Logbuch

HERBST.

Der Kalender verzeichnet mit dem 1. September den Herbstbeginn. Das ist für unsere Seelen mehr als nur eine weitere Jahreszeit; es ist ein Stimmungsbruch. Ganz fundamental orakelt das Dichterwort, dass nun der Herr den Schatten über die Sonnenuhren lege. Mach es wie die Sonnenuhr, zähl die heiteren Stunden nur? Damit ist jetzt Schluss.

Aber die Natur ist noch nicht so weit. Was die dürren Monate eines heißen Sommers überstanden hat, steht noch in voller Pracht. Mein großer Ginkgo, der den Wechsel in der Jahreszeit durch ein schrilles Gelb seines Nadelwerks anzeigt, strahlt noch in sattem Grün. Noch ist Sommer. Ohnehin mögen moderatere Naturen das mildere Klima im Frühjahr mehr; und jetzt den Herbst, der indianische Altweiberfreuden zu versprechen weiß.

Das politische Berlin geht wieder an die Arbeit. Aber diese schnöde Hauptstadt kennt keinen Freiraum für Melancholie. Es geht immer mehr gleich zur Sache; der ruppige Ton, das Pissige, herrscht vor. Das wäre hinnehmbar, wenn die Sache das Sachliche meinte, dass man in Ruhe und mit Maß vorträgt. Aber da hat sich die allgemeine Tonlage verändert. Das frühere Privileg des Boulevards, auf jeden noch so kleinen Klotz einen groben Keil zu setzen, wird zum Gemeinrecht. Daran haben die Sozialen, wie man heute kurz sagt, ihren Anteil.

Hier lohnt es sich genau zu sein. Das Problem ist nicht die feuchtfröhliche Stammtischdiskussion. Da weiß man ja in der Kneipe, wer was sagt und ob er es auch meint. Das Problem ist die Simulation von Volkes Stimme auf den Plattformen des Internets, die nicht erkennen lassen, wer und was hinter ihnen steckt. Wahlen werden so beeinflusst und Völkerwanderungen ausgelöst. Kriege angezettelt. Hinzukommt, dass eine geschickte Propaganda ihre Lügen auf den Fels fester Vorurteile baut, also solide begründet.

Jüngst die Ansage gegen Briefwahl, weil meist manipuliert. Da ist er der Mythos von der dunklen Macht eines tiefen Staates, gegen die jeder Putsch der Zornigen geradezu Naturrecht. Das unterhöhlt jede Demokratie, ungeachtet der Tatsache, dass es dafür schlicht an irgendeinem Beweis fehlt. Gerade lese ich dazu ein schönes Motto: Es ist kein Problem, wenn Fakten zu starken Meinungen führen; ein Problem ist, wenn Meinungen als Fakten gelten.

Zurück zum Stimmungswandel. Endlich verlassen wir wieder die Zeitzone des Glücks und der guten Laune, um uns düsteren Gefühlen widmen zu können. Vergängliche genießen die Vergänglichkeit und ersehnen Depression. Man sagt ja, dass diese dunklen Seelen auf Sonnenmangel beruhen. Als Deutsche suchen wir den Schatten, auch im Intellektuellen und allemal bei Fragen der Moral. Unsere thymotischen Leidenschaften sind weit größer als die der Erotik. Lehrsatz.

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KEIN KOMMENTAR.

Merz ist ein hagerer Hagestolz, der seinen Zorn nicht beherrscht. Herrisch, der Pinsel. Kein geborener Staatsmann. Das mal vorweg.

Was muss sich aber der amtierende Bundeskanzler bei RTL von einer pissigen Influencerin sagen lassen, die als „Doktor Bea Kinderärztin“ die Stimmung gegen die Reform der Gesetzlichen Krankenversicherung mit Vorwürfen anheizt, denen jedes Maß fehlt? Vorsatz und Menschenverachtung? Eine rhetorische Frage? Ja und nein.

Man hört von der pädiatrischen Schutzpatrone, dieser Matrone, der Kanzler handle vorsätzlich menschenverachtend und breche willentlich seinen Amtseid, weil seine Regierung für das Blaumachen einen medizinischen Grund schon ab dem ersten Tag der Krankschreibung verlangen wolle. Es wird Schädigung des Kindeswohls aus niedrigem Beweggrund unterstellt. Darauf wirkte Friedrich Merz angefasst. Die Vorwürfe sind zweifellos unangemessen, aber im Stile der Zeit. Das ist neuerdings Volkesstimme im rechtspopulistischen Aufwind. Eine Nummer kleiner haben sie es nicht.

Zu Wort meldet sich im Kommentar mein Berufskollege, der frühere Regierungssprecher Bela Anda: Merz könne das Format nicht. Er reagiere ehrpusselig. Ich weiß nicht, wie Andas damaliger Chef, der fabelhafte Gerd Schröder, auf solche Fundamentalvorwürfe geantwortet hätte, und erinnere schon gar nicht, dass ausgerechnet Anda ein Händchen in der Vorbereitung von TV-Auftritten hatte, aber sei‘s drum. Für meine Begriffe muss sich Merz nicht wegen minimaler Korrekturen in der Gesundheitspolitik öffentlich zur Unperson erklären lassen. Die Demokratie will Debatte, gewährt dafür aber Respekt. Das hat auch in den Sozialen zu gelten. Allemal bei Radio Luxemburg.

Was mir überhaupt auffällt, ist die ansatzlose Aggressivität mit der Politiker angegangen werden. Selbst auf dem Dorf glaubt jeder Herr Gesangsverein mit Beleidigungen umgehen zu sollen, wenn Mandatsträger im Raum. Die frühere Reaktion auch von Fritze Merz, sofort nach der Justiz zu rufen, ist sicherlich falsch. Dies ist ein freies Land. Und es soll frei bleiben. Wir gewähren Meinungsfreiheit auch für falsche Vorwürfe. Aber pflegen wir deshalb in journalistischen Formaten den rechten Populismus? Ist ein Kinderschänder, wer für‘s Krankfeiern gerne eine medizinische Indikation hätte?

Was Politik also lernen muss, das ist wie man mit Pöblern umgeht. Wie man bei persönlichen Angriffen ruhig bleibt. Warum man sich mit Polemik nicht dadurch gemein macht, dass einem selbst der Ton entgleitet. Ich werde mit Fritz jetzt üben. Er wird demnächst sagen können: „Ich verstehe Ihr Engagement, aber auf persönliche Unterstellungen möchte ich nicht antworten.“ Es reicht übrigens oft auch ein einfaches „no comment“. Das trägt man mit ruhiger Stimme und nachdenklichem Ponem vor. Papst Leo macht das gut.

Was ist mit dem Spruch, dass, wer die Hitze nicht ertrage, die Küche zu verlassen habe? Nicht bei Miele, wie ich gestern las. Bei Miele kocht nichts über, bei Miele brennt nichts an. So hält man es in Ostwestfalen Lippe. Das muss die beleidigte Leberwurst aus dem Siegerland nun lernen. Sonst wird das nix.

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FLAPPING EAGLE, DER FLATTERMANN.

Die Umbenennung von Meeren wie Seen, wie sie der amtierende Präsident der USA vornimmt, ist ja keine imperialistische Geste neuerer Art, sondern von gewachsener Tradition. Der Eigenname des Ontario Sees entstammt der vormodernen Besiedlung durch irgendwelche Indianer, die sich mittlerweile den Euphemismus von „First Nations“ angeeignet haben. Mein landmannschaftlicher Zugang zu der schier endlosen Tundra nördlich der Großen Seen ist der Roman „Nobody Loves a Drunken Indian“ von Clair Huffaker. Dessen deutscher Titel („Nur ein toter Indianer ist ein guter Indianer“) ist fehlleitend; es handelt sich um ein Gründungswerk der Red-Power-Bewegung, zu deren Urmythen Flapping Eagel, der Protagonist, gehört. Der Flattermann. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.

Der Anschluss Kanadas an Europa ist ohne weiteres möglich. Das scheint dem Imperator der amerikanischen Neuen Rechten nicht so ganz klar. Ich meine dabei nicht das Frankophone in Quebec und anderen Städten der Rentierjäger; das ist eher eine hübsche Episode in einer Einwanderungsnation, die so dünn besiedelt ist, dass man die Völker der Welt geradezu einlädt, soweit jung genug und gebildet. Da kommen folglich mehr Asiaten als Islamisten. Ich sehe sogar Sikhs in Parlament. Sichtbare Minderheiten, so nennt sich das hier offiziell. Überhaupt ein buntes Gemisch tüchtiger Menschen. Und zurzeit ein blendender Premier.

Ich würde den Imperialen in den USA gerne folgendes zurufen: Das Herzstück Canadas heißt New Brunswick (Neu Braunschweig) und ist historisch unter der Herrschaft der Welfen. Diese Hochwohlgeborenen bestücken seit Urzeiten den englischen Thron und haben keine Hemmung, ihre Ansprüche von New Brunswick, Can. auf Minnesota oder New York auszudehnen. Die dämlichen Flächenstaaten in den Überflugstaaten der USA interessieren nicht so sehr, so dass man einfach mitten durch die US of A einen Strich ziehen könnte. Geht doch glatt, siehe Korea. Das dann gigantische Nordamerika würde fürderhin aus der Hauptstadt New Brunswicks regiert, dem heutigen Fredericton (Friedrichstadt). Den Rest, also den Süden, kann Jeff Bezos als New Amazon übernehmen.

Die verbleibenden Territorialkonflikte bestehen dann vielleicht noch aus der alten Hassliebe Hannovers zu Braunschweig, aber nicht mehr dem Unsinn um Washington oder Wyoming. Darauf gehe ich heute Abend mit Flap (Kosenamen von Flapping Eagle) einen trinken.

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FUSIONSKÜCHE.

Gestern zum Dinner zu Dong A, einem Hotelrestaurant, das sich selbst mit den Modewörtern einer mediterranen Fusionsküche der feinen asiatischen Art bewirbt und die Anmutung eines etwas edleren Vietnamesen hat. Ich hatte von FUSION schon gelesen, aber stets als ein Chi-Chi gemieden. Nun, es war gut. Panierte Langusten und eine Entenbrust in Honig.

Kleine, aber klug zusammengestellte Weinkarte. Zehn deutsche Weiße von 30 bis 99 €; kann man nicht meckern. Dessert wie bei allen Asiaten dürftig, weil diskultural. Womit wir bei der FUSION als die Verbindung von Unterschiedlichem sind. Eine Fusion von japanischer Küche mit koreanischer, das würde hierzulande niemand bemerken. Zu chinesischer Küche habe ich mich schon geäußert: Ich nehme weltweit die 69; meist als „Acht Köstlichkeiten“ in der Karte, sprich Essensreste in Glutamat.

Keine ironische Anmerkung möchte ich zu meinen Berliner Mitbürgern machen, die aus Vietnam stammen, schon zu DDR-Zeiten zugewandert sind und sich nun als sehr fleißige Betreiber von Garküchen beweisen. Oder, das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte im Blumenhandel. Ich vermute dahinter Höheres. In allen Mischkulturen, die sich aus Migration nähren (pun intended) gehen Esskulturen der Heimaten Milderungen ein oder Substitution seltener Zutaten durch verfügbare Lebensmittel. Vely hot is no good fol toulist. Das ist verzeihlich.

Kritisch sollte man das kulinarische Mischmasch sehen, in dem der Exotismus des Fremden nur vordergründig erhalten bleibt und lediglich den örtlichen Fraß aufhübscht. Ich esse kein Säbelfleisch vom Drehspieß, vulgo Döner, wo Gehacktes von der Pute als „Hähnchenfilet“ vermarktet wird. Mit der Fusion genannten Panscherei liegen dann auch Schweinswürste direkt neben dem halal Lamm. Das Zicklein in der Milch seiner Mutter. Ich frage also: Ist mir das koscher?

In den Städten, die als Schmelztiegel gelten, assimilieren sich die Küchen wie die Kulturen. In England gilt „chicken marsala“ als beliebtestes Gericht der Küche Indiens, worüber der Pakistani staunt, der es für urbritisches Junk Food hält. Auf Berlins Kantstraße hängen Enten am eigenen Schlund im Fenster, die es von Peking  bis hier geschafft haben. Das wahre Fusionsgericht ist aber von der deutschen Sau, und zwar im Schafsdarm, mit dem amerikanischen Tomatenzucker und indischem Gewürz, zusammen mit Stäbchen von französischen Erdäpfeln aus der Fritteuse.

Ich rede von Currywurst Pommes Majo, meiner Fusionsküche. In dem von den Alliierten beherrschten Westberlin geboren, am besten bei Dönninghaus in Bochum. Wer jetzt Grönemeyer sagt, ist tot.