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MORAL. GRUNDSÄTZE DER.

Wer feste Werte hat, kann hart urteilen. Woher aber kommen die Tugendwerte? Aus dem Wissen um die Sünde. Weil man ihr eben auch erliegen würde. Der ist rigoros gegen andere, wer die Versuchung zuvor in sich verspürt.

Kurz zur Vorgeschichte um eine gewisse Connie Chatterley: Die der Lebensfreude zugeneigte Gattin wendet sich von dem kriegsversehrten und daher impotenten Herrn des Hauses affektiv ab zugunsten eines etwas proletigen, aber wirkmächtigeren Jägers und wird von eben diesem schwanger, was der Gatte als eher nebensächlich hinnimmt, weil er den Erben als Kuckuckskind zu akzeptieren gedenkt. Ein Erfolgsroman. Erst in der dritten Version ist diese eigentlich schlichte Geschichte mit expliziten Schilderungen sexueller Vorgänge angereichert worden. Wie schon mein Freund Jürgen sagte: „A tergo in Ehren/ Kann niemand verwehren.“

Das Werk galt als obszön und zwar zu Zeiten als dieses geschmackliche Urteil noch moralisch war und obendrein ein Verbot rechtfertigte. Wir sind im England des Jahres 1959. Die Anklage gegen das obszöne Werk führt der ehrenwerte Mervyn Griffith-Jones QC und er verliest im Plädoyer im Old Bailey vor einer Jury eine Passage mit der ausführlichen Beschreibung der „sensation of anal intercourse without spelling out what it is“. Er tut dabei so, als verstehe er nicht. Am Rand des vom ihm gelesenen Buchexemplars steht aber, so die neuste Forschung, als seine Notiz „buggery“. Ein Klartextausdruck. Doppelmoral.

Gefragt, wie er, der Sittenwächter, entscheide, was so obszön sei, dass der Staat einzuschreiten habe, sprich wann Pornografie klagewürdig werde, hat der ehrwürdige Mervyn Griffith-Jones QC geantwortet, er lese, was ihm von seinen Staatsanwälten vorgelegt werde; wenn er dabei eine körperliche Reaktion habe, dann klage er an („if I get an erection we prosecute“). Was zu beweisen war.

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EINHOLEN.

Früher holte man, was jetzt gebracht wird. Einkauf hieß Einholen, nicht Bringenlassen. Fundamentaler Wandel von EINZELHANDEL. Ein Heer der Bringdiener flutet die Städte. Auf dem Land nicht minder: bis zu sechs Dienste am Tag.

Viele junge Männer in ebenso vielen Mercedes-Transportern verstopfen wildparkend die Straßen; sie eilen mit Paketkarren von Tür zu Tür: Amazon ergießt sein Glück aufs Land. Als ich noch bei der Post urlaubsjobbte (Briefzusteller) hießen diese Kollegen PAKETBULLEN. Kein Ehrentitel. Kräftig sollten sie sein, nicht schlau.

Während hier neue Beschäftigung für junge Männer entsteht, muss sie für Verkäuferinnen (ich meine Frauen) im sterbenden Einzelhandel verloren gehen. Die immer pissige Karstadt-Verkäuferin sieht schon entsprechend grundfrustriert aus. Und die Innenstädte mit Fußgängerzonen als Einkaufsmeilen geplant, werden veröden. Leerstände an Lokalen sind in Wohnungen zu wandeln: so wie Büros, deren Funktion das HOME OFFICE erledigt hat. Neue Städte entstehen, ödere.

Während ich über diesen sozialen Wandel sinniere, komme ich auf dem Nachhauseweg an einer Muckibude vorbei und sehe hinter der verglasten Front die Laufgeräte rammelvoll. Die COUCH POTATOES simulieren an Automaten jene körperliche Aktivität, die sie auf den PAKETBULLEN delegiert haben. Das hat etwas spätrömisches: weil die Sklaven schuften, treiben die so entlasteten Herren Sport in solchen Galeeren. Zur Kompensation des Verlustes der natürlichen Bewegung.

Übrigens wären die Dieseltransporter die ideale Anwendung für Batterieautos, weil Nahbereich mit periodischer Nutzung. Das ist das Segment. Nicht Limousinen, Nutzfahrzeuge, zumal Kleinlaster, wären ideal für Batterien. Aber das Thema haben ein Professor aus Aachen und die gelbe Post schon ruiniert. Tragisch. Weil eine richtige Idee für eine Industrie nicht in die Hände von Bastlern gehört. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.

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KESSELFLICKER.

Guter Geschmack zeigt sich im Dezenten. Er ist nie grell und nie laut. Immer zurückhaltend. Also langweilig. Schlechter Geschmack dagegen kennt keine Grenzen.

Boris Johnson steht auf einem internationalen Gipfel isoliert. Niemand will mit dem Brexit-Clown auf einem Foto landen. Lese ich in der englischen Presse. Ich lese dort auch von dem Boxer Big Willi, der Handschuhe, wohl gemerkt Boxhandschuhe, verschmähte, also ein BARHANDBOXER, dass er eine Geburtstagsfete seiner Gattin auf Malle nicht überlebte und im Protz und Prunk der Travellers beerdigt wurde. Ein irischstämmiger Traveller. Deren Ruf ist etwa so wie der der Sinti und Roma auf dem Kontinent früher war. Die Sesshaften diskriminieren die Nomaden, worauf diese mit Stolz und Übertreibung reagieren. GETTO-PROTZ. Neuerdings Exempel des wirklich schlechten Geschmacks, also hoch interessant.

Travellers sind historisch Nomaden in Irland, die englische Kolonialisten im 17. Jahrhundert zu einer Existenz auf Planwagen und an den bitteren Rand der Gesellschaft gezwungen hatten. Seit einigen Jahren kommt es wieder zu Sesshaftigkeit, auch in England, dort am untersten Ende der Urbanität. Kesselflicker. Da unbeschult sind die Familien meist analphabetisch und gelegenheitsarbeitend, aber kinderreich. Big Willi war eines von 16 Geschwistern und konnte auf 400 Nichten und Neffen verweisen. Der Herr gibt es den seinen.

Das Grab von Big Willi im englischen Sheffield wurde aus weißem Marmor gearbeitet, einem soliden Stück von 37 t Gewicht. Neben den Goldlettern KING und einem freudigen Spiel der farbigen LED-Beleuchtung ziert es eine in Marmor gekleidete Musikbox, die seine Lieblingshits spielt. Dem lauschen einige in Marmor gehauene Heilige seines Grabes und die kärglicher begrabenen Nachbarn. Katholisch also, aber in ganz protzig. Vielleicht hätte die politische Klasse Sheffields das noch hingenommen, aber es wehen auf dem Grab zwei Nationalflaggen Irlands. Das aber ist EU. Das geht der BREXIT-NATION zu weit. Da hat dann selbst der schlechte Geschmack seine Grenzen.

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VERLEGER.

Ehrbare Huren sind sie, die Journalisten. Und das sage ich nicht, weil ich Personen beleidigen möchte oder die Profession. Die Betonung liegt auf dem Ehrbaren. Sie fühlen sich der Wirklichkeit verpflichtet („Sagen, was ist!“) und zeigen Mannesmut vor Königsthronen. Viele von ihnen achte ich; einige sind gar zu bewundern, weil sie schreiben können und es auch tun. Salut!

Der Journalist ist zugleich, das muss man schon einräumen, der abhängig Beschäftigte eines Verlegers, für den er Lohnarbeit leistet. Da mag es Lichtgestalten geben wie Jeff Bezos, dem die Washington Post gehört, der seiner Redaktion gerade untersagt hat, eine Wahlempfehlung abzugeben. Das feiert der Bötchen-Publizist Gabor Steingart als Pressefreiheit, den ich auch schon kannte, als er noch im Arsch eines anderen Verlegers steckte. Nun, ich habe eine ganze Reihe von Verlegern kennengelernt.

Bei Springer war ich für Axel Cäsar zu spät, aber den aufgestiegenen Hafenreporter habe ich noch erlebt; den kleinen Burda aus Offenburg, ein recht kluger Mann, und die WAZ-Erben, darunter proletige Pfeffersäcke, die (ich höre sie noch) ihrem Geld nicht böse waren. Wenn wir schon die Ahnenreihe abgehen, so werden wir auch einräumen müssen einen südafrikanischen Autofabrikbesitzer aus Brandenburg gekannt zu haben, der sich Twitter kaufte.

Nun könnte, wenn man dem antikapitalistischen Impuls hinreichend nachgegeben hat und erst mal gut ist mit Klassenkampf, der Weg zum Erhabenen darin bestehen, dass man keinen Oligarchen zu Willen ist, sondern dem Staat. Diese obrigkeitsstaatliche Speichelleckerei versucht uns ja gerade COLLECTIV schmackhaft zu machen. Ich bin da anders gewirkt; meine Söldnerehre kennt keine Ehrfurcht vor Feldherren. Wir lassen keine Kameraden zurück und keine Waffen; das war es dann aber auch. Wir knien nicht vor den Fahnen, denen wir folgen.

Noch ein dritter Weg ist zu würdigen, das sogenannte KRAUT FANDING; dabei sammelt man Kleinspenden ein und gibt sich mit diesem Geld als Agentur des Gemeinwohls aus. Die Spender werden nicht genannt; vielleicht edle Menschen, vielleicht fragwürdige Agenten mit schwarzem Geld, sicher aber immer eine Anonymitas. Meine süditalienischen Freunde nennen diese Zuwendung „pizzo“; so geht dort Schutzgelderpressung. Auch kein Hort hehrer Moral.

Früher konnte man Verleger leichter hassen, weil sie wirklich dramatische Renditen hatten; ich sage nur CITIZEN CANE oder HUGENBERG. Heute scheint das Geschäft mühsamer, jedenfalls bei denen, die noch Papier bedrucken. Trotzdem wäre über den Verleger der Berliner Zeitung mal zu reden. Oder die SPD als Verlagseignerin. Ja, über den großen Döpfner, den Liebling der Witwe. Aber all das verblasst hinter dem, was man heute als den reichsten Mann der Welt und seine Kampagne zugunsten der NEW RIGHT erleben darf.

Ich bin dabei zu Zurückhaltung aufgefordert, denn ich publiziere dort. Es gilt also auch für mich, was eingangs gesagt wurde. Das ist die innere Schmach aller Federn, dass sie beim Tinteklecksen einen Mut zeigen, der auf dem Papier Bestand hat, aber nicht im Leben. „Das Leben möge sich in Acht nehmen“, schrieb der große Lichtenberg voller Ironie, „wenn ich zur Feder greife!“ Kontrafaktisch.