICHTSKLITTERUNG sein.
Denn Nero war bei Ausbruch gar nicht in der Stadt, er war auf Urlaub in Antium, an der See, und im übrigen einer der Hauptgeschädigten des Feuers. Ein beliebter Anführer. Er war im Volke hochgeachtet, auch nach dem Brandt. Seine Rache an den brandstiftenden Frühchristen und ihren apostolischen Anführer war allerdings böse. Er ließ ihnen Schafsfelle aufbinden und sie von Hunden durch die Stadt jagen. Danach wurden sie, wie damals dort Usus, gekreuzigt und zu lebenden Fakeln. War so damals.
Die Passage im Werke des ehrbaren TACITUS, in der er die „chrestiani“ als Brandstifter nennt, ist historisch das erste Dokument, in dem die Sekte aus dem Judaismus, das spätere Christentum, so in lateinischer Schrift benannt ist. Immerhin, TACITUS! Schwer vorstellbar, dass dies ein Fälschung ist. Nero hat übrigens nach dem Feuer die Wirtschaft Roms wieder angekurbelt, indem er sich einen riesigen Palast bauen ließ, das Goldene Haus. Aber es fehlte wohl an klugem PR. Das Reputationsproblem, das er bis heute leider hat, wäre eigentlich zu vermeiden gewesen.
Logbuch
ZWEI SEELEN, ACH.
Wo sonst? Wo treffen sich Jungs, wenn sie Zeit haben? Im Baumarkt. Bei Obi spricht mich ein LESER an. Vordergründig verlegen freut mich das natürlich. Man weiß ja nie, wen man erreicht. Das Logbuch erscheint auf drei Plattformen der Sozialen Medien, ich schätze mit insgesamt 3000 regelmäßigen Beziehern und verzeichnet auf der Homepage inzwischen 1662 Glossen. Das ist viel, weil es mich persönlich freut, und herzlich wenig, wenn man sonstige Zahlen aus dieser Welt kennt. Aber man lebt als Autor in der Furcht vor dem Urteil seiner Leser. An zehn oder zwanzig davon denke ich besonders. Zwei, drei fürchte ich.
Die Glossen im Logbuch entstehen als Frühsport, meist bevor der Betrieb bei uns losgeht; die erste meiner wunderbaren Kolleginnen ist um sechs am Start. So entstand eine Leser-Gemeinde. Der älteste unserer Zunft ist dreihundert Jahre dabei, ein Professor in Königsberg. Sein Verleger saß in Riga im Lettischen. Man muss politisch anmerken, dass die ostpreußische Metropole heute Russland ist und Lettland entschieden nicht. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
Von Immanuel Kant will ich folgendes erzählen: Er war eine sehr liberale Seele und hat Geistlichen zugebilligt, dass sie den Gepflogenheiten ihrer jeweiligen Kirche bei dem folgen, was sie von der Kanzel predigen. Da dürfe man schon mal fünf gerade sein lassen. PR erlaubt. Rigoros war er bei jener Literatur, mit der man unter die Augen seiner LESER trete; dort walte der Geist der Aufklärung. Wahrheitsgebot. Sein Verleger Hartknoch war übrigens engagierter Freimaurer.
Wir unterscheiden seit dreihundert Jahren beim aufgeklärten Menschen zwei Seelen (in einer Brust). Da ist der Bürger als politisches Wesen (citoyen) und der Bürger als ökonomisches (bourgeois). Der Revolutionär und der Spießer. Der erste fährt ein Batterie-Auto, der zweite einen Verbrenner. Der erste will grünen Strom, der zweite französische Kernkraft. Oder noch lieber russisches Gas. Der erste wählt grün oder rot, der zweite schwarz oder gelb.
Wer von dem Citoyen etwas will, ist gut beraten, es dem Bourgeois leicht zu machen. Man nennt das neudeutsch „nudging“, was so was wie „anfüttern“ meint. Oder „deficit spending“, wenn es im großen geschieht. Darf ich mal fragen, was sich die Politik bei der Streichung der Förderung für Elektromobilität genau gedacht hat? Oder bei der Schuldenbremse? Und so rutschen wir hier jeden Morgen vom Banalen ins Grundsätzliche, manchmal auch andersherum.