Logbuch

RESPEKT.

Was mir alles durch den Kopf geht.

Ich bin, weiß Gott, kein Katholik, aber der neue Papst gefällt mir. Zunächst dachte ich, es liegt an seinen sprachlichen Fähigkeiten; er spricht für einen Ami ein ganz passables Englisch, hervorragend Italienisch und wohl auch Spanisch, allemal Latein. Es ist aber etwas anderes. Sein Lächeln deutet an, dass er Humor hat und den Menschen zugewandt ist. Meine eigene Religion ist bevölkert von Protestunten, die alles anstellen, solange es kein Gottesdienst ist. Ich habe den Respekt verloren.

Von Olaf Scholz, dem letzten Kanzler, höre ich, dass er als Pensionär ein Büro mit acht Mitarbeitern unterhalten wird, zum Teil in sehr noblen Besoldungsstufen. Natürlich auf unsere Kosten. Diese Unverschämtheit teilt er mit Angela Merkel, seiner Vorgängerin. Man bewegt sich jeweils in zwei Panzerlimousinen mit jeweils zwei Fahrern. Ein Standard, den man Gerd Schröder verweigert. Der Scholzomat hat aber nichts gebacken gekriegt und ein eigentlich gutes Projekt, die Ampel, vermasselt. Ich habe den Respekt verloren.

Gestern, obwohl ich die Roten immer meide, an einer Esso-Tanke den Wagen gewaschen. An der Halle steht noch immer „Tiger Wash“. Der Slogan „Put the tiger in your tank“ dürfte inzwischen 65 Jahre alt sein. Er versprach längere Laufleistung, höheres Drehmoment und bessere Laufruhe; alles gelogen. Die Tankstellen aller Marken werden rund um Raffineriestandorte oder Tanklager versorgt; überall die gleiche Suppe. Nur die Zapfgläser unterschiedlich eingefärbt. Man sollte sich auch von sogenannten Additiven nicht täuschen lassen. Werbung ist die Lizenz zur Lüge. Sozial tolerierte Täuschung. Gilt für Werbung wie für PR. Ich weiß, dass die Branche und ihre Hofschranzen in der Wissenschaft das anders angesehen haben wollen, aber da fehlt es mir an Respekt.

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WELTPOLITIK.

Einen richtigen Schuster, Meister des Schuhmacherhandwerks, findet man heutzutage nur noch selten; die Schlüsselbuden von Mister Minit sind kein wirklicher Ersatz. Begeistert über meinen Fund in der Berliner Nachbarschaft bringe ich gleich drei Paar Schuhe hin und ein Uhrenarmband. Ich halte den Meister für einen Türken oder Kurden und habe mir eine ausführlichere Belehrung verdient. Er ist Armenier.

Über der Tür zur Werkstatt sehe ich ein Cruzifix und frage erstaunt, ob es denn auch christliche Armenier gebe. Damit habe ich mich als Depp erwiesen. Klar, sagt er, die ersten! Was ich erst zuhause nachlese: Zur Zeit des Ersten Weltkrieges hat es einen regelrechten Völkermord an den Armeniern gegeben, was nationalistisch gesinnte Türken nicht gern hören, aber stimmt. Ich nehme mir vor, Menschen, die ich treffe, nach ihrer Geschichte zu fragen; ohne Scheu, geradeheraus.

Ich kenne hier um die Ecke eine Kosmetikerin, die aus dem Iran hat fliehen müssen, weil die Diktatur der Mullahs ihr Leben als Wissenschaftlerin beendete. Die Mutter in bitterer Armut zurücklassend. Ich werde sie demnächst darauf ansprechen. Und dann kenne ich den Pressesprecher einer Urananreicherungsanlage in Gronau; das ist in NRW. Da wird seit vierzig Jahren Uran in Zentrifugen angereichert, bis es zum Kernbrennstoff reicht. Sind das jene Anlagen, die im Iran beschossen werden sollen? Wo ist die Grenze zur Bombe? Man wird sich über Rüstung schlau machen müssen.

Wo wir über Schuster reden; der im Westerwald klingt mir nach einem Russlanddeutschen. Auch ein netter Mann. Da könnte ich mich über Stalin schlaumachen. Und das Leben unter russischer Hegemonie. Wir sollten die großen Fragen der Geschichte wieder zu den kleinen Leuten zurückbringen. Die Menschen machen ihre Geschichte selbst, wenn auch nicht aus freien Stücken. Lasst uns darüber im Alltag ohne Scheu reden.

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SCHULE DES LEBENS.

Zum Gespött meiner Jugend gehörte der Beruf des Schiffschaukelbremsers. Fasziniert haben mich Kirmesboxer, Teslafahrer und Raupengrabscher. Helden, aber auch Halbseidene. Fahrendes Volk. Aber der Reihe nach.

Fronleichnam ist heute, ein sehr katholischer Feiertag, an dem man in Prozessionen Monstranzen vor sich herträgt mit einer geweihten Hostie, was die Anwesenheit des Körpers des Herrn („vron“) feiern soll; viel religiöser Humbug. Für Kinder des Reviers war dies ein ganz eigener Festtag: es eröffnete die Fronleichnamskirmes in Oberhausen-Sterkrade, ein Volksfest gigantischen Ausmaßes, jedenfalls für Kinderseelen.
Und eine Schule des Lebens.

Exemplum Nummer Eins: Die Boxbude. Ich entdeckte früh, dass die jungen Männer aus dem Publikum, die die zahnlosen Matadore nach Strich und Faden verdroschen (das Publikum johlte vor Vergnügen) immer die gleichen waren. Volksschauspieler der Kategorie „Junger Mann zum Mitreisen gesucht“ (Plakataufschrift). Nur ab und an ließ sich ein Betrunkener von seinen Saufkumpanen in den Ring heben, der dem wirklichen Publikum entstammte; das ging eigentlich immer übel aus. No dutch courage.

Exemplum Nummer Zwei: Der Autoscooter. Die kleinen Elektrogefährte waren mit dicken Ballonpolstern ummantelt, so dass man es auf willkürliche Crash-Situationen geradezu anlegte (insbesondere weibliche Festplatzbesucher zum Ziel nehmend). Bezahlt wurde mit Chips, die vorher am Kassenwagen zu lösen waren. Die jungen Männer des Mitreisens hatten allerdings eine Art Schuhlöffel, den sie in die Chipschlitze steckten und so unbegrenzt fahren konnten; man rettete damit auch schon mal festgefahrene Mädchen (was unsere Bewunderung wie Neid erzeugte). Die mit dem Schuhlöffel waren die Helden der Selbstfahrerinnen. Dicke Hose.

Exemplum Nummer Drei: Die Raupe. Ein rundlaufendes Karussell mit einer Berg-und-Tal-Strecke, das hohe Geschwindigkeit aufnahm und für die letzten drei oder vier Runden das Verdeck schloss, die Passagiere also in eine erwartbare Intimität hüllte. Die örtlichen Jungfrauen entstiegen der Raupenfahrt dann mit einer leichten Rötung der Wangen, um sich im hinteren Teil der Raupe zusammenzuscharen, auf dass sie ein junger Mann zu einer erneuten Fahrt einlüde. Der Knabe in mir war fassungslos, der Mann ahnte was.

Die Sterkrader Fronleichnamskirmes. Wer so sozialisiert ist, der meidet Mutbeweise, fährt wie Elon Musk elektrisch und ahnt, warum sie Miniröcke tragen, die Luder. Auf zur Geisterbahn.

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KNAST AUF RÄDERN.

Wenn der Anhänger des Campings nicht nur einen Anhänger hat, sondern dieser gar ein eigenes Fahrgestell mit Motor, dann nennt man das wohl TRAILER. Es handelt sich um eine fahrbare Wohndose. Meist mit Chemieklo und Gaskocher. Die Wohndosen gibt es spärlich, aber auch herrlich, vom Bulli rauf bis zum Luxus-LKW. Mir ist alles recht, auch ein Gelsenkirchener Barock auf Fiat-Chassis, das mit Tenpo 100 auf der rechten Spur rumdümpelt. In meiner Welt soll jeder nach seiner eigen Facon selig werden.

Mir fällt aber auf, dass all diese Schüsseln ihr Heck mit Sinnsprüchen zieren. Man erfährt, dass die Besatzung unterwegs sei. On the road. Echt jetzt? Dass man die Rente genieße. Ist das wahr? Und dass man im Hotel nur zu Gast sei, in der Wohndose aber zuhause. Die Besatzung nennt ihre Kosenamen oder den der Hunde; das weiß man nicht so genau. Bildwitze, unbehändte Karikaturen. Alta Schwede.

Woher der Legitimationsdruck? Die Karre kostet mindestens 200k; dafür kann ich zwanzig Jahresurlaube ins Hotel. Mit Mitte siebzig Lenzen eine kühne Kalkulation. Man kann das auch anders rechnen. Boulevardnotorisch sind die sehr attraktiven Damen russischer Zunge an der Hotelbar, die der Plebs „Tausend-Dollar-Nutten“ nennt. Rechnen wir das mal in Euro. Statt der Wohndose könnte man sich 200 dieser Professionellen leisten. Damit wäre man ja 30 Wochen beschäftigt, vorausgesetzt man würde jeden Abend wollen; sprich wollen können. Wer sich an das Luthersche Maß „In der Woche zwie/ das ist des Weibs Gebühr“ hielte, der hätte geschlossene zwei Jahre abzudienen. Das ist auch für einen 75jährigen rüstigen Rentner mal ein Programm.

Aber der Boulevardvergleich geht fehl. Das Trailertum ist familiär angelegt. Es reisen jene so mit ihren Gatten, die schon heimlich auf das Witwentum hoffen. Und die Abstellplätze vor den touristischen Attraktionen sehen ja auch aus wie Lager; wären die Räder nicht, könnte man von einem Knast mit Doppelzellen sprechen. Jeweils mit einer ungeduldig wartenden Witwe. Folglich verstehe ich die Entschuldigungssprüche auf den Campern. Die Jungs haben sich halt dramatisch verrechnet und trösten sich nun mit den albernen Ausreden selbst. Eigentlich bitter.